Buchstäblich in aller Munde ist Friedrich Nietzsche längst, da etwa Buchtitel wie „Jenseits von Gut und Böse“ oder „Menschliches, Allzumenschliches“ zum gängigen Floskelrepertoire zählen. Wer jedoch hätte ihn wirklich gelesen? Und wer traute sich zu, mithilfe seines Gedankenkosmos zu argumentieren?

Kulturredakteur Wolfgang Hirsch zählt noch immer unter die passionierten Leser. Warum er mitunter sogar Nietzsche aus dem Regal greift ...
Kulturredakteur Wolfgang Hirsch zählt noch immer unter die passionierten Leser. Warum er mitunter sogar Nietzsche aus dem Regal greift ...© TLZ | Peter Michaelis

Von Nazi-Ideologen missverstanden und missbraucht

Letzteres tut man heutzutage lieber doch nicht. Wer einen wie ihn, der „mit dem Hammer philosophiert“ hat, zum geistigen Anwalt beruft, geriete sehr in Gefahr, selber von Klischees der Nietzsche-Rezeption erschlagen zu werden. Denn dieses – in sich teils widersprüchliche – Gesamtwerk wurde missbraucht von Nationalisten und Nationalsozialisten. Bei Sozialisten stand es ergo arg in Verruf.

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„Übermensch“ oder „hässliches Tier“

Aus den griffigen Nietzscheanischen Thesen klaubte sich jeder, was gerade passte. Wie billig wurde da etwa das Ideal-Konstrukt „Übermensch“ instrumentalisiert, um den Wahn vom Herrenmensch zu rechtfertigen. Dabei betrachtete der Pfarrerssohn aus Röcken unsere Spezies lieber als „hässliches Tier“, das sich angesichts wachsender Abgewandtheit von tradiert christlichen Fundamenten selber ein neues Wertekorsett zu schaffen hätte.

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Profunder Lehrer in der Kunst des Zweifelns

Nietzsche wollte Widerspruch provozieren. In Zeiten der heraufdämmernden Moderne war er eher ein Suchender als ein Wissender. Für mich geht von diesem genialen Kerl ein kaltes Faszinosum aus. Die epochalen Umbrüche adressiert er hellsichtig. Nur akzeptable Gewissheiten finde ich bei ihm letztlich nicht.

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