Landkreis Greiz: 84 Infektionen in 7 Tagen pro 100.000 Einwohner

Greiz/Erfurt.  Mit etwa 84 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner sind der Landkreis Greiz und die Stadt Rosenheim in Bayern derzeit die bundesweit einzigen Regionen, die sich im Bereich einer „Notbremse“ befinden.

Unter den sieben Einrichtungen im Landkreis Greiz in denen verstärkt auf eine Corona-Infektion getestet wurde, gehörte auch das Pflegeheim "Lebensabend im "Schlosshotel" in Bad Köstritz.

Unter den sieben Einrichtungen im Landkreis Greiz in denen verstärkt auf eine Corona-Infektion getestet wurde, gehörte auch das Pflegeheim "Lebensabend im "Schlosshotel" in Bad Köstritz.

Foto: Peter Michaelis

Die Menschen sollen wieder ein Stück Normalität im Alltag leben können. Dabei darf beim Schutz vor einer weiteren Ausbreitung des neuen Corona-Virus aber nicht nachgelassen werden. So etwa lassen sich die Verabredungen zusammenfassen, die Bundeskanzlerin und Länderchefs gestern in ihrer Videoschalte getroffen haben.

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Einen gewichtigen Grund für diese Schwerpunktsetzung liefert Thüringen: Wie Bodo Ramelow (Linke) in der anschließenden Thüringer Regierungspressekonferenz mitteilte, habe man zu allererst und ausführlich über den Landkreis Greiz gesprochen, der derzeit in puncto Infektionsdynamik bundesweit die traurige Spitze hält. Man müsse in den nächsten Tagen sogar mit einem weiteren Anstieg Infizierter rechnen, so Ramelow, da gerade ein Massentest unter Krisenstab, Gesundheitsamt sowie den Mitarbeitern von Alten- und Pflegeheimen stattgefunden habe. Ramelow verwies zudem auf Zahlen des Robert-Koch-Institutes, wonach sich neben dem Ostthüringer Landkreis mit Sonneberg und Gotha zunächst zwei weitere Thüringer Regionen unter den Top 15 der Landkreise mit der deutschlandweit höchsten Ansteckungsrate befinden. In dem später aktualisierten Überblick gehörte Gotha nicht mehr dazu.

Für diese Bereiche können Landkreise und kreisfreie Städte eigene Regelungen treffen

  • Bislang von Öffnungen nicht umfasste Bildungseinrichtungen,
  • Beratungsstellen sowie körpernahe Dienstleistungen (Tattoostudios etc.)und Tourist-InformationenEinrichtungen der Jugendhilfe,
  • Familien- und Senioreneinrichtungen sowie Verbandsarbeit etc.,
  • Sportbetrieb in allen öffentlichen und privaten Indoor-Sportanlagen,
  • Schwimm- und SpaßbädernBetrieb von sonstigen Sport- und Freizeiteinrichtungen,
  • Kleinere öffentliche oder private Veranstaltungen oder Feiern sowie Veranstaltungen ohne FestcharakterMessen und KulturveranstaltungenBars und TanzlustbarkeitenKinos,
  • Freizeitparks und Anbieter von Freizeitaktivitäten,
  • Fitnessstudios und ähnliche Einrichtungen,
  • Spielhallen, Wettannahmestellen und ähnliche Einrichtungen,
  • Prostitutionsstätten, Bordelle und ähnliche Einrichtungen.

Für solche Regionen kann das schon bald Konsequenzen haben. Die vielen Lockerungen, die gestern dank des insgesamt günstigeren Infektionsgeschehens beschlossen und größtenteils in die Zuständigkeit der Länder übergeben wurden, sind begleitet von einem sogenannten Notfallsystem oder – wie es Markus Söder (CSU) in der Bundespressekonferenz nannte – einer „Notbremse“. Steigen die Neuinfektionen in einem Landkreis wieder auf mehr als 50 pro 100.000 Einwohnern innerhalb der letzten 7 Tage, soll sofort ein konsequentes Beschränkungskonzept in Kraft treten. Will sagen: Lockerungen werden wieder aufgehoben und Schutzmaßnahmen hochgefahren. Keinesfalls wolle man zulassen, dass es erneut zu unkontrollierten Infektionsketten kommt.

Mit etwa 84 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner im benannten Zeitraum sind der Landkreis Greiz und die Stadt Rosenheim in Bayern derzeit die bundesweit einzigen Regionen, die sich im Bereich der „Notbremse“ befinden. Zu den Konsequenzen wollte sich Landrätin Martina Schweinsburg (CDU) gestern noch nicht äußern. Man wolle zunächst eine für heute angesetzte Telefonkonferenz mit der Landesregierung abwarten, so eine Sprecherin am Abend. In Sonneberg und Gotha fielen die Zahlen in den letzten Tagen zwar wieder unter die magische Marke. Die Kanzlerin selbst verwies aber darauf, nicht nur auf die absoluten Zahlen zu schauen, sondern das Infektionstempo im Blick zu behalten. Angesichts der Lockerungen sei man noch mehr auf die Mitarbeit und Achtsamkeit aller angewiesen, sagte Angela Merkel (CDU) in Berlin. „Ohne das sind alle unsere Maßnahmen nicht wirksam. Jedes Stück Freiheit muss unter Bedingungen des Virus verantwortungsbewusst genutzt werden“, so Merkel.

Wie die Notbremse in Thüringen konkret umgesetzt wird, war gestern noch nicht klar. Bodo Ramelow kündigte allerdings an, dass die Entscheidungshoheit wieder weitgehend an die Gesundheitsämter vor Ort übergehen soll. Dem Thüringer Gesundheitsministerium komme die Rolle eines Kompetenzzentrums in Sachen Infektionsschutz zu. Letzteres teilte auf Anfrage mit, dass im Falle eines klar lokalisierten und eingrenzbaren Infektionsgeschehens, etwa in einer Einrichtung wie in Greiz, die neu zu erlassenden Beschränkungen auch nur die betreffende Einrichtung umfassen könnten.„Bei einem verteilten regionalen Ausbruchsgeschehen und unklaren Infektionsketten, wie dies vor einigen Wochen in Neustadt am Rennsteig der Fall war, müssen unmittelbar und konsequent die erforderlichen Beschränkungen des gesellschaftlichen Lebens in den betroffenen Gebietskörperschaften bis hin zur Beschränkung nicht erforderlicher Mobilität wieder eingeführt werden“, so Ressortchefin Heike Werner (Linke).

Ministerium und Krisenstab der Landesregierung wollen nunmehr ihre Arbeitsweise an die neuen Regelungen anpassen und Voraussetzungen für die kontinuierliche Beobachtung des Infektionsgeschehens schaffen. Die Landesbehörden sollen dabei auf Anforderung betroffener Kommunen tätig werden, etwa indem sie vom Bund bereitgestellte Unterstützungsmaßnahmen vermitteln. In jedem Fall eines positiv ausfallenden Tests sollen durch die Gesundheitsämter Kontaktpersonen ermittelt und Quarantäne-Anordnungen erlassen werden. Hohe Fallzahlen wie derzeit in Greiz ließen sich damit aber nicht mit Sicherheit erklären.

Grundsätzlich, so Werner, ermöglichten die stabil geringen Fallzahlen – mit Ausnahme von Greiz – weitere Lockerungen des gesellschaftlichen Lebens. Um dabei Risikogruppen zu schützen, greife Thüringen die Empfehlungen des Bundesgesundheitsministeriums zur Ausweitung gezielter Corona-Tests auf. „Wenn wir jetzt anfangen, die Einschränkungen des öffentlichen Lebens schrittweise zu lockern, müssen wir besonders die Risikogruppen im Blick behalten. Die Rückkehr zu einer eingeschränkten Normalität für die Allgemeinheit darf nicht zu Lasten der Älteren und gesundheitlich Schwächeren gehen. Diese Menschen zu schützen, bleibt unsere wichtigste gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, so Werner.

Vorgesehen sind regelmäßige Screenings in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen, um Personal mit leichten Symptomen oder ohne Symptomatik festzustellen. Dafür habe man im Sondervermögen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie, welches am Freitag im Thüringer Landtag beschlossen werden soll, Finanzmittel in Höhe von 25 Millionen Euro angemeldet.