Nebenwirkungen

Corona: Zweifel am Impfstoff von Astrazeneca werden größer

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Berlin  Geringere Wirksamkeit und Nebenwirkungen: Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca-Impfstoff steht in der Kritik. Ist diese berechtigt?

Zurückhaltung beim Impfen mit Astrazeneca

In Deutschland haben die Impfungen mit dem britischen Vakzin des Anbieters AstraZeneca begonnen. Doch momentan breitet sich Skepsis aus, da der Impfstoff anscheinend stärkere Nebenwirkungen hat, als vorher angenommen. In Niedersachsen melden sich 50% des geimpften Personals nach der ersten Impfung krank. Im Saarland kommt gut die Hälfte aller angemeldeten gar nicht erst zum Impftermin.

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  • Viele Menschen haben Vorbehalte gegen den Corona-Impfstoff von Astrazeneca
  • Berichte von geringerer Wirksamkeit und häufigen Nebenwirkungen schrecken viele ab
  • Trotzdem haben der Virologe Drosten und Gesundheitsminister Jens Spahn zur Impfung mit dem Vakzin geraten
  • Ist die Kritik an dem Impfstoff also möglicherweise gar nicht gerechtfertigt?

Rund 30 Angestellte einer Klinik in Niedersachsen haben sich nach ihrer Corona-Impfung krankgemeldet. Sie klagten nach der Impfung über Kopfschmerzen, Müdigkeit und Fieber. Insgesamt waren 194 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter Pflegekräfte und Ärzte, vergangene Woche mit dem Vakzin von Astrazeneca geimpft worden, so die Trägergesellschaft des Klinikums Emden am vergangenen Montag. Lesen Sie hier: Astrazeneca-Impfstoff sorgt für überraschende Wirkung bei Älteren.

Auch in Schweden berichteten Krankenhaus-Angestellte über Impfreaktionen. In der Provinz Sörmland bekamen vergangene Woche 400 Mitarbeiter das Mittel von Astrazeneca verabreicht. Laut dem schwedischen öffentlich-rechtlichen Sender SVT hatten rund 100 Geimpfte Nebenwirkungen wie Fieber. In den Krankenhäusern herrschte daraufhin Personalnotstand. Die Provinz Sörmland stoppte die Impfungen mit dem Vakzin.

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Astrazeneca: Viele lassen Impftermin sausen

Die Skepsis gegenüber dem Impfstoff des britisch-schwedischen Pharmaunternehmens Astrazeneca ist groß. Saarlands Gesundheitsministerin Monika Bachmann (CDU) kritisierte am vergangenen Montag eine mangelnde Impfbereitschaft mit dem Vakzin. Am vergangenen Wochenende seien bei einer „Sonderimpfung im medizinischen“ Bereich 54 Prozent von 200 zur Impfung angemeldeten Personen nicht erschienen, ohne den Termin vorher abzusagen. Lesen Sie hier: Was mit dem übrig gebliebenen Corona-Impfstoff passiert

„Ich will sagen, dass das kein Wunschkonzert ist. Dass alle Impfstoffe zugelassen und gut sind“, sagte die Ministerin. Laut der Ministerin gibt es entsprechende Berichte aus allen Bundesländern. Deswegen habe sie das Thema auf die Tagesordnung der nächsten Gesundheitsministerkonferenz setzen lassen.

Auch in Nordrhein-Westfalen wurden Hunderte geplante Impftermine mit dem Produkt von Astrazeneca wahrgenommen. Allein im Landesteil Nordrhein sind laut NRW-Gesundheitsministerium im Zeitraum seit dem Impfstart am 10. Februar bis zum 15. Februar rund 600 Termine nicht angenommen beziehungsweise versäumt worden.

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Zweifel an der Wirksamkeit und Nebenwirkungen

Dabei galt der Corona-Impfstoff von Astrazeneca zunächst als Hoffnungsträger: Er ist billiger und einfacher zu lagern als die Stoffe von Biontech und Moderna. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erteilte dem Impfstoff eine Notfallzulassung.

Doch die Zweifel an dem Vakzin mehren sich. Nach aktuellen Studien wirkt der der Stoff des britisch-schwedischen Unternehmens „nur“ zu 70 Prozent - und damit circa 20 Prozent weniger als die Vakzine von Biontech und Moderna.

Allerdings ist dieser Wert irreführend, denn er bedeutet nicht, dass sich fast die Hälfte der Menschen trotz der Impfung mit dem Virus infizieren. Er bedeutet vielmehr, dass die Wahrscheinlichkeit einer Infektion nach einer Impfung um 60 Prozent niedriger liegt. Das ist ein Spitzenwert, den jährliche Vakzine gegen eine gewöhnliche Grippe beispielsweise nur selten erreichen.

Astrazeneca nicht für Menschen über 65

Ende Januar teilte jedoch die Ständige Impfkommission (Stiko) des Robert Koch-Instituts (RKI) mit, dass sie von einer Verwendung des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca bei Menschen über 65 Jahre abrät, weil für das Mittel eine Wirksamkeit bei älteren Personen nicht ausreichend belegt sei. Der Rat wird bis heute in Deutschland umgesetzt.

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Zudem ergab eine Studie, dass das Mittel nicht umfassend gegen die zuerst in Südafrika entdeckte Corona-Mutante wirksam ist. Hinzu kommen nun auch noch die Meldungen über Nebenwirkungen nach einer Impfung mit dem Mittel von Astrazeneca.

Paul-Ehrlich-Institut prüfte Hinweise auf starke Nebenwirkungen

Das für die Impfstoffkontrolle zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) prüfte nun die Hinweise auf unerwartet starke Nebenwirkungen bei den Corona-Impfstoffen von Astrazenca und Biontech/Pfizer, stellte jedoch keine besonderen Bedenken gegen den Covid-19-Impfstoff von Astrazeneca fest. „Das Nutzen-Risiko-Profil wird für alle drei Impfstoffe als weiterhin positiv bewertet“, berichtete das für die Sicherheit von Impfstoffen zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Sowohl eigene Analysen als auch internationale Daten „weisen nicht auf ein neues Risikosignal hin“, heißt es in dem jüngsten Sicherheitsbericht zu Covid-19-Impfstoffen.

Auch laut dem RKI können Impfreaktionen sowohl bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna als auch beim Vektor-basierten Astrazeneca-Vakzin auftreten. Sie beginnen demnach in der Regel kurz nach der Impfung und halten wenige Tage an. Beim Astrazeneca-Vakzin zählen Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen und Krankheitsgefühle zu den häufigsten Nebenwirkungen.

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Spahn und Drosten verteidigen das Vakzin

Der Berliner Virologe Christian Drosten meint jedoch, dass der Impfstoff von Astrazeneca besser sei als sein Ruf. „Wenn ich mir die öffentliche Diskussion in Deutschland anschaue, ist da vieles falsch verstanden worden“, so Drosten in der neusten Folge des NDR-Podcasts „Das Coronavirus-Update“. Die Kommunikation vonseiten der Impfstoff-Entwickler sei nicht glücklich verlaufen. Die Universität Oxford, die den Impfstoff mitentwickelt hat, habe zu früh zu kleine Daten-Häppchen veröffentlicht, aus denen dann voreilige Schlüsse gezogen worden seien.

Drosten sprach sich dafür aus, hierzulande unbedingt auch auf den nach seiner Einschätzung „sehr guten“ Astrazeneca-Impfstoff zu bauen. „Wir müssen alles dransetzen, jetzt so schnell wie möglich in der Breite zu impfen“, bilanzierte der Virologe.

Ähnlich äußerte sich auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn dem TV-Sender RTL. Er betonte, dass alle drei in Deutschland zugelassenen Impfstoffe sicher seien und wirksam gegen eine Covid-19-Erkrankung schützten. Auf die Frage, ob sich Spahn auch mit dem Impfstoff der Firma Astrazeneca impfen lassen würde, sagte Spahn: „Ja, ich würde mich impfen lassen, wenn ich eine Impfung angeboten bekommen würde. Ausdrücklich auch mit Astrazeneca. Das ist ein sicherer und wirksamer Impfstoff.“

Mediziner schlagen Nachimpfung mit anderem Vakzin vor

Wegen der wachsenden Skepsis gegenüber dem Impfstoff von Astrazeneca schlugen Immunmediziner nun vor, für dieses Vakzin eine Nachimpfung mit einem anderen Wirkstoff zu garantieren. „Man kann die Immunität, die man mit dem Astrazeneca Impfstoff ausgelöst hat, ohne Probleme mit einem mRNA-Impfstoff später noch einmal verstärken“, sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl der „Augsburger Allgemeinen“.

„Es wäre ein Leichtes für die Bundesregierung eine neuerliche Impfung mit einem mRNA-Impfstoff zu garantieren, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, dass die Menschen dadurch besser geschützt wären“, so Watzl. „Immunologisch ist das kein Problem, weil bisher alle zugelassenen Impfstoffe bei dem sogenannten Spike-Protein des Coronavirus ansetzen.“

Immunologe rät: Nicht alle Mitarbeiter gleichzeitig impfen

Die Impfreaktionen etwa bei den in Emden berichteten Fällen sei „überhaupt nicht unerwartet“, sagt auch der Erlanger Infektionsimmunologe Christian Bogdan. „Die Symptome sind Ausdruck der Immunantwort, die zeigt, dass im Körper tatsächlich etwas nach der Impfung passiert. Die hier genannten Symptome wie Kopfschmerzen oder Fieber entsprechen auch ganz dem, was bereits in Studien publiziert wurde“, so Bogdan.

Neben den lokalen könnten diese systemischen Auswirkungen durchaus auch dazu führen, dass Angestellte vorübergehend wegen der benannten Symptome nicht arbeiten könnten, erklärte der Wissenschaftler. Hinzu komme, dass gerade bei jüngeren Menschen Impfreaktionen deutlicher ausfielen, da sie - im Gegensatz zu älteren Menschen - über das aktivere Immunsystem verfügten.

Vor dem Hintergrund dieser bekannten Impfreaktionen der bisher zugelassenen Impfstoffe gegen Covid-19 sei es deshalb sinnvoll, die Mitarbeiter einer Station, Abteilung oder Klinik nicht alle gleichzeitig zu impfen. „Das würde man auch bei keinem anderen Impfstoff machen, von dem bekannt ist, dass er eine deutliche Impfreaktion auslöst“, sagt Bogdan.

Hersteller Astrazeneca: Impfreaktionen sind wie erwartet

Der Hersteller Astrazeneca äußert sich in einer Stellungnahme zu den Nebenwirkungen: „Derzeit fallen die beschriebenen Reaktionen so aus, wie wir sie aufgrund der Informationen aus unseren klinischen Tests erwartet hatten“, teilte ein Sprecher in Cambridge mit. Dazu zählten vorübergehende Schmerzen und Druckempfindlichkeit an der Injektionsstelle, leichte bis mittelschwere Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schüttelfrost, Fieber, Unwohlsein und Muskelschmerzen. Nebenwirkungen träten meistens am Tag nach der Impfung auf und seltener nach der zweiten Dosis. (mit dpa)

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