Verschwörungstheoretiker

Attila Hildmann gefunden: Wie ein Katzenfoto ihn verriet

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Attila Hildmann - so ist er abgestürzt

Attila Hildmann - so ist er abgestürzt

Attila Hildmann war ein bekannter veganer Kochbuchautor. Seit geraumer Zeit macht er allerdings Schlagzeilen als Verschwörungstheoretiker und Holocaustleugner.

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Berlin  Der Aufenthaltsort des per Haftbefehl gesuchten Hildmann wurde entdeckt. Der Koch flog durch seine Fotos und eine Telegram-Gruppe auf.

Eine Gruppe von Privatdetektiven und ein Rechercheteam des "Stern" haben den rechtsextremistischen Verschwörungstheoretiker und per Haftbefehl gesuchten Attila Hildmann gefunden. Der ehemalige Koch war in der Corona-Pandemie durch rechtsradikale und antisemitische Äußerungen auffällig geworden und wird wegen Volksverhetzung gesucht. Ende Dezember 2020 hatte er sich in die Türkei abgesetzt. Am Ende hat offenbar ein Katzenfoto Hildmann verraten.

Wie der "Stern" in seiner Exklusiv-Recherche berichtet, hielt sich Hildmann zuletzt in der Gemeinde Kartepe auf, etwa anderthalb Stunden Autofahrt südöstlich von Istanbul. Die Gemeinde soll als rechtsnationalistisch gelten, Hildmann habe dem Bericht zufolge mit mehreren Katzen und Hunden dort gelebt. Tatsächlich traf das Recherche-Team den Berliner Mitte Oktober vor seinem Haus in Kartepe an.

Bei einer Konfrontation mit den Rechercheuren und einem Kamera-Team trug der ehemalige Koch den gleichen Pulli mit dem Logo seines Energy-Drinks, den er zuvor in so vielen seiner Verschwörungsvideos getragen hatte. Fragen habe Hildmann in dem etwa zehn-minütigen Gespräch nicht beantwortet, erklärt der "Stern", nur allerhand antisemitische Parolen habe er wiederholt.

Attila Hildmann: Schweizer Koch suchte nach Berliner Ex-Koch

Doch wie kam es, dass ein privates Recherche-Team und ein Magazin Hildmann aufspüren konnten, bevor es die deutschen Behörden taten? Einer der wichtigsten Drahtzieher hinter dem Coup dürfte dem Medienbericht zufolge der Schweizer Koch Alexander Brehm sein.

Brehm gehört zu einer Gruppe von 13 Hobby-Detektiven und -Detektivinnen, die seit Februar 2021 hinter Hildmann her ist. Die Gruppe nennt sich "Hildbusters". Unter ihnen befindet sich auch der Whistleblower Kai Enderes, der Hildmann über ein Jahr lang bei seiner IT unterstützte und anschließend mehrere Terabyte Datenmaterial an das Bundeskriminalamt übergab.

Enderes will den Behörden bereits 2021 eine Tonaufnahme übergeben haben, in der Hildmann erklärt, er habe keinen türkischen Pass. Der "Stern" hatte zuletzt eine Ermittlungspanne offengelegt: Bis vor kurzem waren deutsche Behörden fälschlicherweise davon ausgegangen, dass Hildmann sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft besitze. Eine Panne, die womöglich die Auslieferung Hildmanns an Deutschland verhindert hat.

Hintergrund: Warum Attila Hildmann nun doch ausgeliefert werden könnte
Attila Hildmann: Immer wieder Pannen bei den Ermittlungen

Überhaupt durchziehen Pannen und Versäumnisse den Fall Attila Hildmann: Die Info, nach der Hildmann die türkische Staatsbürgerschaft besitze, stammt offenbar von Hildmann selbst. Ein Sachbearbeiter aus Berlin habe die Behauptung 2013 in einem Computer vermerkt, als Hildmann einen neuen Personalausweis beantragt habe, schreibt der "Stern". Seither sei die Angabe nie überprüft worden.

Auch dass Hildmann sich überhaupt in die Türkei absetzen konnte, ist das Resultat schwerer Versäumnisse: Der Ex-Koch soll Maulwürfe in mehreren deutschen Behörden gehabt haben. Eine ehemalige Mitarbeiterin der Berliner Staatsanwaltschaft soll Hildmann demnach über einen Haftbefehl informiert haben – zwei Tage, bevor ihn das Amtsgericht offiziell zur Generalstaatsanwaltschaft überstellte. Auch gegen die Frau wird inzwischen ermittelt.

Geholfen haben die Spitzel nichts: Hildmann steht auf Fahndungslisten von Europol und Interpol, die deutschen Behörden ermitteln unter anderem wegen Volksverhetzung und der öffentlichen Aufforderung zu Straftaten. In der Vergangenheit hatte Hildmann immer wieder gegen Juden und Jüdinnen gehetzt, leugnete den Holocaust und bezeichnete sich selbst als "stolzer, echter Nazi".

Hildmanns Standort soll schon vorher bekannt gewesen sein

Doch glaubt man den "Hildbusters", waren die deutschen Behörden auch danach weiterhin untätig. Das schreibt der "Stern" und beruft sich dabei auf zahlreiche Bild- und Ton-Analysen, die die Hobbydetektive anhand von Hildmanns Telegram-Posts durchführten und der Generalstaatsanwaltschaft und dem Berliner Landeskriminalamt übergeben haben wollen.

So sollen die Rechercheure schon mehrmals herausgefunden haben, wo sich Hildmann seit seiner Flucht aufhielt – zum ersten Mal gleich nach dem ersten Foto, das der Verschwörungstheoretiker aus der Türkei gepostet hatte. Damals, im März 2021, habe Hildmann noch in einem Haus mit Pool in Fethiye gewohnt.

Attila Hildmann: Katzenfoto und private Chat-Gruppe verrieten ihn

In den über anderthalb Jahren, die seither vergangen sind, postete Attila Hildmann weiterhin in seinen Telegram-Kanälen, wenn auch vermeintlich vorsichtiger. Finanziert hat er sich in der Zeit offenbar durch Spenden, die seine Anhängenden ihm überwiesen haben, oder indirekt über den Kauf von Hildmanns Produkten zukommen lassen haben.

Als Belohnung soll er sie in eine private Telegram-Gruppe eingeladen haben, in denen er privatere Informationen und Bilder teilte. So seien ihm das "Stern"-Rechercheteam und die "Hildbusters" schließlich auf die Schliche gekommen. In der Gruppe, so heißt es, befänden sich rund 200 Personen, darunter Neonazis, die Hildmann mit "mein Führer" anschreiben.

Kommentar: Attila Hildmann: Eine Blamage für die deutsche Justiz
Verraten habe Hildmann am Ende ein Katzenfoto. Dieses postete er aus einer Tierarztpraxis in der Gemeinde Sapanca in den Bergen, einem Nachbarort seines Wohnorts Kartepe. Die markanten Fliesen am Boden haben Hildmann verraten, zudem soll der Tierarzt ein Bild von Hildmanns Katze auf dem Instagram-Account der Praxis geteilt haben.

Ob Hildmann nach seiner Entdeckung nach wie vor dort lebt, ist nicht bekannt. Dennoch könnte nun neue Bewegung in den Fall kommen. Vorausgesetzt, es passieren keine weiteren Pannen. (reba)

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.