Dass Carsten Kammlott vor einem halben Jahr seine aktive Karriere als Fußballer beendet hat, sieht man ihm nicht an. Die Clublegende des FC Rot-Weiß Erfurt ist noch immer durchtrainiert und versprüht viel Tatendrang. Beim RWE-Talk von Funke Medien Thüringen erzählt der 35 Jahre alte Ex-Stürmer auch über sein Abschiedsspiel im vergangenen Juni – und widerspricht, es habe Misstöne zwischen ihm und seinem Herzensclub gegeben.

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„Nein, überhaupt nicht“, sagt Kammlott auf die Frage von Moderator Marco Alles, ob er enttäuscht gewesen sei, dass kein Verantwortlicher des FC Rot-Weiß Erfurt dabei gewesen ist. „Was daraus gemacht wurde, war Quatsch. Ich bin etliche Jahre weg. Von den Verantwortlichen aus meiner Zeit ist ja keiner mehr da. Das nehme ich Erfurt nicht krumm.“ Viel wichtiger sei ihm gewesen, dass einstige Weggefährten wie Ronny Hebestreit, Jens Möckel oder Christian Beck den emotionalen wie tränenreichen Tag in Bad Frankenhausen mit ihm gemeinsam verbrachten.

Der Mittelstürmer, der mehr als 13 Jahre das Trikot des FC Rot-Weiß trug und in 191 Pflichtspielen 92 Tore erzielte, ist längst im Leben nach dem Profifußball angekommen. Mit seiner Familie hat er sich in Nausitz, einem Ortsteil von Roßleben-Wiehe, niedergelassen. Dort kam er vor drei Jahren auf überraschende Weise zu einem Ehrenamt. Seit Juni 2022 ist der einstige Profifußballer der Bürgermeister der knapp 180 Einwohner zählenden Gemeinde.
„Das war eher ein kurioser Zufall. Ich habe den Leuten gesagt, wenn sie Lust haben, können sie mich draufschreiben“, erzählt Kammlott. Denn niemand war damals bereit zu übernehmen, als der alte Amtsinhaber nicht mehr antreten wollte. Bis zum Ende der Einreichungsfrist war kein Wahlvorschlag eingegangen. Auf dem leer gebliebenen Wahlzettel durfte jeder Wähler einen Vorschlag schreiben.
Kammlott gewinnt Stichwahl um Bürgermeister-Amt
33 Mal stand dort der Name des parteilosen Ex-Fußballers, der für viele wie geschaffen schien für die Aufgabe. Kammlott hatte gerade die Prüfung als Verwaltungsfachangestellter abgeschlossen und arbeitet in der Stadtverwaltung von Bad Frankenhausen. Er distanzierte zwar einen weiteren Vorschlag um zehn Stimmen. Doch die Wahlordnung wollte es, dass eine Stichwahl angesetzt wurde. 58 von 86 Wählern stimmten diesmal für ihn.
RWE-Talk
In der Gesprächsreihe von Funke Medien Thüringen befragt Sportchef Marco Alles regelmäßig Protagonisten des FC Rot-Weiß Erfurt zu sämtlichen Themen rund um den Verein. Im RWE-Talk geht es aber nicht nur um den Fußball, sondern auch um den Menschen hinter dem Sportler. Was zeichnet ihn aus? Was treibt ihn an? Womit beschäftigt er sich, wenn der Ball mal nicht rollt? Zu sehen sind alle Interviews auf dem Youtube-Kanal von Funke Thüringen.
Zu Beginn seiner Amtszeit hielt er sogar eine Sprechstunde ab, aber kaum jemand kam. „Anscheinend ist alles in Ordnung. Und wenn es doch mal Probleme gibt, sprechen mich die Leute im Dorf einfach direkt an“, sagt der Familienvater.
Ganz ohne Fußball kann das Leben von Carsten Kammlott aber doch nicht stattfinden. Nach seinem Abschied beim Thüringenligisten SV Blau-Weiß Bad Frankenhausen steht er als Trainer der ersten Männermannschaft des Kalbsriether SV an der Linie: „Der aktive Fußball fehlt mir schon. Zum Glück kann ich im Training mitkicken. Das lasse ich mir nicht nehmen.“ Auch wenn der Spaß im Vordergrund stehen soll, der Ex-Erfurter ist noch vom Ehrgeiz gepackt. Dass seine Elf nach 13 Spielen mit sieben Punkten auf Platz zwölf der Kreisoberliga Nordthüringen im Abstiegskampf steckt, stört ihn.

Auch die Jugend hat er in Kalbsrieth schon trainiert. Obwohl es schon zehn Jahre her ist, wurde er selbst von den jungen Fußballern auf die Sternstunde seiner Karriere angesprochen. Mit seinem sensationellen Skorpion-Kick erzielte er im August 2015 einen Treffer gegen Dynamo Dresden, der zum Tor des Jahres der ARD-Sportschau gewählt wurde: „Im ersten Augenblick war mir gar nicht bewusst, was für ein außergewöhnliches Tor mir da gelungen war. Der Moment im Sportschau-Studio ist für mich unvergessen.“

Klassenerhalt mit Erfurt emotionalster Moment
Mit dem Club ist er nicht nur durch dieses Traumtor ewig verbunden. Mit dem FC Rot-Weiß erlebte er die ganze Bandbreite der Emotionen. Als er nach fast einer Dekade als 19-Jähriger seinen Wechsel zum aufstrebenden Verein RB Leipzig verkündete, wurde er als Verräterschwein beschimpft: „Da sind unschöne Worte gefallen. Meine Eltern saßen auf der Tribüne. Für sie tat es mir leid.“
Die letzten Videos vom RWE-Talk:
In der Winterpause 2014 kehrte er nach Erfurt zurück und erlebte neben dem Traumtor von Dresden auch ohne Meistertitel Gänsehautmomente. In der Saison 2016/17 gewann Kammlott mit seiner Mannschaft die letzten beiden Saisonspiele gegen Rostock (2:1) sowie Großaspach (4:1) und schaffte mit Erfurt damit den Klassenerhalt in der 3. Liga: „Da sind nach dem Schlusspfiff viele Freudentränen geflossen.“
Aktuelle Nachrichten zum FC Rot-Weiß Erfurt:
Weil er als Trainer von Kalbsrieth selbst jede Woche an der Seitenlinie steht, hat der Ex-Stürmer kaum Zeit, Spiele von Rot-Weiß Erfurt im Steigerwaldstadion zu verfolgen. Dennoch hält er nach wie vor Kontakt zu Zeugwart Swen Driesel und verfolgt genau die sportliche Entwicklung seines Ex-Clubs: „Wie sie sich gefangen haben in den vergangenen Jahren, Hut ab.“ Den Drittliga-Aufstieg traut er dem FC Rot-Weiß zu, wenn auch erst im kommenden Spieljahr: „Ich glaube, man muss sich auf die nächste Saison konzentrieren, wenn der Regionalligameister direkt aufsteigt.“











