Als der Ungar Viktor Filutas mit Schrittmacher Peter Bäuerlein wie entfesselt seinem EM-Triumph entgegenfuhr, verließ Daniel Harnisch noch während des Rennens frustriert die Radrennbahn. Auch Franz Schiewer packte zu diesem Zeitpunkt seine Sachen und war bitter enttäuscht. „Bei einer EM wegen zu vielen Überrundungen vorzeitig von der Bahn zu müssen, das tut schon weh“, sagte der 34 Jahre alte Radsportler über ein denkwürdiges Finale der Steher-Europameisterschaft.
Verrückter EM-Start, wildes Gedränge
Die beiden Lokalmatadoren des RSC Turbine Erfurt erlebten einen bitteren Nachmittag, nachdem sie tags zuvor noch als souveräne Vorlaufsieger groß gefeiert worden waren. „Das war eine wahnsinnige Stimmung. Vom Gefühl her war es so, als hätte ich schon gewonnen“, sagte Schiewer, der in Erfurt im Jahre 2018 schon einmal EM-Gold geholt hatte. Diesmal aber sorgte der siegreiche Ungar mit einem Raketenstart im Rennen über eine Stunde für ein wildes Gedränge hinter ihm. Nach drei Minuten ging er in Führung und gab seine Position nicht mehr her.

Wenig später herrschte hinter ihm hektisches Treiben. „Zu diesem Zeitpunkt waren noch 50 Minuten zu fahren. Es wäre klüger gewesen, nicht direkt dagegenzuhalten, sondern kontrolliert zu fahren und dahinter seine Medaillenchance zu suchen“, sagte EM-Organisationschef Jörg Werner. Einen Vorwurf machte er den beiden Startern vom RSC Turbine aber nicht: „Das war ein verrücktes Rennen, wie ich es auch noch nicht erlebt habe. Vor allem freue ich mich, dass mit Luca Harter als Dritter trotzdem ein Deutscher eine Medaille geholt hat.“
Harnisch verliert Rolle des Schrittmachers und steigt aus
Harnisch fuhr nach etwas mehr als der Hälfte des Rennens an dritter Position. Dann verlor der 32-Jährige die Rolle seines Schrittmachers Thomas Baur und gab auf. Der niederländische Titelverteidiger Reinier Honig wurde mit Jos Pronk Zweiter. „Wir müssen selbstkritisch sein, weil wir alles selbst in der Hand hatten“, sagte Schiewer, für den kurz nach Harnisch das Rennen ebenfalls beendet war.
Es hat sich erstaunlich gut angefühlt, aber am Ende war es ein harter Kampf.
Lena Charlotte Reißner vom SSV 1990 Gera, Europameisterin im Derny
Trotzdem erlebten die Zuschauer eine Thüringer Gewinnerin. Im Finale der Derny-Frauen behauptete sich Lena Charlotte Reißner vom SSV 1990 Gera mit Schrittmacher Marcel Möbus vor der aus Jena stammenden Pfälzerin Messane Bräutigam mit Bäuerlein als Tempomacher. „Es hat sich erstaunlich gut angefühlt, aber am Ende war es wieder ein harter Kampf. Ich bin mega glücklich, hier gewonnen zu haben“, sagte die Titelträgerin. Bei den Männern siegte Moritz Augenstein vom RSV Irschenberg mit Schrittmacher Christian Ertel.

Jörg Werner zog trotz des aus Sicht des gastgebenden RSC Turbine Erfurt bitteren EM-Finals ein positives Fazit. „Wir hatten an beiden Tagen 3500 Zuschauer auf der Bahn. 55 ehrenamtliche Helfer waren im Einsatz, was für mich auch ein schönes Zeichen für ein lebendiges Vereinsleben ist“, sagte der Organisationschef der Titelkämpfe.
Und die geschlagenen Lokalmatadoren? Ob Daniel Harnisch und Franz Schiewer im kommenden Jahr wieder im RSC-Trikot antreten oder sie sich voll und ganz auf Familie und Beruf konzentrieren werden, ist noch offen. „Da brauche ich ein wenig Zeit, um darüber nachzudenken. Aber wenn ich das Erfurter Publikum sehe, würde ich schon gern weitermachen“, war Schiewer hin- und hergerissen.




