Erziehung

Tipps für Eltern: Wie viel Freiheit braucht mein Kind?

Berlin.  Viele Eltern sind unsicher: Soll ich meinem Kind alles erlauben oder streng sein? Diese Erziehungstipps geben Experten den Eltern.

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Egal ob Kleinkind, vorpubertär oder Teenie – die Frage, wie sie ihre Kinder am besten erziehen, stellen sich viele Eltern. Sie wollen ihre Sprösslinge weder über- noch unterfordern. Sie wollen stärken, fördern und die Kinder gleichzeitig von Gefahren fernhalten. So das Idealbild, das im Alltag wohl kaum immer erreicht werden kann.

Insgesamt sei Kindererziehung hochkomplex, so Gudrun Schwarzer von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Dennoch wisse man durch diverse Längsschnittstudien, dass Kinder durch einen sogenannten autoritativen Erziehungsstil die besten Entwicklungsergebnisse haben und sich am wohlsten fühlen. Autoritativ meint eine Mischung aus Autorität und Einfühlsamkeit.

Die Universitätsprofessorin hat sich in ihrer Arbeit auf Entwicklungspsychologie spezialisiert und betont die hohe Verantwortung von Eltern. „Wie wichtig Regeln und Einfühlsamkeit sind, sollten Eltern einfach wissen“, erklärt Schwarzer. „Eltern haben eine Pflicht, ihr Kind so zu erziehen, dass es ein gesunder Mensch werden kann – körperlich und psychisch.“

Erziehung: Ideal ist eine Mischung aus Zuwendung und klaren Regeln

Dafür müssten sie gegebenenfalls auch eigene Erfahrungen, Wünsche oder Überzeugungen hintanstellen. Denn einem Kind aus Liebe alles recht machen zu wollen oder Regeln abzulehnen, sei für die Entwicklung ebenso schädlich wie ein zu autoritäres und forderndes Auftreten.

„Ideal ist eine Kombination aus viel Zuwendung, gepaart mit Kon­trolle klarer Regeln“, so die Entwicklungspsychologin, „von denen es aber natürlich immer auch mal Ausnahmen geben darf.“ Schwarzer denkt dabei an Essenszeiten, Morgenroutinen oder Absprachen, wie lange das Kind draußen spielen darf. Regeln könnten ab einem gewissen Alter auch gemeinsam mit dem Kind entwickelt werden.

Wenn es ein Kind nicht schaffe, die Regeln einzuhalten, betont die Psychologin, wie wichtig es ist, dass Eltern einfühlsam bleiben und nicht zu laut werden oder das Kind abwerten. „Man könnte sagen, dass das mal passieren kann und man gemeinsam schaut, dass es das nächste Mal wieder klappt“, so Schwarzer.

„Das Kind muss wissen: Ich habe Eltern, die immer zu mir halten, die mir Halt geben, die mich emotional abholen. Ich spüre, dass ich von den Eltern komplett angenommen bin, wie ich bin.“

Eltern sollten in die Fähigkeiten des Kindes vertrauen

Auch das Vertrauen der Eltern in die Fähigkeiten des Kindes ist laut den Experten sehr wichtig. Aber es muss ein vom Alter und Entwicklungsstand des Kindes hergeleitetes Vertrauen sein, erklärt Andreas Kalbitz, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder.

„Ich kann Kinder nicht von allen Risiken fernhalten“, so Kalbitz. Vielmehr solle man Kinder sich ausprobieren lassen – ohne dabei sofort einzugreifen, damit sich die Kinder mental und motorisch gut entwickeln können.

„Man kann Kinder auch extrem verunsichern, indem man, während das Kind beispielsweise gerade auf dem Spielplatz ein Klettergerüst erobert, ängstlich nebendran steht und immer sagt ,Achtung, Achtung hier, guck noch da‘“, so der Experte.

Das Vertrauen in die eigene Kompetenz und das Selbstbewusstsein des Kindes würden so eher geschwächt. Außerdem sollte man Kinder auch nicht zu sehr unterstützen, damit sie ihre Fähigkeiten kennenlernen und realisieren, wozu sie bereits in der Lage sind.

Kinder sollen sich ausprobieren können

„Schrammen und Schürfwunden gehören auch zum Entwicklungsprozess dazu“, so der Experte. „Es geht wirklich nicht darum, Kinder in Watte zu packen. Es ist immens wichtig, dass sich Kinder ausprobieren, ihre Neugier entfalten können, sodass sie selber auch Risiken einschätzen lernen und dann auch mit Risiken umgehen können – altersgemäß natürlich.“

Genauso gebe es aber die andere Seite der Medaille: Achtlosigkeit und fehlende Aufmerksamkeit oder auch Überforderung durch die Eltern. „Auch das sieht man ab und an am Kinderspielplatz, um bei dem Beispiel zu bleiben“, erklärt Kalbitz. Lesen Sie auch: Zu viel Zeit vor dem Smartphone ist für Kinder schädlich.

„Die Kinder toben rum, und man verliert sie aus dem Blick, weil man vielleicht durch das Smartphone oder ein Gespräch abgelenkt ist.“ So könnten sich gerade kleine Kindern in Gefahr und überfordernde Situationen bringen, da ihnen das Risikobewusstsein fehle.

Mit dem Kind über Selbsteinschätzung und Wünsche sprechen

Einem Kind Fähigkeiten zu schnell abzusprechen, sollte man sich aber sparen, so Entwicklungspsychologin Schwarzer. Nur weil man selbst unsportlich sei, heiße das nicht, dass das auch auf das Kind zutreffe. „Als Eltern muss man sich viel mit sich selber auseinandersetzen, um nicht die eigene Geschichte mit der Geschichte des Kindes zu sehr zu vermischen“, so Schwarzer.

„Jedes Kind ist ein neuer Mensch mit anderen Fähigkeiten, die denen der Eltern ähneln können, aber nicht müssen.“ Sie rät außerdem, regelmäßig mit dem Kind über dessen Selbsteinschätzung und Wünsche zu sprechen.

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Kinder müssen die Chance haben, sich Schritt für Schritt zu entwickeln

Inge Krägeloh-Mann, Entwicklungsneurologin und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, ergänzt, die Meilensteine in der Entwicklung im Blick zu behalten. „Diese zeigen, was 90 Prozent aller Kinder zu einem bestimmten Zeitpunkt an Fähigkeit erworben haben“, so Krägeloh-Mann.

Gehöre das eigene Kind zu den übrigen zehn Prozent, sei dies nicht zwangsläufig ein Grund zur Sorge, sondern genauer hinzuschauen. Es könne ein Zeichen von Individualität sein – besonders wenn nur ein Teilbereich der Entwicklung verzögert sei. Als Beispiel nennt sie die Late Talker – Kinder, die spät zu sprechen beginnen. Es sei dann Aufgabe eines Experten, eine harmlose Variante von etwas Krankhaftem zu unterscheiden.

Wichtig ist für Krägeloh-Mann, dass Eltern nicht zu viel auf einmal wollen. „Kinder müssen die Chance haben, sich Schritt für Schritt zu entwickeln“, so die Expertin. „Einzelne Fähigkeiten sollen ihnen nicht antrainiert werden.“

Natürlich wisse sie, dass sich das alles leicht sage. Doch Krägeloh-Mann beruhigt: „Die meisten Eltern machen vieles intuitiv richtig, ohne dass sie dafür in irgendwelche Kurse gehen oder Ratgeber wälzen müssten.“ Kinder zeigten ihren Eltern meist von sich aus, was sie brauchen. Eltern müssten sich nur darauf einlassen, so Krägeloh-Mann.

Eltern sollten die eigenen Grenzen kennen

Genauso wie Eltern die Grenzen ihres Kindes anerkennen sollten, müssen diese aber auch ihre eigenen Grenzen erspüren und gegenüber dem Kind einfühlsam kommunizieren, rät Inge Krägeloh-Mann.

„Eltern können sich nur dann gut auf ihr Kind einlassen, wenn sie selbst ausgeglichen und zufrieden sind und in ihren eigenen Bedürfnissen nicht zu kurz kommen.“ Hier sei ein gesundes Gleichgewicht wichtig.

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