Berlin. Forschende beobachten ein seltenes Phänomen. Ein Orca wurde mit einem Grindwal-Baby gesichtet. So erklären sie sich die Konstellation.

In Island wurde ein ungewöhnliche Tierkonstellation gesichtet. Ein Orca-Weibchen kümmerte sich offenbar um ein Grindwal-Kalb. Normalerweise sind diese beiden Tierarten verfeindet und verfolgen sich. Wissenschaftler wissen nicht, wie es zu dieser seltenen Beziehung gekommen ist. Ob das Kalb adoptiert wurde, weil es seine Eltern verloren hatte, oder es entführt wurde, ist laut dem im Februar veröffentlichten Forschungsbericht unklar.

Orca-Weibchen könnte Kalb als Ersatz aufgenommen haben

Der Killer-Wal namens „Sædís“ wurde bereits zuvor vom Forschungsteam gesichtet - bisher allerdings ohne Kalb. Vermutet wird, dass Sædís ein eigenes Neugeborenes verloren hatte, oder eine Fehlgeburt hatte, weshalb das Grindwal-Kalb als Ersatz diente. Dafür gibt es jedoch keine Beweise. Außerdem sei es eher unwahrscheinlich, dass der Orca Milch produzierte und das Kalb füttern konnte.

Forschende sichteten eine seltene Tier-Konstellation.
Forschende sichteten eine seltene Tier-Konstellation. © Mammal Research Institute/dpa

Allerdings konnte ein fürsorgliches Verhalten des Orca-Weibchens in dem 26-minütigen Sichtungszeitraum beobachtet werden. Die beiden Tiere schwammen in einer „Echelon-Position“, bei der das Kalbweniger Energie zum Schwimmen zu benutzen. Das Neugeborene werde dabei durch das Wasser getragen, so die Wissenschaftler.

Ob es sich bei der Beziehung um eine ein- oder beidseitige handelte, ist unklar. Genauso, wie diese Konstellation begann. Auch wie sie endete, ist nicht bekannt - Sædís wurde nämlich wenig später ohne das Grindwal-Kalb gesichtet. Die Forschenden gehen davon aus, dass das Kalb in der Zwischenzeit verstarb.

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Warum adoptieren Tiere fremden Nachwuchs?

Grund für diese seltene Konstellation, könnte eine alloparentale Pflege sein, die auch anderen Artgenossen gegenüber gezeigt wird. Orcas und Grindwale haben dem Bericht nach, einen ähnlichen Umgang mit Nachwuchs.

Für das Orca-Weibchen könnte es bei der Aufnahme des Kalbes reproduktive oder soziale Vorteile geben. Tiere, die sich um fremden Nachwuchs kümmern, könnten so elterliche Erfahrungen sammeln, die beim eigenen Nachwuchs vom Vorteil sein könnten. Sædís könnte also an einem anderen Kalb üben und wertvolles Wissen über die Kälberpflege erlangen wollen.

Wissenschaftler hinterfragen nun die Interaktion von Orcas und Grindwalen. Sie sei womöglich komplexer als bisher gedacht. Im Juli 2022 wurde Sædís erneut in einer Gruppe von Orcas gesichtet. Sie wies dabei „eine aktive Bemühung“ auf, ein neues Grindwal-Kalb aufzunehmen. Doch die Grindwale hätten mit einer Verfolgungsjagt reagiert. (ari)