Die Krise besser verstehen: Experte empfhielt Doppelwährung

Mario Ohoven, Chef des Mittelstandsverbandes , empfiehlt eine Doppelwährung und steht in einem Interview TA-Redakteur Dietmar Grosser Rede und Antwort.

Eine Griechin läuft an einer Euro-Werbung an einer Bankfiliale vorbei. Das Land muss seine Sparanstrengungen zur Verringerung des Defizits verstärken. Foto: dapd

Eine Griechin läuft an einer Euro-Werbung an einer Bankfiliale vorbei. Das Land muss seine Sparanstrengungen zur Verringerung des Defizits verstärken. Foto: dapd

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Wie lange noch ist Griechenland Mitglied der Eurozone?

Eine Vorbemerkung: Die EU-Gipfeltreffen der letzten zwei Jahre sind ein Spiel auf Zeit, lösen aber nicht die eigentlichen Probleme. Wenn sich Gerüchte über einen Euro-Austritt Griechenlands verbreiten, kann es damit ganz schnell gehen. Dann wird Griechenland austreten und gleichzeitig Kapitalverkehrskontrollen einführen müssen, weil sonst ungebremst griechisches Kapital ins Ausland abfließt. Wir hatten vor zwei Jahren prognostiziert, dass man die Bevölkerung leiden lässt, und dann kommt doch die Umschuldung. Genauso läuft es gerade – leider.

Was wären die Folgen für die Griechen?

Die kurzfristigen Folgen wären unangenehm: teurere Importe und höhere Schulden in Euro. Mittelfristig kann eine Abwertung durchaus einen Wachstumsschub auslösen. Letztlich führt aber kein Weg an einer Umstrukturierung der griechischen Wirtschaft vorbei. Das Ziel muss eine Stärkung des Mittelstands vor Ort sein.

Was wären die Folgen für die Deutschen?

Die direkten ökonomischen Folgen für uns blieben zunächst einmal vergleichsweise gering. Griechenland hat etwa die Wirtschaftskraft wie Niedersachsen, das ist für die Eurozone problemlos zu verkraften. Aber die politischen Folgen sind nicht zu unterschätzen: Staatspleite und Euro-Austritt Griechenlands wären der Offenbarungseid, dass zwei Jahre Euro-Rettungspolitik, die ja maßgeblich von Deutschland gestaltet wurde, nicht funktioniert hat. Im Moment sind wir Krisengewinnler. Mittelfristig bedroht die griechische Schuldenmisere auch unseren Wohlstand, wenn weitere Länder angesteckt werden.

Käme es zu einem Dominoeffekt?

Ja, das ist zu befürchten. Bei einem Austritt Griechenlands würde der Druck auf andere Schuldnerstaaten deutlich zunehmen. Das ist die Quittung dafür, dass sich die Politik von den Banken erpressen ließ.

Welche Länder sind ebenfalls gefährdet?

Die Krise wird sich auch auf andere europäische Länder auswirken. Griechische Banken haben in Bulgarien einen Marktanteil von 30 Prozent, in Rumänien und Serbien von zehn Prozent. Im Klartext: Das griechische Virus wird zuerst Südosteuropa infizieren, dann pflanzt sich die Krise über die europäischen Großbanken fort.

Es liegen Dutzende Vorschläge zu Auswegen aus der Krise auf dem Tisch - welchen bevorzugen Sie?

Ohne den Mittelstand gibt es keinen Weg aus der Krise. Denn 98 Prozent aller Unternehmen in Europa sind Klein- und Mittelbetriebe. Deshalb brauchen wir mehr Existenzgründer und bessere Rahmenbedingungen. Strukturreformen und Privati-sierungen gehören zwangsläufig dazu. Speziell bei Griechenland könnte man über eine temporäre Doppelwährung nachdenken. Dabei würden die Zentralbanken den internen Wechselkurs zwischen Euro und Drachme steuern.

Wird es eine ewige Transferunion geben?

Die haben wir de facto doch schon. Mit den Struktur- und Kohäsionsfonds hat Brüssel Mittel, die von wirtschaftlich starken Mitgliedern aufgebracht wurden, innerhalb der EU umverteilt. Profitiert davon haben vor allem die heutigen Krisenstaaten. Das Ergebnis ist bekannt. Oder nehmen Sie den ESM: Das führt direkt in eine dauerhafte Haftungs- und Transferunion, ohne dass dadurch die Probleme gelöst würden.

Kommt die D-Mark zurück?

Nein, das will der Mittelstand auch gar nicht. Trotz Euro-Krise haben sich fast 90 Prozent in unserer aktuellen Unternehmerumfrage klar zur europäischen Gemeinschaftswährung bekannt. Schließlich profitiert unsere Wirtschaft seit Jahren vom Euro.

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