1912 in Jena: Das Geheimnis um das Krokodil in der Saale

Jena.  Eine Sensation im Jahr 1912 in Jena, die sich als nächtlicher Streich herausstellte. Eine Spurensuche.

Blick auf die Brücke, von der das Krokodil in die Saale geworfen wurde und das Restaurant Paradies, rechts daneben wohne Fischer Reinhold Wentzke, um 1910.

Blick auf die Brücke, von der das Krokodil in die Saale geworfen wurde und das Restaurant Paradies, rechts daneben wohne Fischer Reinhold Wentzke, um 1910.

Foto: Sammlung Frank Döbert

Das vermeintliche Krokodil in der Unstrut erinnert an die „Sommerloch“-Geschichte vom Kaiman „Sammy“ im Baggerloch bei Düsseldorf 1994. Aber hat man jemals vom Krokodil in der Saale gehört? Es soll ein schöner Sommertag im Jahr 1912 gewesen sein, als Spaziergänger an der Saale im Jenaer Paradies ihren Augen nicht trauten: Schwamm da doch tatsächlich und unverkennbar ein Krokodil im Wasser! Die Nachricht vom Reptil in der Saale muss sich wie ein Lauffeuer verbreitet haben, selbst die Polizei erschien. Bereit einzugreifen, falls das Tier versuchen sollte sich einen zweibeinigen Happen zu schnappen – doch wie?

Saale-Fischer Wentzke sollte ran an das Raubtier. Doch ehe dieser seinen Kahn flott gemacht hatte, war das Getier abgetaucht. Man mutmaßte, dass es sich, von Wellen übers Eisrechenwehr gespült, gen Camsdorfer Brücke einer Gewahrsamsnahme entziehen wollte.

Fang wurde auf dem Jenaer Marktplatz zur Schau gestellt

Die Baustelle an der alten, gerade im Abbruch befindlichen Saale-Brücke von 1480 passierte das Tier offenbar ohne Mühe. Wohl deshalb, da nach ergiebigen Regentagen der Saalepegel wieder gestiegen war. Wentzke versuchte die „Fährte“ des Krokodils aufzunehmen, erfolglos. Es blieb verschwunden, bis aus dem einige Kilometer nördlich von Jena gelegenen Dorf Kunitz die Nachricht kam, das Krokodil treibe an der dortigen Mühle. Um dorthin zu gelangen, musste es am vor dem Ort gelegenen Saale-Wehr in den Mühlgraben „abgebogen“ sein – und befand sich nun, vom eng-„maschigen“ Mühlenrechen gestoppt, in der Falle.

Schließlich erfassten die aus Jena herbeigeeilten Polizisten das Reptil mit Seilen. Und hier zeigte sich nun, dass es sich lediglich um ein ausgestopftes, genauer: präpariertes Exemplar handelte. Der Fang wurde dennoch auf dem Jenaer Marktplatz zur Schau gestellt.

Geheimnis wurde viele Jahre später gelüftet

Die Polizei nahm Ermittlungen zur Herkunft des Tieres auf, doch ohne Erfolg. Die Vermutung, ein Schausteller des Rudolstädter Vogelschießens könnte der Übeltäter sein, ließ sich nicht erhärten. Der Verursacher des offensichtlichen Streiches blieb im Dunklen.

Erst viele Jahre später wurde das Geheimnis um das Krokodil in der Saale gelüftet. Der Jenaer Ernst Fuchs, geboren 1899 und von Beruf Optiker, beschrieb den „Tat“-Hergang so: Sein Onkel sei der Besitzer des Krokodils gewesen und wollte es loswerden. Doch wohin damit? In die Saale! Ernst Fuchs, damals 13 Jahre alt, half dem Onkel gern. Beide fuhren eines Nachts an die Saale, und warfen das Krokodil von der Schützenbrücke ins Gewässer. Fuchs wusste, dass die Missetat längst verjährt war, als er sich 1981 mit seiner Geschichte im Monatsblatt „Jena-Information“ in Folge VII der 14-teiligen Serie „Jena-Spaziergang für Liebhaber“ als „Mit-Täter“ zu erkennen gab.

Eine Spurensuche beginnt:

Aus aktuellem Anlass war es Zeit für die journalistische Soko „Krokodil“, der Frage nachzugehen, ob sich der über 100 Jahre zurückliegende Streich tatsächlich zugetragen hat. Heinz Voigt, der Redakteur der „Jena-Information“, dem Ernst Fuchs seine Geschichte erzählte, konnte nicht mehr befragt werden, er war inzwischen verstorben. Die Spurensuche begann. In Adressbüchern fand sich ein Ernst Fuchs, ebenso ein Hermann Fuchs, Kolonialwarenhändler mit Geschäft in der Dornburger Straße 46. Ob letzterer tatsächlich der Onkel von Ernst war, ließ sich nicht explizit belegen.

Ein starkes Indiz jedoch: Er handelte mit exotischen Waren. Nahe dem seinerzeit vielbesuchten Restaurant im Jenaer Paradies wohnte der Fischer Reinhold Wentzke, der schon mal, wie 1913 vom „Jenaer Volksblatt“ gemeldet, eine „Riesen“-Barbe von sieben Pfund Gewicht aus der Saale zu ziehen vermocht hatte, nur eben kein Krokodil.

Wusste man vielleicht in Kunitz mehr? Michael Mau, Dachdeckermeister und Mühlenbesitzer, bedauerte: Er hatte das Anwesen erst 1992 erworben und nie vom Krokodil an der Mühle gehört, in seinem Besitz befindet sich jedoch ein Foto von der alten Mühle. Gibt es Hinweise in der von Pfarrer Ernst Böhme geführten Kunitzer Dorf-Chronik? In den Jahren 1911 bis 1913 tauche dort leider kein Krokodil auf, aber der Vermerk, dass die 1911 von der Firma Carl Zeiss erworbene Mühle, zum Wasserkraftwerk umgebaut, Strom auch ins Dorf lieferte, so Ortschronist Gerd Fernkäse.

Krokodil-Sensation als Streich erkannt?

Das Krokodil musste aber doch in den lokalen Zeitungen aufgetaucht sein!? Die Ausgaben der Sommermonate von drei der digitalisierten Jahrgänge des „Jenaer Volksblattes“ (der Zeitpunkt des jährlichen Rudolstädter Vogelschießens gab immerhin einen Anhaltspunkt) wurden durchsucht, aber ohne Erfolg, auch in der „Jenaischen Zeitung“. Selbstverständlich wurde sämtliche in Frage kommende Jena-Literatur unter tätiger Mithilfe von Constanze Mann, der Leiterin des Jenaer Stadtarchivs, auf Krokodil-Erscheinungen durchsucht. Mit dem gleichen Ergebnis.

Hatte sich Ernst Fuchs 1981 nur einen Spaß erlaubt? Etliche der von Fuchs im „Spaziergang“ mitgeteilten und auf ihren Wahrheitsgehalt überprüften Anekdoten und Ereignisse konnten bestätigt werden. Wurde womöglich die vermeintliche Krokodil-Sensation, als Streich erkannt, zur Vermeidung einer überregionalen Blamage Jenas totgeschwiegen? Vielleicht lebt die „Krokodil-Saga“ in einer der Familien mit Namen Fuchs weiter. Wer aber einmal einem echten, gleichwohl präparierten Exemplar in Jena nahekommen möchte, dem sei das hiesige Phyletische Museum empfohlen. Das dortig ausgestellte Reptil stammt, so viel ist sicher, nicht aus einem alten Jenaer Kolonialwarenladen, sondern aus dem Tierpark Berlin.

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