In Zeiten, da Puddingessen mit der Gabel deutschlandweit in Mode kommt, startet ein szenischer Kulturort in Erfurt einen Aufruf gegen den Strom. Gesucht werden Löffel, und zwar 1000 Stück. Ein Instagram-Post des Schambrowski-Vereins erklärt, was es damit auf sich hat: Jedes Besteckstück wird mit einer „Antifa“-Gravur versehen und anschließend gegen eine Spende wieder herausgegeben. Die Einnahmen fließen in politische Missionen und Projekte im Osten.

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Wie passt das zum Schambrowski, einem Kulturort, der von außen vor allem als Kino und Veranstaltungsort bekannt ist, eine einzigartige Graffiti-Fachbibliothek aufweist und doch eigentlich nur als Firmensitz gedacht war? „Alles, was dieser Laden geworden ist, basiert auf Tausend Zufällen“, sagt Tom Urban. Der 42-Jährige ist Geschäftsführer von Thüringens einzigem Filmverleih, „Rotzfrech Cinema“, dessen Schwerpunkt „Subkultur“ sich europaweit hervorhebt.
Auch der Schambrowski-Verein, mit dem Thüringer als ersten Vorsitzenden, stellt die Nischenkultur in den Mittelpunkt und gibt ihr mit Projekten, Kinoabenden, Diskussionen und politischen Aktionen ein lokales Gesicht. „Ich kann mir gut vorstellen, dass man das nicht versteht“, sagt Tom Urban angesichts der vielzähligen Komponenten, die teils getrennt, teils eng verwoben in den vier Wänden des Schambrowski zusammenkommen. Ein Blick in die Vergangenheit erklärt das Konzept seines unkonventionellen Lebenswerks.
Ein Herz für die Nischenkultur
Die Geschichte beginnt im Jahr 2011 in Jena, wo Tom Urban, damals noch Student, gemeinsam mit Freunden regelmäßige Hip-Hop-Partys organisierte. „Party und Suff ist ja gut, aber nach zwei Jahren wurde das langweilig“, erzählt der 43-Jährige. Somit schwenkte die Gruppe um. Die Reihe „Rotzfrech Cinema“ war geboren, die mehrmals im Jahr das Café Wagner mit Filmen rund um Rap, Breakdance, DJing und Graffiti erfüllte.
„Kulturangebote, die sich in Nischen bewegen, die für viele Menschen mäßig sichtbar und mäßig interessant sind“, so erklärt Tom Urban den Begriff „Subkultur“. Der Anspruch, solchen oft „kleinteiligen Mikrokosmen“ eine Plattform zu geben, treibt den gebürtigen Jenenser bis heute an und spiegelt sich auch im Programm des Schambrowskis wider.

Sowohl der Verein als auch der Filmverleih wären ohne die Dokumentation „Pixadores“ eines iranischen Regisseurs vielleicht nie zustande gekommen. Den Trailer hatte Tom Urban im Jahr 2015 gesehen und war sofort begeistert. Der ganze Film lag „vergraben“ in einem finnischen Filmarchiv und wurde praktisch nie gezeigt, erzählt er. Nach drei Jahren gelang es ihm, Kontakt zu den Verantwortlichen aufzunehmen. „Der Film ist so krass, der muss gezeigt werden“, davon waren die Thüringer überzeugt und kauften ihn.
Vom Ehrenamt zur Profession
Und dann? Mit 3.000 Euro Schulden machten sich der studierte Soziologe und seine Freunde auf die Reise durch Deutschland, um den „Pixadores“ auf die Leinwände zu bringen. Die Tour durch insgesamt 10 Städte war nicht nur ein finanzieller Erfolg, sondern auch die Geburtsstunde des Filmverleihs „Rotzfrech Cinema“. Mit dem Gewinn der Thüringer Gründerprämie im Jahr 2022 gelang der Sprung vom ehrenamtlichen Hobby zum offiziellen Unternehmen.
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Als Bindeglied zwischen Filmproduzenten*innen und Kinos sind Filmverleihe in der Branche allgegenwärtig, sagt Tom Urban. Für den Beruf gibt es keine Ausbildung, keinen klassischen Karriereweg. Alles, was dazugehört, habe der 43-Jährige über die vergangenen 13 Jahren durch Erfahrungen und Fehler gelernt. Im Zentrum stehen das Netzwerk, die Filmtouren und natürlich die Auswahl der Filme.
Das Geheimnis guter Filme
Aktuell führt „Rotzfrech Cinema“ rund 14 Filme und ist erst einmal „ausgebucht“, sagt Tom Urban. Filmemacher aus der ganzen Welt bewerben sich bei dem Filmverleih, auch, weil der deutsche Markt besonders attraktiv sei. Ob ein Film ins Repertoire passt, wisse der Geschäftsführer schnell. „Erstmal müssen die Leute hinter dem Film cool sein“, sagt er, „und er muss irgendwas mit mir machen. Wenn er mich langweilt, ist es das leider.“
- Schambrowski: Magdeburger Allee 90, Erfurt
- Programm und Kontakt über Instagram: @Schambrowski / Email: hello@schambrowski.de
- Löffel-Abgaben vor Ort oder postalisch
Wer sich den Alltag des Filmverleihers mit stundenlangen Film-Sessions vorstellt, irrt sich allerdings. Dafür bleibe kaum Zeit. In der Anfangszeit sah das noch anders aus. „Das Kino ist entstanden, weil ich gesagt habe, da kann ich meine Filme gemütlich mit Freunden gucken“, erklärt Tom Urban. Es dauerte nicht lange, bis Außenstehende das Kino entdeckten und eigene Vorführungen anfragten. Neben dem vereinsgeführten Donnerstags-Kino bieten heute drei weitere Gruppen im Schambrowski regelmäßige Film-Events an.
Graffiti-Bücher zum Anfassen
Wie das vereinseigene Kino ist auch die Graffiti-Bibliothek im Schambrowski über die Zeit dazugekommen. „Es gab in Erfurt mal einen Fördertopf für Nachhaltigkeit in der Kulturbranche“, erzählt der Jenenser, „daraus ist das Projekt entstanden.“ Der Großteil der umfassenden Sammlung sei aus dem ganzen Bundesgebiet als Spenden eingegangen. Noch immer kommen neue Werke dazu, einige anonym.
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„Es ist ein ewiges Spiel zwischen legal und illegal“, erklärt Tom Urban. Neben der Fachbibliothek im Schambrowski gebe es bundesweit drei, vier weitere öffentliche Orte, abseits von Universitätsbibliotheken, die Graffiti-Bücher explizit sammeln. „Unsere Besonderheit ist, dass unsere Sammlung nicht hinter Glas liegt. Da sind teilweise echt teure, kostbare Bücher, aber hier geht es darum, dass damit gearbeitet wird“, sagt Tom Urban, „auch auf die Gefahr hin, dass sie geklaut werden könnten.“
Gravierte Löffel als solidarisches Zeichen
Anfassen, mitgestalten, die Subkultur wirklich erleben, das hat sich das Schambrowski auf die Fahne geschrieben. Von Schülern bis Senioren kommen Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen, erzählt der Vater einer Tochter, „es ist ein Ort, wo viele Leute sich zu Hause fühlen, eine Art Wohnzimmer.“

Ein Wohnzimmer, das ohne die zahlreichen Ehrenamtlichen nicht funktionieren würde, wo man die Suppe gewissermaßen gemeinsam auslöffelt. Diese solidarische Botschaft impliziert auch der laufende Löffel-Aufruf. Den Impuls habe ein einzelnes graviertes Besteckstück einer Freundin gegeben, sagt Tom Urban. Die Aktion soll ein Zeichen gegen rechts setzen und bestehende Strukturen stärken.
Das sei insbesondere angesichts der aktuellen konservativen Debatten wichtig, die „antifaschistische Bewegungen“ pauschal verteufeln oder gar verbieten wollen. Wieder herausgegeben, sollen die Löffel daher in den Haushalten ihrer neuen Besitzer durch viele Hände gehen und zum Nachdenken anregen.







