Pandemiestabsleiter: „Es ist dramatisch, wenn täglich Menschen an Covid 19 sterben“

Schleiz.  Im Gespräch mit Torsten Bossert, Leiter des Fachdienstes Gesundheit im Landratsamt Saale-Orla

Leben zu Pandemie-Zeiten: Silas Müller, Noah Müller, Bastian Tögel (hintere Reihe von links) sowie Lia Müller und Simon Tögel tragen Basic-Masken der Firma CNC Filter aus Sparnberg, die es auch in Kindergröße gibt. 

Leben zu Pandemie-Zeiten: Silas Müller, Noah Müller, Bastian Tögel (hintere Reihe von links) sowie Lia Müller und Simon Tögel tragen Basic-Masken der Firma CNC Filter aus Sparnberg, die es auch in Kindergröße gibt. 

Foto: CNC Filter/Nadine Kraft

Am 3. März 2020 gab es im Landratsamt Saale-Orla eine Pressekonferenz zum ersten nachgewiesenen Coronafall im Landkreis. Seither hat sich der Alltag für jeden grundlegend verändert. Wir sprachen jetzt mit Torsten Bossert, Leiter des Fachdienstes Gesundheit, darüber, ob die schlimmsten Befürchtungen eingetreten sind, was er von „Lockerungen“ bei den Schutzvorkehrungen hält und welchem prominenten Fernseh-Virologen er am meisten vertraut. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Herr Bossert, Anfang März gab es im Saale-Orla-Kreis den ersten Nachweis einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus. Hätten Sie damals für die Zeit jetzt zwei Monate später eine dramatischere Situation erwartet?

Wir haben uns auf eine dramatische Situation vorbereitet und zwar seit Mitte Januar 2020. Ich finde es auch jetzt dramatisch, wenn täglich – auch im Saale-Orla-Kreis – Menschen an Covid-19 sterben.

Es gab umgehend erste Vorsorgemaßnahmen, wie das Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 50 Menschen. War das seinerzeit aus heutiger Sicht zu wenig?

Es war genau die richtige Entscheidung: kein Karneval, kein Fußball, Gymnasium zu. Uns wurde in den ersten beiden Märzwochen mit Klagen gedroht und Schadensersatzforderungen gestellt. Währenddessen fanden in den östlichen und südlichen Landkreisen noch Großveranstaltungen statt. Das Ergebnis sehen wir heute insbesondere in Oberfranken und Greiz mit kaum mehr beherrschbaren Ausbruchssituationen.

Inzwischen gibt es deutlich restriktivere Maßnahmen. Sind diese inzwischen als überzogen zu bewerten oder haben wir genau aus diesen Gründen keine Zustände, wie sie Italien oder Spanien erleben mussten?

Die Frage ist sehr schwer zu beantworten. Ländervergleiche machen zwar viele Menschen; in der Regel kennen sie aber die Gesundheitssysteme dieser Länder nicht. Keine Maßnahmen sind überzogen, eher im Gegenteil. Einige Diskussionen sind überflüssig, wie jene zur Bundesliga und zu Biergärten. Im übrigen können die Zustände wie in anderen Ländern immer noch kommen.

Es fällt immer mehr Menschen schwer, die erheblichen Einschränkungen selbst ihrer Grundrechte hinzunehmen. Wo sehen Sie Möglichkeiten, etwas mehr Freiräume zu schaffen?

Menschen müssen wieder lernen, dass der Staat aus wichtigen medizinischen Gründen Grundrechte einschränken kann: Ich denke da an das Masernschutzgesetz. Oder die Weitergabe von persönlichen Daten an den Fachdienst Gesundheit im Rahmen der Coronaermittlungen wie im Infektionsschutzgesetz geregelt. Freiräume werden aus meiner Sicht momentan zu viele geschaffen.

Geben Sie als Leiter des Pandemiestabes Empfehlungen oder Anweisungen an die Politik?

Es gehört zu meiner Stellenbeschreibung, dass ich die Politik in gesundheitlichen Fragen berate und das machen wir auch schon seit langer Zeit. Ich kann versichern, dass die Zusammenarbeit mit dem Landrat und dem Amtsarzt zu jedem Zeitpunkt sehr gut ist. „Anweisungen“ sind da nicht erforderlich, wenn beide Partner nur das Beste für die Menschen im Saale-Orla-Kreis wollen.

Haben Sie als Leiter des Fachdienstes Gesundheit Szenarien einer Pandemie, wie sie heute existiert, geprobt beziehungsweise theoretisch durchgespielt?

Ja, bereits Anfang Januar begannen die Vorbereitungen, Inventur im Katastrophenschutz-Lager, Schulung der Mitarbeiter zum Beispiel zu FFP3-Masken und entsprechenden Untersuchungen durch den Betriebsarzt. Den Thüringer Pandemieplan haben wir angepasst, Urlaubssperren diskutiert. Bereits ab Mitte Januar bis Ende Februar erfolgten Abstriche, so dass die Mitarbeiter geschult waren. Der Bestand an Schutzausrüstung im Landratsamt Saale-Orla war zu jedem Zeitpunkt ausreichend. Im Übrigen ist die Pandemie ja nicht die erste ihrer Art. In unseren täglichen Pandemiebesprechungen habe ich daher eigene Fotos aus der Zeit der „Schweinegrippe“ von 2009 gezeigt. Zum Thema „theoretisch durchgespielt“: In meinen Winterferien habe ich das Buch „Die spanische Grippe“, 100 Jahre danach, gelesen . Die Vorgesetzten waren parallel über alle Maßnahmen informiert.

Wurde das Gesundheitsamt im Saale-Orla-Kreis seit März personell und materiell gestärkt?

Zu dieser Frage müssen Sie wissen, dass der Fachdienst Gesundheit bereits seit vorigem Jahr personell gut aufgestellt ist und wir seit dem 1. April 2020 bis auf eine Mutterschutzvertretung alle Stellen besetzt haben; insbesondere sind derzeit alle ärztlichen und zahnärztlichen Stellen besetzt. Das ist für Thüringen eine große Ausnahme. Des Weiteren haben wir unter großen Anstrengungen hausintern Mitarbeiter rekrutiert, Praktikanten arbeiten voll mit. Eine materielle Stärkung wünschen wir uns eher vom Land beziehungsweise vom Bund. Das neue Gesetz zur Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes erwarten wir mit Spannung.

Wie stehen Sie persönlich zu den Überlegungen einer App, die bei einer Rückverfolgung von Infektionsketten behilflich sein soll? Ist überhaupt die Funknetzabdeckung im Saale-Orla-Kreis dafür geeignet?

Das müssen Fachleute beurteilen. Inwieweit Apps zum Beispiel in den Altenpflegeheimen helfen sollen, ergründet sich mir nicht. Ich kenne auch keine andere Erkrankung, bei denen Apps geholfen haben. Ich bin Arzt und weiß nichts über Funknetzabdeckung.

Es wird immer öfter von „Lockerungen“ gesprochen. Wünschten Sie sich hierbei mehr lokale Entscheidungsbefugnis?

Ja. Auch der Landrat sieht das so.

Nehmen wir ein Beispiel: Warum soll sich ein Angler kein Boot für seine einsame Petri-Tour mieten dürfen?

Genau, oder ein Bootsverleiher ein Kanu vermieten. Oder Yoga am Strand, oder vier Personen mit dem Mountainbike im Wald...

Noch ein Beispiel: Warum wurde längst die Rückkehr zur Fußball-Bundesliga geplant, während im Bad Lobensteiner Koseltal niemand Tennis spielen durfte?

Gutes Beispiel. Landrat Fügmann sagt immer: „Gesunder Menschenverstand und Besonnenheit“. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Menschen, Männer, fußballsüchtig sind. Wenn sich zwei Menschen auf dem Tennisplatz die Bälle um die Ohren hauen mit riesigem Abstand, wird sich kein anderer Mensch infizieren.

Welchem der namhaften Virologen, die sich derzeit täglich durch die Fernseh-Talkshows plaudern, können Sie am ehesten folgen?

Ich folge keinem einzigen Virologen und blende alle Talkshows sofort aus. Ärzte, die meinen, jeden Tag neue Erkenntnisse zu Corona verbreiten zu müssen, sind mir suspekt. Das dient nur dem eigenen Ego und Geldbeutel dieser Kollegen. Alle Informationen beziehe ich vom Robert-Koch-Institut und der Weltgesundheitsorganisation. Ich muss auch da nicht jeden Tag nachsehen. Wichtige Neuerungen bekommt mein Fachdienst direkt. Auch die vielen tagesaktuellen Zahlen muss ich mir nicht immer ansehen.

Abschließend die Frage nach dem ersten Patienten im Saale-Orla-Kreis, der als genesen geltend das Krankenhaus verlassen hatte: Wie geht es diesem heute und steht er noch immer im engen Kontakt zur Gesundheitsbehörde, wie möglicherweise andere bisherige Patienten auch?

Es geht dem ersten Patienten des Saale-Orla-Kreises gut. Über seine Frau habe ich Kontakt zu ihm, ich würde sofort über alles informiert werden. Auch mit einigen anderen Patienten haben wir Kontakt. Sie wissen doch: Der Saale-Orla-Kreis ist ein Dorf.