Studie

Sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz: Was dagegen tun?

Berlin.  Einer Studie zufolge war in den letzten drei Jahren jeder elfte Beschäftigte Übergriffen ausgesetzt. Wie Betroffene handeln können.

Vor allem Frauen erleben sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz – aber nicht nur.

Vor allem Frauen erleben sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz – aber nicht nur.

Foto: Hartmut Seifert / ZDF und Hartmut Seifert

Es passiert der Kellnerin in der Eckkneipe, der Verkäuferin an der Supermarktkasse, aber auch dem Pfleger im Klinikzimmer: Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz spielt sich nicht nur innerhalb von Betrieben und Büros ab – viele Betroffene beklagen auch Übergriffe durch Kunden, Patienten und Klienten.

Eine neue Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt nun das ganze Ausmaß sexueller Übergriffe: Insgesamt hat demnach jeder elfte Beschäftigte in den letzten drei Jahren sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt.

Sexuelle Übergriffe: Wer sind die Opfer, wer sind die Täter?

Frauen sind nach wie vor deutlich häufiger Opfer von Übergriffen als Männer – doch auch männliche Beschäftigte berichten über sexuelle Belästigung im Job: Während 13 Prozent der Frauen in den vergangenen drei Jahren Belästigungen erlebt haben, waren es bei den Männern immerhin fünf Prozent.

Überraschend ist: Mehr als die Hälfte (53 Prozent) der Betroffenen berichtet von Belästigungen durch Dritte – von Fällen also, wo nicht Kollegen oder Vorgesetzte, sondern Kunden, Patienten oder Klienten übergriffig waren. 43 Prozent beklagen Übergriffe von Kollegen, 19 Prozent berichten von Belästigungen durch Vorgesetzte oder betrieblich höhergestellte Personen. Manche sind dabei Opfer mehrerer Täter. Opinary- Sollten sexuelle Übergriffe härter bestraft werden?

Für die Studie der Antidiskriminierungsstelle wurden insgesamt 1531 Personen befragt, die in den vergangenen drei Jahren in einem Arbeitsverhältnis beschäftigt waren, darunter auch Auszubildende, Praktikanten und Selbstständige. Dazu wurden Interviews mit Betroffenen geführt sowie Rechtsfälle ausgewertet. Die Untersuchung wird an diesem Freitag in Berlin vorgestellt, sie lag unserer Redaktion vorab vor.

Was erleben die Betroffenen am Arbeitsplatz?

Jeder elfte ist von sexueller Belästigung betroffen – das sind neun Prozent aller Beschäftigten. Würde man nicht nur nach Erfahrungen aus den letzten drei Jahren fragen, sondern nach dem gesamten Berufsleben, lägen die Zahlen laut Experten noch deutlich höher. Doch welche Alltagserfahrungen verbergen sich hinter den jetzt frisch erhobenen Daten?

Auf die Frage, was im Einzelnen die Betroffenen in den vergangenen Monaten erlebt hatten, nannten 62 Prozent verbale Belästigungen: sexualisierte Kommentare, Sprüche oder Witze. 44 Prozent fühlten sich durch unerwünschte Blicke oder Gesten belästigt, auch anzügliches Pfeifen fanden viele übergriffig.

Knapp drei von zehn Betroffenen (28 Prozent) fühlten sich von unangemessen intimen oder sexualisierten Fragen bedrängt. Ähnlich viele (26 Prozent) klagten über unerwünschte Berührungen oder körperliche Annäherungen. Jeder Fünfte (22 Prozent) berichtete von unangemessenen Einladungen zu privaten Treffen.

Daneben nannten Betroffene auch Fälle, wo Kollegen oder Kunden ihnen sexualisierte Bilder, Texte oder Filme aufgedrängt hatten oder anzügliche Mails oder Textnachrichten geschickt hatten. Immerhin elf Prozent der Betroffenen klagten über Begegnungen, bei denen sie zu sexuellen Handlungen aufgefordert worden seien, in Einzelfällen war es auch zu Erpressung oder körperlicher Nötigung gekommen.

Bleibt es beim einmaligen Ausrutscher?

Nein. Bei den meisten Belästigungsmomenten handelte es sich laut Studie nicht um einmalige Vorfälle – acht von zehn Befragten hatten mehr als eine solche Situation erlebt, mancher war in den letzten drei Jahren sogar regelmäßig sexuellen Attacken ausgesetzt – mit mehr als 30 Fällen.

Und die Täter?

82 Prozent der Betroffenen geben ausschließlich oder überwiegend Männer als Täter an. Das gilt auch für etliche der männlichen Opfer. Doch bei den betroffenen Männern zeigt sich, dass sich viele auch durch Frauen sexuell belästigt fühlen.

Die wenigsten Opfer stecken sexualisierte Attacken einfach weg. Vielfach erleben die Betroffenen sexuelle Belästigung als erniedrigend, manche auch als bedrohlich. Jede zweite der betroffenen Frauen (48 Prozent) sagte, sie hätte sich durch die Belästigung erniedrigt und abgewertet gefühlt, bei den Männern waren es 28 Prozent.

Von starken psychischen Belastungen berichteten 41 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer. 30 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer empfanden die Situation eindeutig bedrohlich.

Es ist passiert. Und nun?

Laut Studie wehren sich die meisten spontan: Die Mehrheit der Betroffenen gab an, sich unmittelbar nach der Belästigung verbal zur Wehr gesetzt zu haben (66 Prozent). Mit etwas zeitlichem Abstand wandten sich vier von zehn Betroffenen an Dritte, davon am häufigsten an Kollegen (47 Prozent), Vorgesetzte (36 Prozent), Freunde oder Familie (15 Prozent) oder auch an Beratungsstellen und therapeutische Einrichtungen (elf Prozent). Die wenigsten nutzen dagegen das Arbeitsrecht.

Dabei ist das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz verbietet, sehr weit gefasst und käme vielen Klägern entgegen: Es spricht immer dann von sexueller Belästigung, wenn es sich um eine unerwünschte, sexualisierte Verhaltensweise handelt, die die Würde des Betroffenen verletzt.

Anders als bei einem einvernehmlichen Flirt geht es also um eine einseitige Grenzverletzung trotz klar signalisierter Ablehnung. Arbeitgeber stehen hier in der Pflicht, ihre Mitarbeiter zu schützen. Das gilt erst recht für strafrechtlich relevante Fälle von Nötigung oder anderen massiven Übergriffen. Doch in der Praxis ist die Regelung alles andere als leicht umzusetzen.

Laut Studie gibt es mehrere Gründe dafür, dass sich so wenige Betroffene arbeitsrechtlich wehren: der Versuch, das Problem selbst zu lösen, das fehlende Wissen über Arbeitnehmerrechte, aber auch die Angst vor unzureichender Anonymität und negativen Folgen für das weitere Berufsleben. Besonders hilflos fühlen sich laut Studie Mitarbeiter, die von ihren Vorgesetzten belästigt werden, die noch in der Ausbildung sind oder noch keinen sicheren Vertrag haben.

Was sagen Experten?

„Sexuelle Belästigung im Job ist ein gravierendes Problem und kann für die Betroffenen schwerwiegende Folgen haben“, mahnt Bernhard Franke, kommissarischer Leiter der Antidiskriminierungsstelle, gegenüber unserer Redaktion. Es liege im Interesse der Unternehmen, einzugreifen, damit sexuelle Belästigung verhindert wird – beispielsweise indem sie feste Ansprechpersonen benennen und verpflichtende Schulungen für Führungskräfte anbieten würden.

Wenn Kunden Arbeitnehmer belästigten, müssten Arbeitgeber sofort einschreiten, um ihre Beschäftigten zu schützen – „das kann bis zu einem Lokal- oder Hausverbot führen und darf beispielsweise im Gastronomiebereich oder Einzelhandel nicht als ,Berufsrisiko‘ bagatellisiert und ignoriert werden“, so Franke. Im Gesundheitsbereich könne als Schutzmaßnahme auch eine Beendigung des Behandlungsvertrages in Betracht kommen.

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