Tritt Formel-1-Weltmeister Max Verstappen das Gaspedal durch, beginnen ihre Augen zu funkeln. Hat es jemand im Straßenverkehr hingegen allzu eilig, ficht das Anika Niederwieser nicht im Geringsten an. Die Handballerin des Thüringer HC kennt die wilden Straßen Roms. Dort hat sie das Autofahren gelernt. Die römische Schule stählt fürs Leben. Hupen oder Drängler hierzulande lassen sie kalt. Dann macht sie schon mal extra langsam. Entschleunigen kann sie allerdings anderswo, bei einem traditionellen Espresso Macchiato, einem Espresso mit einem Schuss geschäumter Milch – und vor allem weit oben.
Der Peitlerkofel besitzt majestätische Züge, wie er sich vor der malerischen Kulisse im Nordwesten der Dolomiten von den Almwiesen in den Himmel hebt. Der Panoramablick ist gigantisch. An klaren Tagen soll er bis Venedig reichen. Eine Stunde ist der Sehnsuchtsberg vom Südtiroler Zuhause in Brixen weg. Lange schon denkt Anika Niederwieser an einen Aufstieg auf den knapp 3000 Meter hohen Gipfel – und hat ihn sich für die Zeit nach dem Handball aufgehoben. Diese Zeit bricht demnächst an.
Der Ruf der Berge und der nahe Abschied
Zehn Jahre ist es her, dass die 1,85 Meter große Italienerin das erste Mal zum Thüringer HC gekommen ist. Nach einem dreijährigen Stopp beim TuS Metzingen kehrte sie 2021 nach Thüringen zurück, um nach einer erfolgreichen Dekade in der Handball-Bundesliga Frauen (HBF) nun ade zu sagen. Sie hätte Lust, das Trikot mit der Nummer 14 weiterhin überzuziehen. Aber das Leben nach dem Handball lockt stärker. „Es ist an der Zeit“, findet die 34-Jährige. Vor allem der Kopf sagt das so. Als Beleg genügt ein Blick auf ihre linke Hand.

„Schön sieht er ja nicht aus“, winkt sie lächelnd ab. Der linke Ringfinger lässt sich noch nicht strecken. Die Heilung des vor wenigen Wochen gebrochenen Gelenks braucht Zeit. Sie hofft, es wird. Doch das „Handicap“ hält die Abwehrspezialistin des Thüringer HC nicht davon ab, mit Spezialschutz in den entscheidenden Spielen zurückzukehren und alles daran setzen zu wollen, um der Mannschaft helfen zu können. Die Finger sind oft getapt. Eine Farbe auf die Nägel – und die Handballwelt ist bunt.
Auch interessant
Siegen oder fliegen: Thüringer HC vor Alles-oder-Nichts-Spiel
Gegen die HSG Blomberg-Lippe geht es in der Salza-Halle an diesem Sonntag im zweiten Playoff-Halbfinalspiel um die Deutsche Meisterschaft bereits um alles (3. Mai, 19 Uhr). Nach der Niederlage vor einer Woche müssen die Thüringerinnen gewinnen, um im Kampf um den Finaleinzug ein Entscheidungsspiel zu erzwingen. Siegen oder fliegen. „Wir müssen das Herz auf dem Feld lassen“, fordert Niederwieser – ob sie mitspielen kann oder nicht.

„Natürlich hat Anika gefehlt“, meinte THC-Kapitänin Josefine Hanfland am vergangenen Samstag nach dem 25:31 in Blomberg. Die Tirolerin und die noch etwas größer gewachsene Südtirolerin bilden ein Herzstück der THC-Mannschaft – abseits des Feldes und auf der Platte. Kaum eine blockt so viele Würfe wie Anika Niederwieser. Sie kann im Zentrum hinlangen. Sie musste über die Jahre aber auch eine Menge einstecken. Zwei Kreuzbandrisse, einige weitere Verletzungen; in der vergangenen Saison hatte ein anderer Finger in einer wichtigen Phase einen Bruch erlitten.
Auch interessant
Kind der Berge, Kind des Handballs – und das Herz in der THC-Abwehr
Dass sie eine zentrale Defensivrolle ausfüllen sollte, ist einst nicht unbedingt so zu erwarten gewesen. Dass ihr Herz im Handball aufgeht, dagegen schon. Anika Niederwieser ist ein Kind der Berge, wie jeder in der Familie. Johan Niederwieser, einem Großonkel ihres Großvaters, werden einige Erstbesteigungen in den Dolomiten zugeschrieben. Die 34-Jährige ist jedoch vor allem ein Kind des Handballs.

Vater, Mutter, Onkel, Tanten, ihr Bruder, einst auch ihr Opa – die Niederwiesers könnten fast eine eigene Mannschaft stellen. Der Name besitzt im italienischen Handball besonderen Klang. Vater Michael Niederwieser gewann mit Brixen zwei Meistertitel und holte später mit Meran den Titel. Er hielt rund 150-mal im Tor der Nationalmannschaft und war ein Jahr Nationaltrainer der grün-weiß-roten Damenauswahl. Sein Bruder Markus bestritt 17 Länderspiele, die Schwestern Elke (134) und Klaudia (3) liefen ebenso für Italien auf. Anika ist außerhalb der Landesgrenze die Erfolgreichste, der Stolz des Südtiroler Handballs.
So laufen die Play-offs in der Handball-Bundesliga Frauen
- Mit Beginn der Halbfinalserie spielen die ersten vier Teams der Hauptrunde den deutschen Meister 2025/26 aus. Die HSG Blomberg-Lippe schlug den Thüringer HC zu Hause mit 31:25 (13:10). Borussia Dortmund hatte als Hauptrunden-Zweiter gegen die HSG Bensheim/Auerbach Heimrecht und gewann 34:32. und gewann 34:32 (18:17)
- Am 2. Mai (Samstag, 18 Uhr) hat Bensheim nun Dortmund im zweiten Spiel zu Gast. Das zweite Duell zwischen dem THC und Blomberg-Lippe beginnt am 3. Mai (19 Uhr) in der Salza-Halle, es wird im Free-TV (DF1) übertragen.
- Im Falle eines Ausgleichs wird ein entscheidendes drittes Spiel um den Finaleinzug am 9. Mai ausgetragen.
- Danach wird die Finalserie angesetzt. Der Kampf um den Titel wird wie das Halbfinale im Modus „best of three“ ausgetragen. Zwischen den Verlierern der Halbfinalserie entscheidet eine Partie über den dritten Platz.
- Die Halbfinal-Partien werden gespielt, bis es einen Sieger. Bei einem Unentschieden geht es maximal bis zu zweimal in die Verlängerung. Sollte danach immer noch Gleichstand herrschen, kommt es zum Siebenmeterwerfen.
- Seit dem 18. April werden unter den Teams auf den Hauptrunden-Plätzen 5 bis 11 über sieben Spieltage die weiteren Platzierungen ausgespielt.
- Dem Playoff-Fünften winkt die direkte Qualifikation für das DHB-Pokal-Viertelfinale der Saison 2026/27 sowie ein fester Startplatz in der EHF European League. Für den Sechsten kann ein zusätzlicher European-League-Startplatz beantragt werden. Der Playoff-Elfte muss in die Relegation gegen den Zweiten der 2. Bundesliga.
„Anika Königin in Deutschland“, schrieb „La Gazetta dello Sport“ einmal. Die Tageszeitung hob 2016 die damals 24-Jährige hervor, die den Supercup gewonnen hatte. Das erste Pflichtspiel beim THC, der erste Titel, acht Tore – stärker hätte die zuvor fünf Jahre beim vom Land initiierten Zukunftsprojekt „Futura Roma“ geförderte Rückraumspielerin kaum in Thüringen einschlagen können.

Das Handball-Gen der Niederwiesers
„Ich hatte unfassbar viele schöne Momente“, erzählt die langjährige Nationalspielerin. In Recife wurde sie nach dem WM-Triumph der deutschen Fußballer 2014 in Brasilien zur besten Abwehrspielerin der Beachhandball-WM gekürt. Sie ist die erste und einzige Italienerin, die mit dem THC-Triumph 2018 im Ausland eine Meisterschaft gewonnen hat. Und die einzige Italienerin, die sich in der European League mit dem größten aller THC-Erfolge die Krone aufsetzen konnte (2025).
„Ein Pokalsieg fehlt“, bedauert Anika Niederwieser nach der verpassten Chance im März. „Leider.“ Eine doppelte Krönung ihrer Karriere nach einem erneuten Supercup-Gewinn kann noch kommen. Ein Sieg am Sonntag öffnete den Kampf um die Deutsche Meisterschaft. In Dijon lockt beim Final Four erneut der Thron in der European League.
Einen besseren Abschied könnte es kaum geben. Von oben ist der Blick unübertroffen.
Playoff-Halbfinale, zweites Spiel: Thüringer HC – HSG Blomberg-Lippe, Sonntag, 19 Uhr, Salza-Halle (live im Free-TV bei DF1 und kostenpflichtig im Livestream bei Dyn).





