Berlin. Lastenrad, Kindersitz, Anhänger – alles Wege, den Nachwuchs mit dem Fahrrad zu transportieren. Doch nicht alle sind gleich sicher.

  • Lastenradhersteller Babboe muss mehrere Fahrräder zurückrufen
  • Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Vertuschungsversuchen
  • Eine aktuelle Studie zeigt mögliche Gefahren auf, die vor allem kleinen Kindern drohen

Fahrradersteller Babboe kommt nicht zur Ruhe: Nachdem kürzlich tausende Räder wegen gefährlichen Sicherheitsmängeln zurückgerufen werden mussten, ermittelt jetzt auch noch die Staatsanwaltschaft wegen mutmaßlicher Vertuschungsversuche. Demnach soll der Hersteller gefährlich Mängel gegenüber den entsprechenden Sicherheitsbehörden verheimlicht haben.

Zu diesen möglichen Mängeln zählt unter anderem ein Rahmenbruch. Da die Lastenräder häufig auch für den Transport von Kindern genutzt werden, kann das im schlimmsten Fall zu schweren Verletzungen führen.

Gerade für Eltern, die auf ein verzichten wollen oder müssen, sind Lastenfahrräder die scheinbar perfekte Lösung, um mit dem Nachwuchs schnell von A nach B zu kommen. Doch eine aktuelle Studie zum „Kindertransport auf dem Fahrrad“ der Unfallforschung der Versicherer (UDV) mahnt nun zur Vorsicht: Die verschiedenen Transportmöglichkeiten wie Lastenräder, Autositze und Fahrradanhänger haben ihre Tücken. Unfälle werden häufiger.

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Die Studie basiert auf der Analyse von Unfalldaten, der Befragung von Nutzern, Probandenversuchen zur Fahrdynamik und Computersimulationen. Auch Crashtests ließ die UDV durchführen (siehe Video oben). Vorweg eine Erkenntnis, die zu denken gibt: Laut Nutzerbefragung tragen 43 Prozent der mit dem Fahrrad transportierten Kinder keinen Helm. 21 Prozent sind nicht richtig oder überhaupt nicht angeschnallt.

Lastenfahrrad: Auf diese Sicherheitsaspekte sollten Sie achten

Vor allem in Großstädten sieht man sie häufig: Eltern, die mit dem Junior vorn im Lastenfahrrad gen Kita strampeln. Doch nicht alle Modelle sind dafür geeignet: „Eltern nutzen zur Mitnahme ihrer Kinder in Lastenfahrrädern überwiegend dreirädrige Einstiegsmodelle“, erklärt UDV-Leiterin Kirstin Zeidler. Hier sitzt die Ladebox zwischen den beiden Vorderrädern. Die Räder seien jedoch schwer zu manövrieren und kippten sehr leicht. Nicht verwunderlich also, dass es mit Lastenrädern am häufigsten zu Alleinunfällen ohne Fremdeinwirkung kommt.

Dreirädrige Lastenräder wie dieses kippen leicht und sind deshalb für den Kindertransport weniger gut geeignet.
Dreirädrige Lastenräder wie dieses kippen leicht und sind deshalb für den Kindertransport weniger gut geeignet. © Unfallforschung der Versicherer | Harald Almonat/GDV

„Den Kindern bieten sie bei einem Unfallkeinerlei Schutz für Kopf und Oberkörper“, so Zeidler weiter. Da ist es auch nicht damit getan, Sitzbänke oder Rückenlehnen in der Transportbox anzubringen. Die UDV empfiehlt Fahrräder mit Neigetechnik sowie Sitze mit Kopfschutz. Außerdem sei auf Gurte und einen Aufprallschutz zu achten. Denn wie die Umfragen ergeben hätten, sei ein Drittel der mitfahrenden Kinder gar nicht oder nicht korrekt angeschnallt. Jedes zweite Kind im Lastenrad wird ohne Helm transportiert.

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Um dem beizukommen, sollte laut UDV dringend bei den Regeln zur Beförderung von Kindern im Straßenverkehr nachgebessert werden. Denn: Bisher gebe es keine speziellen Anforderungen für Lastenfahrräder. „Diese Regelungslücke sollte der Gesetzgeber schnell schließen“, betont Zeidler. Sie halte Zulassungstests für sinnvoll, die speziell den Kindertransport in den Blick nehmen.

Anhänger als Alternative: Das macht ihn sicherer

Als sicherere Alternative zum Lastenfahrrad führt die UDV-Studie Fahrradanhänger ins Feld. „Vorteil des Anhängers ist seine Sicherheitszelle: Fest angegurtet, berührt das Kind selbst bei einem Überschlag nicht den Boden“, so Zeidler. Gesetzlich erlaubt sind übrigens bis zu zwei Kinder in einem Anhänger.

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Bei Kollisionen oder Gefahrenbremsungen kann es jedoch auch mit dem Anhänger gefährlich werden. So könne es beim starken Bremsen leicht passieren, dass sich der Anhänger querstellt oder hängen bleibt. „Kinderfahrradanhänger verunfallen meist beim Einbiegen in und Kreuzen einer Straße“, lautet hier die Erkenntnis der Studie.

Für mehr Sicherheit können eine fest verbaute Beleuchtung, Fahnen mit Blinklicht und eine eigene Bremse am Anhänger sorgen. Durch sie kann das Querstellen verhindert werden. Für die Eltern gilt außerdem: Auch im Anhänger sollten Kinder Helm tragen. Bei jedem zweiten Kind, so die Studie, sei das nicht der Fall. Jedes vierte Kind sei nicht oder nicht korrekt angeschnallt.

Kindersitz: Beim Kauf ist ein Aspekt besonders wichtig

Als gängigste Transportmöglichkeit darf der Kindersitz auf dem Gepäckträger gelten. 35 Prozent der Befragten nutzen einen solchen. Doch auch diese Methode birgt Gefahren: Das Kind sitzt erhöht, was den Schwerpunkt des Fahrrads verändert und es instabil macht. Sowohl beim Stehen, Anfahren, Ausweichen und Bremsen, wie Kirstin Zeidler betont. „Beim Sturz ist die Verletzungsgefahr für das Kind groß.“

Bei den Crashtests kam der Fahrradanhänger wegen seiner Sicherheitszelle vergleichsweise gut weg.
Bei den Crashtests kam der Fahrradanhänger wegen seiner Sicherheitszelle vergleichsweise gut weg. © Unfallforschung der Versicherer | Harald Almonat/GDV

Wie beim Lastenfahrrad kommt es auch beim Transport im Kindersitz am häufigsten zu Alleinunfällen ohne weitere Beteiligung. Die Empfehlung der UDV: Das bisher geltende Höchstgewicht für Fahrrad-Kindersitze sollte reduziert werden. Bislang liegt es bei 22 Kilogramm. Beim Kauf von Fahrradsitzen sollten Eltern auf einen ausreichenden Seitenschutz im Kopfbereich achten. Auch Hersteller sollten diesen Aspekt stärker in den Blick nehmen, so die Empfehlung der UDV. Ein stabiler Ständer, etwa mit drei Füßen, erhöhe die Stabilität des Rades.

Unfallstatistik: Fahrradunfälle mit Kindern nehmen zu

Wie in Lastenrädern und im Anhänger gilt auch im Kindersitz der Appell: Helm tragen. Bei jedem fünften Kind ist das laut der Studie nicht der Fall. Das liegt auch daran, dass in Deutschland keine allgemeine Helm- oder Anschnallpflicht herrscht. Immerhin seien aber hier fast 90 Prozent der Kinder angegurtet, so das Ergebnis der Studie.

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Alles in allem zeigt die Unfallstatistik keinen erfreulichen Trend: Demnach gab es 2022 in Deutschland 222 Radunfälle mit mitfahrenden Kindern. Zwölf Kinder wurden schwer verletzt. Das ist ein Plus von 45 Prozent gegenüber dem Vor-Corona-Jahr 2019. Tendenz steigend, wie auch eine Bilanz des ADAC von 2023 gezeigt hat.

Fazit: Alle Transportmöglichkeiten mit Kindern in der Übersicht

In den meisten Fällen führen übrigens unliebsame Begegnungen mit zu Fahrradunfällen. Zweithäufigste Ursache sind Alleinunfälle. Nach dem Gepäckträger ist das Lastenfahrrad mit 31 Prozent die am zweithäufigsten genutzte Transportmöglichkeit. Nur 28 Prozent der Befragten transportieren ihre Kinder im Anhänger.

Alles in allem lautet das Fazit der Studie für Lastenfahrräder:

  • Schwer lenkbar
  • Sehr kippanfällig
  • Mangelnder Schutz für Kopf und Oberkörper
  • Sitzbänke und Rückenlehne für Kindertransport nicht ausreichend
  • Gutes Bremsverhalten

Zum Kindersitz ist festzuhalten:

  • Instabil durch hohen Schwerpunkt, Sturzgefahr
  • Verletzungsgefahr durch Fallhöhe
  • Einsetzen des Kindes schwierig

Der Anhänger kommt in der Studie folgendermaßen weg:

  • Gutes Schutzpotenzial durch Sicherheitszelle
  • Häufiges „Hängenbleiben“ möglich
  • Gefahr der Querstellung bei Gefahrenbremsungen
  • Leicht zu übersehen