Gefühle

Affäre in der Ehe: Warum die Geliebte fast immer verliert

Berlin.  Wie Frauen in die Rolle der Langzeitgeliebten rutschen und warum er sich nicht von seiner Frau trennt. Auch wenn es so sehr schmerzt.

Die Geliebte zieht oft den Kürzeren. Sie wartet, sie hofft, sie macht sich zurecht. Wird er jemals für sie seine Frau verlassen?

Die Geliebte zieht oft den Kürzeren. Sie wartet, sie hofft, sie macht sich zurecht. Wird er jemals für sie seine Frau verlassen?

Foto: visualspace / iStock

Während Britta (34)* mit ihren Freundinnen am Wannsee sitzt, schielt sie auf das Handy in der Seitentasche ihres roten Rucksacks. Fast alle fünf Minuten. Ihre Freundinnen kennen das Spiel schon. Ruft er an oder meldet er sich per SMS, wird Britta eine Ausrede finden, ihre Sachen zu packen und sofort los zu müssen. Die Nachbarin braucht den Ersatzschlüssel, sie fühlt sich nicht gut oder habe einfach eine Abgabe bei der Arbeit vergessen, wird sie dann sagen. Er will sie dann treffen.

Aber darüber redet sie mit niemandem. Er – das ist die große Unbekannte in Brittas Leben – seit zwei Jahren. Er wohnt mit seiner Frau und seiner Tochter zusammen – aus Pflichtgefühl, nicht aus Liebe, wie er sagt. Und Britta glaubt ihm. Eigentlich alles. Dass seine Frau leicht depressiv ist und auf ihn angewiesen. Dass die beiden nicht mehr miteinander schlafen und dass er nur sie, Britta, liebt.

Seit einem Sommerfest bei der Arbeit ist sie nun schon – obwohl keiner von beiden das Wort mag – seine Geliebte. Wochenendkurztrips, schnelle Treffen nach Feierabend und Abendessen in drittklassigem Restaurant, in denen keiner der beiden jemanden treffen könnte, hat sie viele mit ihm erlebt. Weihnachtsfeste, Alltag, Besuche bei der Familie nie. Wie auch – er hat eine Familie und Britta hat ihn. „Wir nutzen die Zeit, die wir haben, um zusammen zu sein. Das ist nicht oft, dafür bin seit zwei Jahren wie frisch verliebt“, sagt sie.

Für Geliebte sind Feiertage und Familienurlaube die einsamen Tage

Einzig an Tagen wie der Einschulung seiner Tochter oder als sie drei Tage Krankenhaus lag und er nicht loskonnte, fühlt sie sich mies. Wie bei einer Besetzung. Die Gesellschaft für erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung hat eine Statistik über Geliebte vorgelegt: Demnach verlässt nur jeder zehnte Ehemann seine Frau für die Affäre. „Die Geliebte verliert immer“, schreibt Roman Maria Koidl in seinem Bestseller „Scheißkerle“.

In Deutschland leben Tausende von Geliebten das weibliche Rollenmuster in seiner traditionellsten Form aus. Daran haben auch fünfzig Jahre Emanzipation nichts geändert. Erwachsen und emanzipiert zu sein, sagt die Therapeutin Elena-Katharina Sohn, heißt eben auch, sich um das eigene Wohlergehen zu kümmern und sich einen Partner zu nehmen, der es gut mit einem meint und nicht bloß die eigenen Interessen im Blick hat.

Für Frauen heißt es meist: Hoffen, warten, runterschlucken

Dazu gehört auch, sich von Menschen zu trennen, die einem nicht guttun. Tatsächlich offenbaren Untersuchungen, dass Frauen eher dazu neigen, sich über lange Zeit als zweite Besetzung etablieren zulassen. Sie sind weitaus häufiger als Männer bereit, sich aufzuopfern. Sie haben sie Verständnis. Dass der Mann nun mal nicht so kann, wie er will, weil er eine Frau und Verpflichtungen hat.

Sie verlassen sich darauf, dass alles gut wird, dass er eines Tages mit gepackten Koffern vor ihrer Tür steht und harren aus. „Frauen“, sagt die Psychologin Gerti Senger, „erledigen noch immer den Großteil der nicht geachteten und unbezahlten Arbeit.“ Und sie sind es auch fast immer, die in die Rolle des Nebenpartners rutschen, für den es heißt: hoffen, warten, runterschlucken.

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Wenn er sagt, dass die Tochter krank ist, wenn der 90. Geburtstag des Großvaters ansteht, sagt Britta nichts. „Diese versteckten Schuldzuweisungen funktionieren bei der Geliebten“, weiß Ulrike Fuchs, Paartherapeutin aus München. Wer wolle schon einen anderen Menschen ins Unglück stürzen oder eine Familie zerstören? Die Geliebte nehme sich diskret zurück, um ihn zu entlasten. Sie interpretiere seine Entscheidungsschwäche dann so: „Es ist einfach eine schwere Zeit für ihn.“

Britta teilt diese Sicht auf die Situation. Als die beiden sich über die Arbeit kennenlernten, war er wie sie Anfang 30. „Er hat die falsche Abbiegung genommen, die falsche Frau geheiratet, ein Kind bekommen, aber zu viel Pflichtbewusstsein, sich zu lösen. Das ehrt ihn“, sagt sie. Er wolle Sachen richtig machen. Und irgendwann gehen. So verspricht er es wenigstens. Auch, dass sie ein Kind bekommen könnten, sagt er. Irgendwann. „Dann müssten wir aber schon zusammenziehen“, findet Britta.

Wie ist der Mann, den man liebt, wohl zuhause bei seiner Familie?

Eine Langzeitgeliebte zu sein, sehe ihr nämlich eigentlich nicht ähnlich. „Das ist auch bei den meisten nicht geplant“, weiß die Therapeutin Ulrike Fuchs. „In die Rolle der Geliebten rutschen die meisten rein.“ Viele würden sich dann der Illusion hingeben, dass er kein intimes Verhältnis zu seiner Frau habe, nicht einmal ein freundschaftliches. „Das wollen sich viele auch einfach gar nicht vorstellen“, weiß Fuchs aus ihrer Praxiserfahrung.

Britta frage sie sich manchmal, wer er wohl zu Hause sei. Der liebevolle Familienvater? Das schweigende Wohnzimmer-Inventar? Sieht er seine Frau in seiner Tochter? Schläft er im gemeinsamen Bett, wenn die Drei Urlaub fahren? „Aus der anfänglichen Leidenschaft folgt nun eine Art Erwachen. Die Geliebte versteht immer mehr, dass seine Liebesschwüre für ihn nur ein leeres Versprechen waren, um sie weich zu machen. Seine Träume einer gemeinsamen Zukunft scheitern an der Umsetzung. Vielleicht liebt er seine Geliebte auch, aber er würde seine Ehefrau niemals verlassen“, erklärt Ulrike Fuchs.

Statistisch gesehen trennen sich 50 Prozent der betrogenen Ehefrauen

Das sei häufig der Unterschied zu Frauen, die sich in ihren Geliebten verlieben – sie seien häufiger als Männer bereit, die Konsequenzen zu ziehen und diese auch zu tragen. Gebundene Männer in einer Dreiecksbeziehung sind laut der Paartherapeutin dagegen tendenziell eher etwas träge und bequem. Warum sollte sich etwas ändern, wenn man Geliebte und Ehefrau haben kann?

Statistisch gesehen trennen sich 50 Prozent der betrogenen Ehefrauen von ihrem Mann. Dadurch muss der Mann sich nicht selbst aktiv entscheiden und flüchtet in die offenen Arme der Geliebten, die jetzt seine neue Frau wird. Psychologen nennen dieses Phänomen „Absprungfrau“.„Manchmal zeugt eine Trennung für wesentlich größere Stärke als weiter auszuhalten und die Affäre weiterlaufen zulassen“, sagt Ulrike Fuchs aber auch.

Spätestens aber, wenn die Affäre auf die Gesundheit schlage, Flashbacks, Schlafstörungen, sozialer Rückzug oder Unfähigkeit seinen Alltag zu bewältigen dazu kommen, sei es für die Geliebte allerdings Zeit sich zu trennen. Wie es Britta entscheiden wird, weiß sie nicht. Es sind nun zwei Jahre, in denen sie sich auf jedes Treffen gefreut hat, ebenso aber auch viel alleine war. Einsam findet sie sich aber nicht.

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