32-Jähriger mit Covid-19 im Regen stehen gelassen

Auma-Weidatal.  Über neun Wochen sind die Testergebnisse positiv. Vom Gesundheitsamt und der Berufsgenossenschaft fühlt sich der Mann aus dem Kreis Greiz im Stich gelassen.

Weil er über kein eigenes Automobil verfügt, erledigt Christian Steinhoff viele Wege mit dem Nahverkehr. Während der Quarantäne eine Herausforderung.

Weil er über kein eigenes Automobil verfügt, erledigt Christian Steinhoff viele Wege mit dem Nahverkehr. Während der Quarantäne eine Herausforderung.

Foto: Norman Börner

Als es Christian Steinhoff Ende März schlecht geht, ahnt er schon, was los ist. Luftnot und Fieber. Eine Kollegin in der Seniorenresidenz Triptis wurde zuvor positiv auf das Corona-Virus getestet. Anruf bei der Vertretung des Hausarztes. Den Rettungsdienst solle er nicht anfordern. Die hätten keine Schutzkleidung. Ein Auto hat er nicht. Also bestellt er ein Taxi, das ihn ins Krankenhaus nach Greiz bringt. Das schlechte Gewissen fährt mit. Soll er die Taxifahrerin informieren? „Keiner konnte mir eine konkrete Auskunft geben“, sagt er. Der Test ist positiv. Das Gesundheitsamt Greiz ordnet häusliche Quarantäne an. Viele Fragen blieben, nur vage Antworten gab es. Nach einer überstandenen Odyssee ist dem 32-Jährigen aber ein Appell an Maskengegner und Corona-Leugner wichtig. Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus in Thüringen in unsere Liveblog.

Viele Fragen, vage Antworten

Nach gut zwei Wochen soll er in die Behörde kommen, um erneut zu testen. Wieder stellt sich die Frage, wie er dort hinkommt. „Es hieß, ich könne den Bus nutzen“, sagt er. Der Test ist positiv. Die Anordnung zur Quarantäne wird verlängert. Wann darf er wieder unter Menschen? Wer erledigt die Einkäufe? Auf seine Fragen habe er von den Mitarbeitern im Gesundheitsamt nur unzureichende Antworten bekommen.

Die Behörde verweist auf ein „Merkblatt für Betroffene“ vom Robert-Koch-Institut, das Teil der behördlichen Anordnung zur häuslichen Isolation sei. Es ist eine kurz gehaltene zweiseitige Broschüre. Neben Basisinformationen über die Krankheit enthält es Sätze wie „Bitten Sie Familienangehörige, Freunde oder Nachbarn darum, Ihnen zu helfen. Sie können die Lebensmittel einfach vor Ihrer Tür abstellen“ oder „Nutzen Sie telefonische Hilfsangebote wie zum Beispiel das Seelsorgetelefon oder Krisendienste“. Konkrete Nummern oder Ansprechpartner fehlen.

Mit positivem Testergebnis im Nahverkehr

Ein Hinweis, den Nahverkehr nicht zu benutzen, fehlt ebenfalls. Aus dem Landratsamt heißt es, Personen, die zum Test aufgefordert werden, würden belehrt, dass sie keine öffentliche Verkehrsmittel nutzen sollen. Für immobile Personen sei der Test über die Hausärzte vorgesehen. „Das hätte ich gerne gemacht, wurde mir aber nicht angeboten“, sagt Christian Steinhoff. Erst nachdem der Folgetest Anfang April positiv gewesen sei, seien die folgenden Abstriche in Absprache mit der Ärztin vor Ort durchgeführt worden.

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Ganze neun Wochen dauert es schließlich, bis der erste Test negativ ausfällt. Ungewissheit und Isolation quälen den 32-Jährigen bis dahin. „Es war furchtbar. Keiner konnte mir sagen, wann ich wieder raus darf“, sagt er. Inzwischen hätten sich die Regelungen zur Entlassung aus der häuslichen Isolation geändert, sagt das Gesundheitsamt.

So komme es durchaus vor, dass Personen für längere Zeit weiterhin positiv getestet werden. Ein positiver PCR-Test sei jedoch nicht mit einer Infektiosität gleichzusetzen. Inzwischen würden positiv getestete Personen mit Ablauf von zehn Tagen automatisch aus der Quarantäne entlassen.

Ungewissheit und Isolation quälen 32-Jährigen

„Es hat mich auch belastet, dass ich nicht wusste, wann ich wieder auf Arbeit kann“, sagt er. Sechs Monate später weiß Christian Steinhoff das immer noch nicht. Er kämpft weiter mit den Folgen seiner Erkrankung. Ist auch weiterhin krankgeschrieben. „Der Geschmackssinn ist weiter gestört. Bei der kleinsten Anstrengung bin ich außer Puste“, sagt er.

Aufgrund der anhaltenden Krankschreibung erhält er nach sechs Wochen nur noch 70 Prozent des Lohns als Krankengeld. Die Kosten für Fahrten zu Ärzten und Behörden hätten sich mittlerweile auf mehr als 700 Euro summiert. Die Berufsgenossenschaft prüfe derzeit, ob die Covid-19-Folgen als Berufskrankheit anerkannt werden können. Er hat einen Anwalt eingeschaltet. „Erst hat mich das Gesundheitsamt allein gelassen, nun lässt mich die Genossenschaft im Regen stehen“, sagt er. Ein Mitarbeiter habe ihm gesagt, er könnte sich ja auch beim Einkaufen mit Covid-19 infiziert haben.

Verantwortlich für die Pflegeberufe ist die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege. Grundsätzlich seien Infektionskrankheiten bei Personen, die in der Wohlfahrtspflege arbeiten, durchaus als Berufskrankheit anzuerkennen, heißt es aus der Zentrale in Hamburg. Allerdings müssen geprüft werden, ob die Ansteckung im beruflichen Umfeld stattgefunden hat.

Dazu müsse ermittelt werden, wie hoch das berufliche Risiko einer Ansteckung war und ob es wahrscheinlicher war, als das private Risiko. Es sei aber davon auszugehen, dass in Pflegeeinrichtungen, das berufliche Risiko überwiege. Sollte dies anerkannt werden, könnte er auf Verletztengeld und Reisekostenerstattung hoffen.

Appell an Maskengegner und Corona-Leugner

Für ihn ein wichtiges Etappenziel. Es quäle ihn, nicht zu wissen, ob er jemals wieder in dem Beruf arbeiten kann. „Ich würde mir aktuell nicht mal zutrauen, Bewohner im Bett aufzurichten“, sagt er. Ihm liege aber noch etwas am Herzen. Seine Geschichte soll auch mahnendes Beispiel sein. „Ich habe einen Appell an alle Maskengegner und Corona-Leugner: Mit dieser Krankheit ist nicht zu spaßen“, sagt er. Jeder solle alles tun, um sein Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten. Denn wenn Covid-19 erst einmal auf einen herabregnet ist, sei es schwer, wieder trocken Boden unter den Füßen zu bekommen.