Wie Gothas Oberbürgermeister die gestohlenen Gemälde angeboten wurden

Gotha.  Vor 40 Jahren wurden von Schloss Friedenstein fünf Gemälde gestohlenen. Gothas Oberbürgermeister schildert, wie ihm die Bilder angeboten wurden und was er dann tat.

Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch.

Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch.

Foto: Conny Möller

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„Es gibt seltene Momente im Leben, da klopft das Schicksal an die Tür, und man muss eine Entscheidung treffen, von der man nur hoffen kann, dass es die richtige ist“, sagt Knut Kreuch.

Es ist Dienstagabend, Tag vier nach den bundesweiten Schlagzeilen. Der Oberbürgermeister sitzt in seinem Büro im historischen Rathaus, es ist jener Ort, an dem vor anderthalb Jahren diese unglaubliche Geschichte begann. Dort klopfte an einem Juninachmittag vergangenen Jahres das Schicksal in Gestalt eines Herren an seine Bürotür.

Dass er den Mann als Anwalt von einem früheren Rückkauf eines Stücks für Gotha kannte, will er nicht mehr bestätigen. Er bleibt auch an anderen Stellen vage. Er ist vorsichtig. Wie die juristischen Fragen geklärt werden, ist offen und Kreuch will auf jeden Fall eine gütliche Einigung.

Der Termin an jenem Tag war telefonisch vereinbart, doch er hatte, sagt Kreuch, keine Ahnung, worum es gehen sollte. Die Begegnung erinnert er so: Man lässt sich am großen runden Tisch im Büro nieder. Man plaudert. Über Gotha, über Schloss Friedenstein, über seine Kunstschätze. Nach einer Weile kommt der Herr zur Sache: Mandanten hätten sich an ihn gewandt, die etwas besitzen, das Gotha vielleicht gern wieder hätte.

Dann legt er fünf Umschläge auf den Tisch. Knut Kreuch öffnet den Ersten. Zieht ein Foto heraus. Und ist elektrisiert: das „Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen“ von Frans Hals. Natürlich erkennt er sofort das Bild. Und die anderen vier auch: Die Landstraße von Jan Brueghel d.Ä., van Dycks Selbstbildnis, die „Heilige Katherina“ von Hohlbein, Jan Lievens’ „Alter Mann“. Die vor 40 Jahren geraubten Gemälde. Und er erinnert sich, wie er den zweiten unfassbaren Umstand sofort registriert: Die Fotografien zeigen die Bilder in Farbe. Von vorn, von der Seite, im Detail. Die alten Fotos der Sammlung sind alle in Schwarz-Weiß.

Er ist fassungslos. Wer sind die Mandanten? Wie kamen sie zu den Bildern? Wo waren sie all die Jahre? Sind sie in Deutschland? Er bekommt nicht viele Antworten. Nur so viel: Die Mandanten – Kreuch nennt sie „Verwahrer“ – sind bereit, die Bilder nach Gotha zurückzuführen. Aber das soll einen Preis haben. In den folgenden Telefonaten und fünf bis sechs persönlichen Treffen habe sich langsam ein unscharfes Bild herausgeschält. Die Gemälde seien geerbt worden. In der Familie erzählte man, sie seien „von der DDR gekauft worden“.

Doch zunächst verabschiedet sich der Herr, man werde in Kontakt bleiben. Knut Kreuch, wieder allein, lässt sich in seinen Sessel fallen. Atmet tief durch. Kämpft mit den Tränen. Denkt nach.

Was geht in einem vor in einem solchen Moment? Es ist die Stelle in unserem Gespräch, an der Kreuch den im Anfang zitierten Satz sagt. Und er trifft eine Entscheidung.

Eine sehr einsame Entscheidung. Ein Traum, den in Gotha schon niemand zu träumen gewagt hatte, schien plötzlich greifbar zu sein. Mag sein, bemerkt er, ein anderer an seiner Stelle hätte Alarm geschlagen, die Instanzen informiert. Aber das Risiko, dass sich die unbekannten „Verwahrer“ zurückziehen, schien ihm zu groß. Nein, beschloss er, das muss diskret laufen. Nichts darf durchsickern. Nichts darf passieren, das eine mögliche Einigung gefährdet.

„Auch ein Knut Kreuch kann schweigen“

Seine Frau war der einzige Mensch in Gotha, sagt er, dem er an diesem Tag davon erzählte. Bist du verrückt? Weißt du, worauf du dich einlässt? Die ganze Tragweite dieser Entscheidung, bekennt er, ist ihm erst nach und nach klar geworden. Du weißt ja nicht, sagt er, wer diese „Verwahrer“ sind, wer womöglich hinter ihnen steht. Du wirst unsicher, fragst dich, ob sie dich womöglich im Blick haben.

Ja, bemerkt er, auch ein Knut Kreuch kann schweigen. Es soll wohl selbstironisch sein, aber er klingt gedämpft, dieser Satz. Er habe, sagt er, in den vergangenen Tagen bei einigen engsten Mitarbeitern für dieses Schweigen um Entschuldigung bitten müssen.

Im September, erzählt Kreuch weiter, zog er einen weiteren Menschen ins Vertrauen: Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst-von-Siemens-Kunststiftung in Berlin. Er hatte Gotha bereits beim Rückkauf des wertvollen Elfenbeinbechers unterstützt. Auf seine Hilfe hoffte Kreuch jetzt auch und wurde nicht enttäuscht. Hoernes, erinnert er sich, sei natürlich völlig überrascht gewesen und habe ihm schnell Hilfe der Stiftung zugesagt. Bei der Begutachtung der Bilder, ob sie tatsächlich echt sind. Und bei Finanzierung des Deals. 5,25 Millionen Euro, von denen seit Freitag die Rede ist? Kreuch schweigt. Die Vereinbarung, die er später mit den „Verwahrern“ unterzeichnet hatte, habe verschiedene Optionen offengehalten, sagt er nur. Für ihn sei wichtig gewesen, gewesen, dass Gotha keinen einzigen Euro zahlen muss für die Bilder, die der Stadt geraubt wurden. Den zugesagten Beistand von Martin Hoernes beschreibt er als eine unendlich große Erleichterung.

Doch bis zur Übergabe der Bilder sollten noch lange Monate vergehen. Die Gespräche mit dem Mittelsmann gestalteten sich zäh. Mal herrschte lange Schweigen, dann wieder gab es mehrere Telefonate in einer Woche. Ein Umschleichen, ein Abtasten, so hatte es Knut Kreuch empfunden. Ihm sei es immer darum gegangen, Vertrauen aufzubauen, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen. Mal ging es um einen höheren Preis, mal um den Vorschlag, nur ein Bild zur Begutachtung zu übergeben. Darauf ließ sich Kreuch nicht ein: alle fünf, anders nicht. Am 30. September fuhr Knut Kreuch zur Stiftung nach Berlin, wo die Übergabe durch einen der „Verwahrer“ vereinbart wurde.

Der Moment, als die fünf Bilder aus ihrer Plastikverhüllung geholt wurden, war für ihn unbeschreiblich. Sie steckten nicht mehr in ihren Originalrahmen, und auf der Rückseite fand Kreuch keinerlei Hinweis auf Gotha als Besitzer. Aber bis auf eines, das etwas lädiert schien, sahen sie gut erhalten aus. Die verschollenen Bilder. Was für ein Anblick. Sofern sie keine geschickten Fälschungen sind.

Die Prüfung der Bilder dauert noch an. Wäre es nach Knut Kreuch gegangen, wäre es, bei glücklicher Bestätigung, zu einer Übergabe wie vereinbart gekommen. Dass das Landeskriminalamt Berlin verdeckt bei der Übergabe dabei war, wie der Spiegel später schreiben würde, habe er nicht gewusst, beteuert er. Die Durchsuchungen hätten ihn überrascht.

Jetzt ermitteln die Behörden, und Juristen haben die Eigentumsfrage zu klären. Kreuch setzt noch immer auf eine gütliche Einigung: Ich will keinen Prozess. Die Bilder sollen zurück nach Gotha, das ist das Wichtigste. Und von den Ermittlern erwarte er jetzt Aufklärung. Das Gothaer Stadtoberhaupt klingt jetzt aufgebracht: Nachdem jahrzehntelang nichts passiert ist, muss das lückenlos sein.

Auch, ob die Staatssicherheit involviert war. „Wenn die DDR Gotha verkauft hat“, sagt er, „will ich das wissen.“

40 Jahre nach Diebstahl auf Schloss Friedenstein: Bilder tauchen wieder auf

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