Gleich zweimal wird an diesem Montag (25. August) der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) in Weimar gefeiert. Zum einen begeht man seinen 125. Todestag, zum anderen überreicht die Präsidentin der Deutschen Unesco-Kommission, Prof. Maria Böhmer, persönlich die Urkunde, die Nietzsches schriftlichen Nachlass zum Unesco-Weltdokumentenerbe erhebt.

Sonntag
Der Gute Woche-Newsletter
Alles Gute aus Thüringen in einem Newsletter - jede Woche gute Nachrichten
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Der offizielle Part vollzieht sich ab 15 Uhr im Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, wenngleich vermutlich von Schaumwein begleitet. Zünftiger und dionysisch ausgelassener geht es anschließend, ab etwa 17 Uhr, in Nietzsches letztem Domizil, der Villa Silberblick in der heutigen Humboldtstraße, zu. Eine Gartenparty mit Live-Musik und Tanz ist angesagt.

Der Erfolg im April wird jetzt gefeiert
Der Exekutivrat der Unesco hatte Friedrich Nietzsches schriftlichen Nachlass, der größtenteils in Weimar aufbewahrt wird, just am 1. April – kein Scherz! – in den höchsten Rang eines Weltdokumentenerbes erhoben. Die Entscheidung fiel in Paris, der zugrunde liegende Antrag indes kam aus Weimar. Professor Helmut Heit, Leiter des Nietzsche-Kollegs, das zur Klassik-Stiftung gehört, hat ihn geschrieben.
Auch interessant
Vier von 35 Einträgen aus Deutschland sind Thüringen zu verdanken
Insgesamt votierte die Weltkulturorganisation seinerzeit für 74 Neuaufnahmen, neben Nietzsches Nachlass wurden die ersten Röntgenaufnahmen der Geschichte, die Münchner Handschrift des Babylonischen Talmuds sowie Zeichnungen und Schriften von Kindern und Jugendlichen aus Kriegszeiten aufgenommen, die zwischen 1914 und 1950 in Europa entstanden, zum „Memory of the World“ deklariert. Das Verzeichnis, das einzigartigen Dokumentenkonvoluten den allerhöchsten Schutzstatus zuspricht, umfasst mehr als 500 Einträge, 35 davon aus Deutschland und nunmehr vier aus Thüringen.


Rund 90 Prozent der Nietzsche-Handschriften werden in der Klassikerstadt aufbewahrt. Helmut Heit hat bei dem transnationalen Antrag auch seine Schweizer Kollegen mit einbezogen, denn der kleinere Teil dieser Urschriften liegt in der Universitätsbibliothek und dem Staatsarchiv Basel sowie dem Nietzsche-Haus Sils Maria. Insgesamt handelt es sich um 16.505 Blätter sowie 1907 Briefe.
Auch interessant
„Diese originalen Handschriften umfassen die Manuskripte und vorbereitenden Arbeiten zu nahezu allen Artikeln und Büchern, die Nietzsche selbst veröffentlichte, sowie zu unveröffentlichten Aufsätzen, biografischen Zeugnissen, Konzepten, Entwürfen, Auszügen und Gelegenheitsnotizen“, schreibt Heit im Antrag. Ebenfalls inkludiert ist die Privat-Bibliothek des Philosophen mit 1400 Bänden; 305 davon tragen intensive Lesespuren.
Mehr zu Kultur und Freizeit in Thüringen
- Rembrandt in Gotha: Der Maler-Star des „Goldenen Zeitalters“
- Weimars Kunstfest ist geschrumpft – und Thüringen hielt seine Förderzusagen nicht ein
- „Die Nerven lagen blank“: Riesenerfolg auf Erfurts Domstufen – und ein Wutanfall vor der Premiere
- Goethe ohne Schneidezähne – wie konnte er sprechen?
- Grünes Licht für die Sanierung auf Gothas Schloss Friedenstein
- Drama bis zur Totenfeier: Wie Herzog Georg II. in Meiningen Regie führte
- Goethes Dating-Tour: Von Weimar bis Kochberg mitgenommen von der Hitze, aber nicht vom Bus
Zu DDR-Zeiten lagen Nietzsches Handschriften im Giftschrank
In Weimar liegen diese Schriften unter höchster Sicherheitsstufe im Goethe- und Schiller-Archiv, die Bücher in der Anna-Amalia-Bibliothek. Sie sind für internationale Forscher jederzeit zugänglich. „Zu DDR-Zeiten war der Nachlass im Giftschrank“, berichtet Heit. „Aber er wurde professionell bewahrt und erschlossen.“ Die italienischen Philologen Giorgio Colli und Mazzino Montinari durften sie für ihre kritische Gesamtausgabe in den 1960er-Jahren nutzen.
Drei Jahre vor seinem Tod übersiedelte der Philosoph nach Weimar
Heute kann jedermann die Digitalisate ganz leicht aus der Forschungs-Datenbank der Klassik-Stiftung abrufen. Außerdem ist eine digitale Faksimile-Gesamtausgabe online verfügbar. Dass überhaupt so viel Urschriftliches von Friedrich Nietzsche (1844-1900) überliefert ist, verdankt die Welt seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, einer höchst ambivalenten Figur der deutschen Kulturgeschichte. Aber „sie hat schon als Kind alles, was ihr großer Bruder geschrieben hat, aufgehoben“, berichtet Heit.

Sie verfrachtete Nietzsche auch anno 1897 nach Weimar, damit er ein „Klassiker“ würde. In der Tat zählt er heute zu den populärsten Philosophen weltweit. Seine letzte Wohnstätte, die „Villa Silberblick“ in der Humboldtstraße, ist als Museum besuchbar.

Im „Memory of the World“ der Unesco stehen nunmehr 35 Dokumente aus Deutschland verzeichnet, darunter das Nibelungenlied, der Codex Manesse, Bachs h-Moll-Messe und Beethovens Neunte, aber auch das Benz-Patent von 1886 und Fritz Langs Stummfilm „Metropolis“. Thüringen ist bisher drei Mal vertreten mit
- „Goethes literarischem Nachlass“ (seit 2001) bei der Klassik-Stiftung,
- „Frühen Schriften der Reformationsbewegung“ (2015), die bei der Klassik-Stiftung, im Hauptstaatsarchiv Weimar, in der Universitäts- und Landesbibliothek Jena sowie der Forschungsbibliothek Gotha aufbewahrt werden, und
- der Handschrift „Al-Masaalik Wa Al-Mamaalik“ (2015) eines persischen Geografen aus dem 10. Jahrhundert in der Forschungsbibliothek Gotha.






