Knigge-Expertin: Der Handschlag wird zurückkehren

Jena.  Thüringens Knigge-Expertin Annett Schlegel ist davon überzeugt, dass das Händeschütteln als Begrüßung wiederkommen wird.

Das Händeschütteln zur Begrüßung war Standard in Deutschland – bis die Corona-Krise alles durcheinander wirbelte (Symbolfoto).

Das Händeschütteln zur Begrüßung war Standard in Deutschland – bis die Corona-Krise alles durcheinander wirbelte (Symbolfoto).

Foto: Josep Rovirosavia www.imago-images.de

Annett Schlegel muss etwas überlegen. „Mein letztes Händeschütteln dürfte Mitte März zu einer Konferenz in Berlin gewesen sein.“ Seitdem hat auch die Kommunikationstrainerin aus Jena, die als Thüringens Knigge-Expertin gilt, den Handschlag wegen der Corona-Pandemie notgedrungen vermieden. Doch sie wünscht sich ein baldiges Comeback und ist auch überzeugt, dass das noch in diesem Jahr passiert. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog

Für Annett Schlegel bedeutet das Händeschütteln einen „besonderen Beziehungsaufbau“. Es vermittelt „Wertschätzung und Aufmerksamkeit“. Seit wann wir einander die rechte Hand entgegenstrecken, sie greifen, drücken und auch schütteln, weiß niemand genau. „Aber“, so Annett Schlegel, „es gibt diesen Brauch schon sehr lange.“ Überliefert sei, dass die Handreichung früher als Zustimmung galt „Denn dann konnte keiner eine Waffe führen oder zum Schlag ausholen“, erklärt Schlegel die historische Herleitung und erinnert daran, dass das Händeschütteln ja unter anderem auch die Pest überlebt hätte.

Geblieben ist als Regel bis heute: Wem man nicht vertraut, wer einem feindlich gesinnt ist, dem reicht man nicht mal den kleinen Finger. „Der Handschlag ist ein Automatismus, eine verinnerlichte Regel des Anstands. Die Verbindung zwischen Begrüßung, Abschied, Dankeschön und Glückwunsch hat sich tief in unser Verhalten eingegraben“, so Schlegel. Im Jahr 2017 wurde dieser sogar in den Katalog zur deutschen Leitkultur für Einwanderer aufgenommen. Er steht weltweit als politisches Symbol für Friedens- und Vertragsabschlüsse, verkörpert Respekt. Wurde er vor der Pandemie übergangen, galt das als Fauxpas und sorgte zum Beispiel bei US-Präsident Donald Trump erst Anfang Februar für Aufsehen, als er den Gruß seiner Erzrivalin Nancy Pelosi ignorierte. Auch Bodo Ramelow verweigerte Anfang März bei seiner Wiederwahl zum Ministerpräsidenten AfD-Fraktionschef Björn Höcke den Handschlag, was zuvor auch schon Linke-Fraktionschefin Susanne Hennig-Wellsow gegenüber FDP-Chef Thomas Kemmerich getan hatte. Der Handschlag steht also auch für eine Haltung – politisch, gesellschaftlich.

Derzeit heißt es für alle: Verzicht üben

Doch das Coronavirus und die weltweite Pandemie haben die Etikette in den letzten Wochen spürbar verändert. Jeder muss Abstand wahren, dabei nicht nur Umarmungen sein lassen, sondern auch das Händeschütteln. Das ist inzwischen fast überall behördlich untersagt, weil beim Kontakt Erreger – also auch Bakterien und das Corona-Virus – übertragen werden können. Dabei gilt die Haut zwar als undurchlässig, aber problematisch wird es, wenn die Hand ins Gesicht, vor allem an den Mund oder die Nase geführt wird. Dann könnten die Schleimhäute infiziert werden. Also heißt es derzeit selbst in Prominentenkreisen, sich in Verzicht zu üben.

Und so kann eine Begrüßung geradezu lustig aussehen, wenn Prinz Charles auf dem roten Teppich den indischen „Namaste“-Gruß probiert oder sich Gesundheitsminister Jens Spahn am Gruß mit Ellbogenberührungen versucht. Annett Schlegel ist da inzwischen auch erfinderisch. Aber sie glaubt an eine Begrenzung dieser Phase. „Ich möchte jedenfalls nicht auf den Handschlag als Begrüßungs – und Abschiedsritual verzichten. Wenn die Hygiene eingehalten wird, besteht ja auch keine Gefahr.“ Mancherorts werden die Beschränkungen bereits wieder gelockert. Die Expertin tippt darauf, dass die Rückkehr des Handschlags in den Alltag sogar schon im Sommer passiert. Doch erst einmal gilt es, die Krise zu überstehen. Und um eine Redensart zu benutzen: Damit haben wir alle Hände voll zu tun.

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