Atemwege

So gefährlich ist Staub für Heimwerker, Bauarbeiter und Co.

Berlin.  Beim Heimwerkern und auf Baustellen werden viele feine, gesundheitsgefährdende Partikel frei. Wir zeigen, wie man sich schützen kann.

Auch beim Heimwerkern sollte man sich vor Staub schützen. Viele kleine Partikel können in die Atemwege eindringen und die Gesundheit schädigen.

Auch beim Heimwerkern sollte man sich vor Staub schützen. Viele kleine Partikel können in die Atemwege eindringen und die Gesundheit schädigen.

Foto: istock / iStock

Wo gesägt und gehobelt wird, fallen nicht nur Späne: Weithin sichtbare Staubwolken haben als Signal einer Baustelle lange Tradition. Auch Menschen, die auf trockenen Äckern arbeiten, oder Heimwerker, die renovieren, sind meist wie selbstverständlich von einer feinen Schicht wie Puder bedeckt. Dabei muss das längst nicht mehr so sein, wissen Experten.

Neue Techniken können die Luft reinhalten und die Lunge schützen. Doch Berufsgenossenschaften fällt es schwer, Menschen und Betriebe von den Innovationen zu überzeugen. Das liege auch daran, sagen Mediziner, dass der Mensch zu wenig auf seine Lunge achte. Dabei ist sie so wichtig wie das Herz und als sogenanntes Portalorgan ständig äußeren Einflüssen ausgesetzt – auch dem Staub. Wir atmen ihn ständig ein, er liegt ja in der Luft.

Vor allem feiner Staub ist eine Gefahr für die Gesundheit

Besonders riskant ist der feine Staub, den Menschen beim Einatmen nicht bemerken. „Die groben Partikel sichtbaren Staubs werden herausgehustet oder vom Selbstreinigungssystem der Lunge davongetragen“, erklärt Dr. Andreas Meyer, Chefarzt und Lungenexperte an den Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach. Das heißt, diese Partikel landen auf den Flimmerhärchen, die die Bronchien auskleiden. Diese Härchen werden ständig von einer Flüssigkeit umspült, der Körper produziert rund 200 Milliliter davon pro Tag. Die Flüssigkeit trägt die Staubpartikel Richtung Schlund davon, und sie werden verschluckt.

Der feine Staub hingegen sinke tief in die Lungenbläschen hinein. „Bei ihm greift das Reinigungssystem der Lunge nicht“, sagt Meyer. Feiner Staub ist kleiner als zehn Mikrometer. Zum Vergleich: Ein Haar ist etwa 50 Mikrometer dick. Er kann nicht nur der Lunge, sondern noch darüber hinaus dem Körper schaden. Denn die inhalierten Minipartikel treten in die Blutbahn ein und von dort in die Gefäßwand über, sie lösen chronische Entzündungsprozesse aus.

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Quarzstaub und Asbest sind krebserregend

Die Gefahr, dadurch zu erkranken, erhöht sich zum Beispiel auf staubigen Baustellen, in mehligen Backstuben oder auf Feldern in der Landwirtschaft. Vor allem, wenn man die schädlichen Partikel über zehn Jahre oder länger einatmet und obendrein raucht. Lungenfacharzt Meyer: „Eine Zigarette legt die Flimmerhärchen in der Lunge für etwa eine Stunde lahm. Das heißt, in dieser Zeit funktioniert ihr Reinigungssystem auch für größere Partikel nicht – und alles, was länger in der Lunge liegt, kann Entzündungen verursachen.“

Meyer behandelt im Auftrag der Berufsgenossenschaften viele Menschen, die durch ihren Job eine kranke Lunge haben. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) meldet nach letzten Zahlen aus dem Jahr 2017 rund 600 Berufserkrankungen an Silikose und rund 2000 Menschen, die an Asbestose erkrankt sind – im Volksmund spricht man bei beiden Erkrankungen von Staublunge. Fast tausend neue Tumore im Brustraum, Mesotheliome genannt, aufgrund von Asbest sind im gleichen Jahr noch dazugekommen.

Dabei ist Staub nicht gleich Staub: Quarzstaub gehört zusammen mit Asbest zu den Sorten, die erwiesenermaßen gefährlich und potenziell krebserzeugend sind. Während Asbest jetzt noch oft bei der Renovierung alter Gebäude frei wird, haben zum Beispiel Bergarbeiter und Steinmetze im Laufe ihres Berufslebens meist viel Quarzstaub eingeatmet. Auch beim Sandstrahlen von Gebäuden entsteht er, wenn mineralisches Material abgetragen werden muss. „Auf Schleifpapier ist Quarzstaub inzwischen verboten“, sagt Experte Andreas Meyer.

COPD und Staublungen können nicht geheilt werden

Er beschreibt Husten, Auswurf und Atemnot über drei Monate hinweg als Anzeichen einer weiteren Lungenerkrankung, deren Anerkennung als Berufskrankheit durch Quarzstaub und andere Stäube gerade unter den Experten intensiv diskutiert wird: die chronisch-obstruktive Lungenkrankheit, kurz COPD. Dabei verengen sich die entzündeten Atemwege immer mehr – oft bis zum Tod, denn COPD kann, wie auch die Staublunge, bislang durch entzündungshemmende Medikamente nicht aufgehalten oder gar geheilt werden.

In Deutschland sind nach Schätzungen des Helmholtz-Zentrums München zehn bis zwölf Prozent der Erwachsenen über 40 Jahre von COPD betroffen. Die durch die Krankheit verursachten volkswirtschaftlichen Gesamtkosten schätzen Experten auf jährlich fast zehn Milliarden Euro.

Es lohnt sich also insgesamt, alle Möglichkeiten zu nutzen, um möglichst wenig Staub einzuatmen. Denn niemand weiß, wie viel der Einzelne davon vertragen kann, ohne krank zu werden – dabei spielen unter anderem genetische Faktoren eine Rolle. Andreas Meyer beobachtet besorgt die Sorglosigkeit seiner Patienten und betont: „Eine gesunde Lunge ist genauso wichtig wie ein gesundes Herz, denn der Sauerstoff fungiert wie Brennstoff für unsere Muskeln. Wenn die Lunge uns nicht damit versorgt, sind wir mit der Zeit nicht mehr belastbar.“

Technologie kann vor Staub am Arbeitsplatz schützen

Den Schutz der Lunge im Job hat sich auch ein Aktionsprogramm mit 22 Partnern auf die Fahnen geschrieben, zu denen das Bundesarbeitsministerium (BMAS), die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) und die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) zählen: „Staub war gestern“ lautet das Motto – und es geht vor allem darum, technische Möglichkeiten bekannt zu machen.

Denn: Eine Maske braucht auf dem Bau oder beim Renovieren eigentlich heute kaum jemand, weil Staub beispielsweise direkt innerhalb eines Bohrers abgesaugt und zudem aus der Luft herausgefiltert werden kann. Selbst größere Schleifmaschinen müssen keine Wolken mehr produzieren – ein sogenannter Vorabscheider kann Schmutzpartikel auch bei länger dauernden Arbeiten abfangen.

Walter Gunreben, der für die Prävention bei der BG Bau zuständig ist, kennt die neuesten Verfahren, um den Staub in den Griff zu bekommen. So werden Baumaterialmischungen inzwischen mit Zusätzen verkauft, damit die Luft beim Aus- und Abkippen möglichst rein bleibt. Und umweltfreundliche Bindemittel für den Boden sorgen bei Abbrucharbeiten dafür, dass selbst die Wege, auf denen Lastwagen und Traktoren unterwegs sind, nicht in Staub gehüllt werden.

Staubfrei-Techniken werden kaum angekommen

Doch Gunreben weiß, warum zum Beispiel in kleinen Handwerksbetrieben immer noch zum Besen gegriffen wird, statt für rund 500 Euro einen Sauger zu kaufen, mit dem sich die Arbeit schneller und mit weniger Gesundheitsgefahren erledigen lässt: „Man muss die Technik erklären, und der Handwerker muss sie ausprobieren können, um sich selbst davon zu überzeugen.“ Das dauert – jahrhundertealte Traditionen wie die des Kehrbesens verschwinden nicht im Handumdrehen. Deshalb will das Aktionsbündnis gegen den Staub Handwerkern jährlich neue Methoden in der Deutschen Arbeitswelt Ausstellung DASA in Dortmund (www.dasa-dortmund.de) vorstellen.

Eine weitere Möglichkeit: Kunden und Bauherren erfahren von den Staubfrei-Techniken und fordern, dass sie angewendet werden. Darauf hofft die Berufsgenossenschaft Bau, die die passenden Sauger gegen den Staub empfehlen und bezuschussen kann. Erwünschter Nebeneffekt: Die Arbeitsplätze beim Bau sollen wieder attraktiver werden. „Der Imagewandel ist notwendig, denn 52 Prozent der Ausbildungsplätze können nicht besetzt werden“, sagt Norbert Kluger, Leiter der Abteilung Stoffliche Gefährdungen von der BG Bau.

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