Als letzter Wunsch mit dem Sportwagen durch den Saale-Holzland-Kreis

Ute Flamich
| Lesedauer: 5 Minuten
Herr F. mit einem Pfleger.

Herr F. mit einem Pfleger.

Foto: Anja Gottschalk

Thalbürgel.  Für den letzten Wunsch im Leben: Der Facebook-Aufruf aus Thalbürgel nach einem Ford-Mustang-Fahrer ging viral.

Es war eine Aktion – noch dazu in Corona-Zeiten –, die ihresgleichen sucht: Um einem unheilbar kranken Mann den letzten Wunsch zu erfüllen, starteten Mitarbeiter des Aspida-Lebenszentrums Thalbürgel ohne das Wissen ihres Chefs unter dem Motto „Herzensangelegenheit“ einen Aufruf bei Facebook. „Ich wusste aus eigener Erfahrung bisher nicht, was es bedeutet, wenn etwas viral geht. Jetzt weiß ich es. Der Beitrag hat 156.680 Menschen erreicht, ist 1219 Mal geteilt, 338 Mal kommentiert und 621 Mal gelikt worden“, sagt Sebastian Thieswald, Geschäftsführer des Lebenszentrums. Als er am Abend des Posts, am 21. April, gegen 21.30 Uhr wie üblich noch einmal auf die Facebook-Seite des Thalbürgeler Pflegezentrums schaute, hatten bereits Tausende den Aufruf gelesen. Am nächsten Tag rief der Chef seine Mitarbeiter zu einer „positiven Krisensitzung“ zusammen.

Dass es den Facebook-Post gibt, hat seinen Ursprung darin, dass Herr F.*, Jahrgang 1966, vor gut zwei Monaten ins Lebenszentrum nach Thalbürgel kam. Sicher war zu dieser Zeit schon, dass der Mann aus Hermsdorf nicht mehr gesund werden würde.

Als Herr F. in einem lockeren Gespräch von einem Mitarbeiter nach seinem letzten Wunsch gefragt wurde, soll dieser sinngemäß gesagt haben, dass er gern noch einmal mit einem Ford Mustang Cabriolet mit leistungsstarkem V8-Motor über die Autobahn brettern wolle. Auf dem Rücksitz soll seine Frau sitzen, mit wehendem Haar. An einer Eisdiele wolle er vorbeifahren und zum Gruße hupen.

„Weil sich der Vorhang bei Herrn F. langsam zuzieht, wie wir sagen, musste schnell gehandelt werden. Den letzten Wunsch wollten wir ihm unbedingt erfüllen“, sagt Thieswald. Besonders Pflegedienstleiterin Bettina Winkler und Pflegeassistentin Anna Kruczynski legten sich ins Zeug.

Zunächst sei in Autohäusern der Region nachgefragt worden, ob es nicht jemanden gibt, der einen Ford Mustang Cabriolet fährt und Herrn F. auf eine Spritztour mitnehmen würde. Der Erfolg blieb aus.

„Dann bin ich zu Herrn F. gegangen und habe gefragt, ob wir mit einem Foto per Facebook einen Aufruf starten dürfen. Er war einverstanden“, sagt Anna Kruczynski, die auch Social-Media-Beauftragte ist. Damit nahm die Geschichte ihren Lauf.

Noch immer habe er Pipi in den Augen, wenn er an die Resonanz, die Aktion und die Freude in Herrn F.s Augen denkt, sagt Thieswald. Seine Mitarbeiter bestätigen, dass es ihnen ebenso gehen würde. Vor Angeboten, Anrufen, Posts, E-Mails und Zuspruch aus ganz Deutschland und Österreich konnte sich das Lebenszentrum kaum retten. Die Anteilnahme sei einfach enorm und nicht erwartbar gewesen.

Der weiteste Beitrag erreichte die Thalbürgeler von einem Ford Mustang-Fan aus New York. „Der Deutsche, der in den USA lebt, ist sofort, als er von dem Post erfahren hatte, in seinen Mustang gestiegen, hat coole Mucke angemacht und sich dabei gefilmt, wie er durch die nächtlichen Straßen von Manhattan cruist. Das Video schickte er an Herrn F.“ Sebastian Thieswald ist sich sicher: „Wenn wir die Angebote angenommen hätten, und das hätten wir, wenn es Corona nicht geben würde, dann wären zwischen 3000 und 4000 Ford Mustangs in Thalbürgel vorgefahren.“

So aber musste ein anderes Konzept her – in kurzer Absprache mit beispielsweise dem Gesundheitsamt des Kreises, dem Ordnungsamt und dem Verkehrslandeplatz Jena-Schöngleina. Geplant wurde es für den 24. April – auf Wunsch von Herrn F. und seiner Familie ohne jeglichen Presserummel.

An diesem Sonnabend sei Herr F. in aller Ruhe auf den Tag vorbereitet und in den Rollstuhl gesetzt worden. Seine Frau und die zwei Töchter waren da, und die ersten Mustangs fuhren am Vormittag im Lebenszentrum vor.

„Herr F. hat Fachgespräche mit den Fahrern geführt, die alle total kooperativ waren. Herr F. hat gestrahlt. Das war so schön zu sehen“, sagt Bettina Winkler.

Leider aber habe Herr F. letztlich nicht genug Kraft gehabt, um selbst in einem Auto mitfahren zu können. Er hat aber entschieden, dass seine Frau und seine Töchter in dem Fahrzeug Platz nehmen sollen, in das er selbst gern eingestiegen wäre: einen roten 63er Ford Mustang Cabriolet.

So ging es für die drei Frauen und den Fahrer auf eine Spritztour zum Flugplatz Schöngleina. Dort durften sich rechts und links einer Zufahrtsstraße zur Start- und Landebahn die angereisten Ford-Mustang-Fahrer aufstellen – coronabedingt mit jeweils einem Beifahrer, negativem Schnelltest und FFP2-Maske. Das rote Cabriolet, in dem Frau F. und ihre Töchter saßen, fuhr zwischen den Autos entlang und der Fahrer konnte schließlich richtig Gas geben. Danach wurde spontan entschieden, dass der ganze Fahrzeug-Tross, an den sich noch viele auf der Straße wartenden „Ponys“ anschlossen, zum Lebenszentrum Thalbürgel fährt. Herrn F.s Zimmer ist so günstig gelegen, dass er jedes einzelne Auto, sehen konnte: 80 Grüße – und 80 Abschiede.

* Herr F. möchte namentlich anonym bleiben.