Pandemieplan für Thüringen: Das sehen die Regelungen vor

Erfurt.  Der Thüringer Influenza-Pandemieplan, der auch auf Corona angewendet werden kann, regelt wesentliche Abläufe während einer Pandemie. Ein Überblick darüber, was drin steht.

Symbolbild

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Foto: Rahel Patrass / dpa

Thüringen sei auf die Ausbreitung des Coronavirus vorbereitet, heißt es seitens des Thüringer Gesundheitsministeriums. Der Influenza-Pandemieplan kann laut dem Ministerium im Falle der Ausbreitung der neuartigen Lungenkrankheit Anwendung finden. Der Thüringer Pandemieplan sei in Kooperation von Bund und Ländern entstanden und liegt in der zweiten Fassung von 2009 vor. Alle aktuellen Infos im kostenlosen Corona-Liveblog

Hier ein Überblick der wichtigsten Eckdaten:

Was regelt der Thüringer Influenza-Pandemieplan?

Der Plan soll einheitliche Empfehlungen geben bei der Vorbereitung auf eine Pandemie und während des Pandemiefalls. Das umfasst beispielsweise die Versorgung mit Arzneimitteln, die medizinische Versorgung, die Meldung und Überwachung von Fällen, die Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, aber auch die Regelung von Infrastruktur, Handel, Wirtschaft und öffentlicher Sicherheit, denn: Die Bewältigung einer Pandemie, so heißt es, sei als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu verstehen. Er entstand auf Grundlage eines nationalen Pandemieplan.

Mit wie vielen Erkrankten wird gerechnet?

Der Thüringer Pandemieplan sieht eine Erkrankungsrate von 30 Prozent über einen Zeitraum von acht Wochen als am Wahrscheinlichsten an. Bezogen auf Thüringens Einwohnerzahl (gerechnet wird mit den Zahlen von 2007) wären das rund 366.000 mehr Patienten bei Ärzten, 10.450 Krankenhausaufenthalte und 2900 zusätzliche Todesfälle (gerechnet mit der Influenza-Sterblichkeitsrate von 0,1 Prozent). Eine eindeutige Prognose kann im Falle des Coronavirus noch nicht gegeben werden, da die Sterblichkeitsrate stark variiert.

Zum Vergleich: Die Zahl der Infektionen während einer Grippewelle wird auf 5 bis 20 Prozent der Bevölkerung geschätzt, in Deutschland wären das 4 bis 16 Millionen Menschen. Bei schweren Grippewellen sind in Deutschland in der Vergangenheit über 20.000 Menschen gestorben, teilt das Robert-Koch-Institut mit.

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Wann gab es die letzte Pandemie?

Die letzte Pandemie gab es 2009 mit der sogenannten Schweinegrippe, sie verlief nach Aussagen des Robert-Koch-Instituts aber mild.

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Wer wird wann wie informiert?

Die Labore melden Fälle an die zuständigen Gesundheitsämter. Beispielsweise an das Gesundheitsamt im Landratsamt Weimarer Land für einen Patienten aus dem Weimarer Land.

Die Gesundheitsämter melden dann an das Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz und an das Robert-Koch-Institut. Das gilt auch für Verdachts- und Todesfälle.

Wie soll eine Ausbreitung verhindert werden?

Durch das Schließen von Gemeinschaftseinrichtungen, Verbot von Massenveranstaltungen oder Besuchsverbote in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Aktuell gibt es genau diese Maßnahmen im Freistaat. Bis zum 10. April sind Veranstaltungen und Menschenansammlungen mit 50 und mehr Personen untersagt. Das entschied die Thüringer Landesregierung. Auch der Flugverkehr soll kontrolliert werden. Zudem sind gastronomische Einrichtungen geschlossen oder in den Öffnungszeiten eingeschränkt. Auch Museen und Bibliotheken bleiben zu.

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Wie wird die Bevölkerung informiert?

Die Bevölkerung sei durch Merkblätter, Aushänge und Pressemitteilungen zu informieren. Dabei geht es um Hygieneregeln, aber auch um Hinweise und Präventionsmaßnahmen. Beispielsweise solle der Kontakt zu Erkrankten gemieden werden, es soll über Möglichkeiten der medizinischen Hilfe informiert werden oder Hinweise zu Einschränkungen der Bewegungsfreiheit auf Anordnung von Behörden geben.

Wie wird die Krankenversorgung geregelt?

Die Kassenärztliche Vereinigung hat hier die Planung inne. Sie arbeitet mit Gesundheitsämtern, Landesärztekammer und dem Thüringer Gesundheitsministerium zusammen. Sie regelt ärztliche Vertretungen und erweitert Sprechzeiten, klärt Absicherung und Erweiterung von Hausbesuchen ab oder entwickelt Ablaufpläne in Praxen. Weiter beschäftigt sich die Kassenärztliche Vereinigung damit, wie erkrankte Heimbewohner betreut werden oder wie ein Notfalldienst aufgestellt sein sollte. Sie mobilisiert weitere Kräfte und holt beispielsweise Ärzte aus dem Ruhestand. Das ist notwendig, da auch die Ärzte selbst erkranken und ausfallen können.

Wie läuft die Betreuung in Heimen im Ernstfall ab?

Auch Träger von Alten- und Pflegeheimen sowie Kinder- und Jugendheimen müssen Pläne aufstellen, um im Pandemiefall die Betreuung gewährleisten zu können. Das umfasst die Absicherung personeller Kapazitäten, innerbetriebliche Verfahrensweisen zur Infektionshygiene und die hausärztliche Versorgung.

Der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Mitteldeutschland Christoph Stolte sieht die Pflegeeinrichtungen indes gut vorbereitet: „Immer wieder werden unsere Einrichtungen mit sich schnell ausbreitenden Infektionskrankheiten konfrontiert“, sagt er. Entsprechende Vorsichtsmaßnahmen werden mit den Gesundheitsämtern vor Ort abgestimmt. Denn die sind letztlich für die Einrichtungen in den einzelnen Kreisen und Städten zuständig, so Christoph Stolte. Die Absicherung der Dienste stelle die Einrichtungen ebenfalls nicht vor schwerwiegende Probleme: Es sei ein „flexibles Personalmanagement in unseren Pflegeeinrichtungen gefordert“, so der Vorstandsvorsitzende.

Medikamente

Hier sind die Apotheken verantwortlich dafür, sich auf den erhöhten Bedarf einzustellen. Bringedienste sollten im Pandemiefall ausgeweitet werden. Eine Impfung gegen das Coronavirus gibt es derzeit noch nicht. Älteren und chronisch kranken Menschen wird geraten, ihren Impfschutz dennoch zu prüfen.

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Krankentransporte

In Krankenwagen dürfen mehrere Infizierte gleichzeitig transportiert werden. Das Personal vom Rettungsdienst sollte mit entsprechender Schutzkleidung geschützt sein.

Versorgung in Krankenhäusern

Krankenhäuser sind zur Behandlung verpflichtet. Auch sie müssen sich für den Notfall rüsten, wie beispielsweise das Katholische Krankenhaus Erfurt oder die Sömmerdaer Klinik. In ihren Notfallplänen wird unter anderem geregelt, wie Bettenkapazitäten geschaffen werden können, wie zusätzliches Personal beschafft werden kann, wie ebenjenes geschützt wird. Der Pandemieplan rechnet zu Hoch-Zeiten mit bis 330 zusätzlichen Krankenhauseinweisungen pro Tag.

Momentan gebe es im Freistaat 650 Intensivbetten, sagt Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) am Dienstagmittag. 244 können kurzzeitig eingerichtet werden. Tendenz steigend. 1350 Corona-Tests am Tag seien zudem in Thüringen möglich, sagt Gesundheitsministerin Heike Werner. Getestet werde nur, wer Symptome hat. Ein Termin sei über den Hausarzt oder die Notfallnummer 116117 möglich.

Auch Fachkliniken, wie die Eisenberger Waldkliniken, und Reha-Einrichtungen müssen im Pandemiefall Patienten aufnehmen und brauchen einen Pandemieplan.

Wie sind die Thüringer Institutionen auf den Ernstfall vorbereitet?

Die Polizei Thüringen ist nach eigener Aussage auf den Ernstfall vorbereitet: Pandemiepläne seien überarbeitet und an die aktuellen Entwicklungen angepasst worden, teilt die Landespolizeidirektion mit. Alle polizeilichen Kernaufgaben und die Präsenz im Freistaat Thüringen sei gewährleist, heißt es. Die Thüringer Polizei verfügt über ausreichend Schutzmittel und -ausstattung, eine Koordinierungsstelle beobachte die Entwicklungen rund um die Corona-Pandemie, heißt es. Dennoch müssen auch die Polizei Prioritäten setzen. Um genügend Einsatzkräfte zu haben, könnte auf die ein oder andere Geschwindigkeitskontrolle verzichtet werden.

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Auch in den Thüringer Gefängnissen gelten verschärfte Hygienemaßnahmen und Besuchsregelungen. Aufgrund von drei Verdachtsfällen im Gefängnis Untermaßfeld wurde deutlich, wie schnell sich eine Infektion dort ausbreiten kann. Der Verdacht bei den drei Fällen stellte sich aber als normal Grippe heraus.

Der Thüringer Feuerwehrverband hat derzeit Maßnahmen eingeleitet, die die sozialen Kontaktpunkte der Feuerwehrmänner reduzieren sollen: Umgesetzt werde das in erster Linie durch das Verlegen oder Absagen von nicht zwingend notwendigen Veranstaltungen, so etwa Vereinssitzungen, aufschiebbare Besprechungen, Übungen oder Lehrveranstaltungen. Der Thüringer Feuerwehrverband werde in engem Kontakt mit den Mitgliedsverbänden stehen, um ein geeintes Vorgehen im Sinne der Thüringer Feuerwehrmitglieder zu ermöglichen, betont Vorstandsvorsitzender Lars Oschmann.

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