Botenstoffe

Sport ist gesund: So kann Muskelaufbau das Leben verlängern

Berlin.  Muskeln können weit mehr als nur gut aussehen – sie haben eine heilende Wirkung. Woran das liegt und was man selbst dafür tun sollte.

Macht der Mensch Sport, ist es, als ob er sich einfach in der körpereigenen Apotheke bedient.

Macht der Mensch Sport, ist es, als ob er sich einfach in der körpereigenen Apotheke bedient.

Foto: Marijan Murat / dpa

Für viele ist er vor allem ein Schönheitsideal: Ein muskulöser Körper, wohl geformt und präzise modelliert. Aber Muskeltraining und -aufbau bedeutet nicht immer, darauf hinzuarbeiten, Sixpack und Oberarmweite zu bekommen. Sondern vor allem: die eigene Gesundheit zu fördern. Und hier präsentieren Mediziner und Wissenschaftler neue Erkenntnisse. Wer regelmäßig Sport treibt, trägt so etwas wie eine eigene Apotheke am Körper.

Auch die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt nicht umsonst täglichen Sport, wenigstens fordernde Bewegung. Denn das erhöht die Lebenserwartung drastisch – und die meisten Sportarten wirken sich auch direkt auf die Muskeln aus.

Und gerade in jüngerer Vergangenheit haben Mediziner und Sportwissenschaftler bei ihren Trainingsempfehlungen den Fokus zunehmend auf die positiven Seiten des Krafttrainings gelegt. Sport, der die Muskeln beansprucht, kann kleine Wunder verrichten – und das Leben verlängern.

Muskeltraining: Darum ist Kraftsport gesund

  • Sport aktiviert Stoffe aus den Muskeln, die sie in das umliegende Gewebe freisetzen
  • Das sorgt für positive Folgen auf die Gesundheit
  • Die Forschung steht bei den sogenannten Myokinen noch am Anfang
  • Sie haben heilende und präventive Wirkung gegen Alzheimer und andere Krankheiten

Für viele klingt Krafttraining und Muskelaufbau allerdings abschreckend: Pumpen im Fitnessstudio, andauernde Hochbelastung, immer wieder mehr und härter? Vorurteile. Denn auch, wenn sich Muskeln beim Fernsehen auf dem Sofa eher nicht von allein aufbauen:

Mit nur ein ganz klein wenig Überwindung lassen sich leicht Routinen etablieren, die großen Einfluss auf den Körper haben. Wer sich nicht bewegt und seinen Körper nicht fordert, der verschenkt die wertvolle Chance auf jede Menge gesundheitsfördernde Botenstoffe – sogenannte Myokine.

Sport: Muskel- und Krafttraining gut für die Gesundheit

Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule Köln hat hierfür ein sehr schönes Bild gefunden: Macht der Mensch Sport, ist es, als ob er sich einfach in der körpereigenen Apotheke bedient. „Mit Sport sorgen wir dafür, dass die Muskeln und das umliegende Gewebe Stoffe freisetzen, die im Körper positive Wirkungen hervorrufen“, so Bloch.

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„Ich nutze quasi das körpereigene Reservoir, das diese Wirkstoffe freisetzt. Genau das machen wir mit Medikamenten die wir uns aus der Apotheke holen auch – wir triggern ganz gezielte Wirkungen.“

Muskeln verändern körpereigene Abwehr

Die Myokine, die die Muskeln und ihre umliegenden Gewebskomponenten beim Sport ausschütten, sind hormonähnliche Botenstoffe. Ihr Name leitet sich aus dem griechischen „Mys“ für Muskel und „kinema“ für Bewegung ab. Im Körper tasten die Myokine Zellen ab und docken an sogenannten Rezeptoren an. Dort geben sie Signale an die Zelle ab und lösen dadurch dann weitere biologische Reaktionen innerhalb der Zelle aus – beeinflussen beispielsweise deren Elastizität oder Regenerationsfähigkeit.

„Um die 2000er-Jahre wurde das erste Myokin, das Interleukin 6 entdeckt, damals noch unter dem Oberbegriff Zytokin“, erklärt Wilhelm Bloch. Mittlerweile seien 500 bis 1000 unterschiedliche Myokine erkannt, die sich im Labor darstellen lassen konnten.

Jedoch verstehen die Forscher lediglich von einem Bruchteil die genaue Wirkungsweise. „Vom Rest haben wir aber zumindest eine Vorstellung, in welche Richtung die Wirkung geht“, so der Experte für molekulare und zelluläre Sportmedizin.

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Gefäßsystem und Herz profitieren auf jeden Fall

Die Forschung konnte jedoch bereits zeigen, dass Myokine eine sowohl präventive als auch eine heilende Wirkung auf zahlreiche Krankheiten haben: „Das sind allen voran neurodegenerative Erkrankungen wie Altersdemenz, keine Frage“, betont Bloch. Das seien aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankung.

„Gefäßsystem und Herz profitieren auf jeden Fall davon, da die Myokine die Dehnbarkeit unserer Gefäße positiv beeinflussen“, sagt Bloch. Aber auch Typ-II-Diabetes könne durch Myokine beeinflusst werden.

Ein großer Bereich, mit dem sich Bloch und sein Team beschäftigen, sind die positiven Effekte der durch Sport produzierten Myokine auf Tumorerkrankungen. „Das hat damit zu tun, dass wir über den Sport das Immunsystem aktivieren und so die körpereigene Abwehr verändern können“, so der Sportmediziner. „Darüber können wir dann zumindest unterstützend bei der Krebstherapie mit eingreifen.“

Viel wichtiger als der konkrete Einfluss auf bestimmte Krankheiten ist aus Blochs Sicht ohnehin der positive Einfluss der Myokine auf das Immunsystem, der ebenfalls bereits wissenschaftlich belegt ist.

„Ich glaube das ist ein ganz wesentlicher Punkt, dass der Muskel direkt mit dem Immunsystem interagiert“, betont er. Dadurch habe man einen sowohl präventiven als auch heilenden Effekt auf eigentlich jede Krankheit. „Wollen wir unseren Körper gesund und fit halten und vielleicht Alterung etwas verlangsamen, dann brauchen wir diesen Einfluss der Myokine.“

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Intensives Intervalltraining mit hoher Belastung

Die Wissenschaftler untersuchen, wie sich die Anzahl der Myokine im Blut vor und nach dem Sport unterscheidet. Durch welche Art von Bewegung und Intensität die Muskeln nun genau welche bestimmte Myokin-Art ausschütten, lässt sich dadurch zwar noch nicht exakt sagen. Fest steht jedoch, dass bei Myokinen eher das Prinzip „Schnaufen beim Laufen“ zu greifen scheint.

„Mit einem intensiven Intervalltraining mit hoher Belastung von 30 Minuten erreichen wir in kürzerer Zeit einfach eine höhere Myokin-Ausschüttung als bei zwei Stunden Ausdauertraining mit entsprechend geringerer Muskel-Belastung.“

Spaziergänge bringen wenig

Kaum etwas bringe es beispielsweise nur spazieren zu gehen, ohne seinen Körper damit richtig zu fordern, erklärt Bloch: „Ich brauche eine Mindest-Intensität, um einen Cocktail von Myokinen in den Muskeln freigesetzt zu bekommen, die dann auch beispielsweise kardiovaskulär protektiv wirken können. Und auch das Immunsystem profitiert mehr von höheren Intensitäten als von niedrigen.“

Darauf sollte man im Fitnessstudio achten

Bloch empfiehlt mit Blick auf die eigene Gesundheit und die positive Wirkung der Myokine in jedem Falle regelmäßiges Krafttraining um Muskelmasse aufzubauen. „Wenn ich etwas aktivieren will, das aus der Muskulatur kommt“, so der Sportmediziner, „dann brauche ich eben auch Muskeln.“

  • Wenn man nur zehn Kilo Muskelmasse habe, dann schütte man auch entsprechend weniger Myokine aus, als bei 20 Kilo Muskelmasse.
  • Eine logische und einfache Rechnung. Nur im Fitnessstudio zu pumpen, sei dagegen auch nicht richtig.
  • Beides sei wichtig: Die Bildung von Muskelmasse anzuregen und dann diese Muskeln arbeiten zu lassen.

„Eine sinnvolle Kombination aus Kraft und Ausdauertraining ist empfehlenswert und isolierten Ansätzen vorzuziehen.“

„Und das mag der Körper gar nicht“

Hinzu kommt, dass durch die Bewegung die Myokine intervallartig abgegeben werden. „Nehmen wir mal das Ur-Myokin Interleukin 6“, sagt Bloch. „Das kann auch im Fettgewebe gebildet werden.“ Aber im Unterschied zum Muskel werde das Myokin vom Fettgewebe über den ganzen Tag ausgeschüttet. „Und das mag der Körper gar nicht.“

Der Muskel habe den Vorteil, dass er den Botenstoff bei Belastung immer wieder pulsartig freisetze und der Myokinspiegel danach wieder abfalle. „Unser Körper braucht im Prinzip genau diese modulierte oszillierende Freisetzung“, erklärt Bloch. „Das hat eine viel höhere biologische Wirkung und unter Umständen sogar eine andere biologische Wirkung.“

Beim Interleukin 6 habe man zeigen können, dass ein permanent hoher Spiegel, der über Fettgewebe oder Immunzellen ausgeschüttet werde, chronische Entzündungsprozesse begünstige. „Mögliche Folgen: Diabetes, Arteriosklerose und und und“, so Bloch.

Die durch den Muskel ausgeschütteten Myokine dagegen könnten in letzter Konsequenz Krankheiten verhindern und die eigene Lebenserwartung deutlich beeinflussen. Das ergab eine Studie von Forschern um Jonatan Ruiz vom Karolinska Institutet in Stockholm.

  • In der prospektiven Kohortenstudie wurden knapp 8800 Männer zwischen 20 und 80 Jahren etwa 19 Jahre lang beobachtet und ihre Muskelkraft analysiert.
  • Eine schwache Muskulatur war mit einer deutlich erhöhten Sterblichkeit assoziiert.
  • Höhere Muskelkraft schützte selbst die übergewichtigen Studienteilnehmer vor tödlichen Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen – egal welchen Alters.

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