Nachbarn willkommen: Weimarer Wohnprojekt trotzt Corona

Weimar.  Das alternative Wohnprojekt „Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad“ ist in Weimar in vollem Gange. Wo Nachbarn eigentlich näher zusammen rücken sollten, erschwert Corona nun das Leben.

Nathalie Millán Cerezo und Marco Reusch wohnen seit sechs Monaten in der Asbachstraße in Weimar, ohne Miete zu zahlen. Sie füllen das Wohnprojekt 3zkdb (Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad) mit Leben und vielen Ideen.

Nathalie Millán Cerezo und Marco Reusch wohnen seit sechs Monaten in der Asbachstraße in Weimar, ohne Miete zu zahlen. Sie füllen das Wohnprojekt 3zkdb (Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad) mit Leben und vielen Ideen.

Foto: Conni Winkler / OTZ

Sich treffen, schwatzen, feiern, diskutieren und gegenseitig helfen. Das steht im Vordergrund eines Wohnprojekts, das sich für gemeinschaftliches Zusammenleben mit der Nachbarschaft stark macht. Bereits seit sieben Monaten läuft ein solches Projekt namens „Drei Zimmer, Küche, Diele, Bad“ (3zkdb) in Weimar. Doch Corona hat es ausgebremst. Aber nicht ganz. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Die Bauhaus-Studenten Natalie Millán Cerezo und Marco Reusch füllen die Wohnung in der Asbachstraße 32 mit Leben. Doch nicht nur die. Und sie zahlen dafür zwei Jahre lang keinen Cent Miete. Die übernimmt die Thüringer Aufbaubank. Erforscht und betreut wird das Projekt zudem durch die Bauhaus-Universität Weimar und die Weimarer Wohnstätte GmbH.

Die Studenten wollen versuchen, eine neue und zukunftsfähige Art des nachbarschaftlichen Zusammenlebens und Wohnens zu etablieren. Und das neben ihrem Vollzeitstudium. Zunächst in ihrem Haus, später auch im angrenzenden Wohnblock. „Wir wollen Impulse setzen“, sagt Marco Reusch, der gerade ein Architekturstudium absolviert und in diesem Projekt wertvolle Praxiserfahrung für seine spätere Arbeit sammeln kann. So haben die beiden bereits zwei Tage nach dem Einzug im Oktober ein Grillfest mit den Nachbarn gefeiert. „Es kamen sehr viele Leute“, sagt Natalie Millán Cerezo, die aus Venezuela stammt und Urbanistik studiert.

Zwischen den Welten eine Brücke schlagen

Sie habe festgestellt, dass die Menschen hierzulande „so für sich allein“ leben. „Das hat mich anfangs, als ich nach Deutschland kam, sehr befremdet.“ Sie möchte zwischen den verschiedenen Welten, in denen Menschen leben, eine Brücke schlagen. „Wir bewegen uns eigentlich immer nur im Dunstkreis der Bauhaus-Universität. Anderen im Haus ist diese Welt völlig fremd.“ Sie wolle mit Aktionen diese unterschiedlichen Universen miteinander verbinden. „Denn wenn jeder immer nur in seiner eigenen Blase bleibt, entstehen Stigmata und Vorurteile“, sagt die 27-Jährige. Daher seien persönliche Gespräche und Zuhören ganz wichtig. Es ließen sich immer Gemeinsamkeiten finden, da sei sie sich sicher. So habe bereits ein Salsa-Tanzabend stattgefunden, der sehr gut angekommen sei.

Viele der Bewohner des Hauses hätten anfangs Bedenken wegen des Projekts gehabt. Daher sei es nötig gewesen, Nachbarn nach ihren Bedürfnissen zu befragen und darauf einzugehen. Vor allem die älteren Bewohner hätten sich wegen der Sicherheit im Haus gesorgt, wenn nun den ganzen Tag die Tür offen stehen würde. „Doch so ist es ja nicht. Die Wohnung ist nur zu bestimmten Anlässen geöffnet, und das auch nur nach Voranmeldung“, erklärt Marco Reusch. Nach der anfänglichen Eingewöhnungsphase im Oktober und November sei zu Nikolaus ein Konzert geplant gewesen, doch Natalie Millán Cerezo wurde krank. Die Weihnachtszeit nutzten die Studenten zur Erholung. „Wir wollten im Frühjahr so richtig loslegen“, sagt die Studentin. Doch Corona machte ihnen einen Strich durch die Rechnung.

Gartentisch im Hinterhof restauriert

Ein Diskussionsabend in Kooperation mit der Bauhaus-Universität zum Thema alternatives Wohnen fiel dem zum Opfer, genauso wie das noch nachzuholende Konzert vom Dezember. Was tun? Marco Reusch, der vor seinem Studium eine Schreinerausbildung absolvierte, restaurierte erst einmal den Gartentisch für den Hinterhof. Weil eine alleinerziehende Mutter im Haus ihn gebeten habe, ihren Sohn in solche Arbeiten mit einzubeziehen, schließlich falle diesem zu Hause und ohne Schule die Decke auf den Kopf, wolle er gemeinsam mit dem Jungen im Hof eine Schaukel und Spielecke installieren.

Kleine Dinge und Hilfsangebote, das sei derzeit das Gebot der Stunde. „Wir haben Kindern im Haus angeboten, die zu Hause ihre Schulaufgaben machen müssen und eventuell keinen Laptop haben, einen über die Bauhaus-Uni als Leihgerät zu besorgen.“ Marco Reusch als Handwerker könne auch jederzeit im Haus bei kleineren Reparaturen helfen. Hilfe beim Lernen und Studieren für die Wohngemeinschaft im obersten Stock würden die beiden auch leisten. Aber natürlich sei die Einschränkung der Kontakte für das Gemeinschaftsprojekt nicht gerade förderlich. „Dafür treffen wir unsere Nachbarn jetzt häufiger zum Quatschen auf Abstand im Hausflur“, sagt Marco Reusch. Das Bedürfnis nach Kommunikation sei schon gestiegen.

Über all das und die kommenden Aktivitäten führen die beiden ein Wochen-Tagebuch und füllen einen Fragebogen aus. Das dient der Erforschung durch die Bauhaus-Uni. Es sollen Antworten gefunden werden auf die Frage: „Wie werden und wollen wir in Zukunft wohnen und zusammenleben?“ Das ganze Projekt sei also so etwas wie ein Wohnlabor, erklärt Marco Reusch. Ergebnis offen.

In die Zukunft blickend, wünschen sich die Studenten, dass am Ende eine sich selbst tragende und aktive Gemeinschaft im Haus oder gar im ganzen Wohnviertel entsteht. „Das Schönste wäre, wenn das interaktive Zusammenleben nach Projektende auch ohne uns weiter läuft“, so Natalie Millán Cerezo.