Pandemie

Die Corona-Warn-App – Erfolgsgeschichte oder Flop?

Berlin.  Die Regierung zieht nach 100 Tagen mit der Corona-App eine überwiegend positive Bilanz. Die Amtsärzte haben eine andere Einschätzung.

Wie funktioniert die Corona-Warn-App?

Die Bundesregierung hält die Corona-Warn-App nach wie vor für ein hilfreiches Instrument im Kampf gegen die Pandemie. Allerdings nutzen nach Einschätzung von Experten zu wenig Menschen in Deutschland die Anwendung.

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In Europa steigen die Corona-Infektionszahlen bedenklich. „Die Pandemie wird jetzt erst richtig losgehen. Auch bei uns“, sagt der Berliner Star-Virologe Christian Drosten voraus. Deutschland stehe im Vergleich zu anderen Staaten nur deshalb besser da, weil es schneller gehandelt habe.

„Wir haben mit genau den gleichen Mitteln reagiert wie andere. Wir haben nichts besonders gut gemacht. Wir haben es nur früher gemacht“, so Drosten. Der Chefvirologe der Berliner Charité schüttet damit Wasser in den Wein der Bundesregierung, die am selben Tag die 100-Tage-Bilanz der Corona-Warn-App vorstellt.

Die Regierung nennt die Anwendung eine „große Erfolgsgeschichte“. Seit der Einführung im Juni habe es rund 18 Millionen Downloads gegeben. Die Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst sehen in der App hingegen ein unwirksames Instrument im Kampf gegen die Pandemie.

Corona-Warn-App: Was hat sie bislang bewirkt?

Nach Aussagen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) haben bislang knapp 5000 Infizierte ihre Kontaktpersonen über die App gewarnt. Bei jeweils 10 bis 20 Kontakten seien somit Zigtausende Menschen informiert worden. Allerdings sende nur die Hälfte der Nutzer nach einer positiven Diagnose eine Warnung an die Kontaktpersonen, so Spahn.

Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) betont, die App sei öfter heruntergeladen worden als alle anderen Corona-Apps in Europa. 400.000-mal wurde sie auch in ausländischen Stores abgerufen. Inzwischen sind in Deutschland mehr als 90 Prozent der Testlabore an die App angeschlossen.

Corona-Warn-App: Was sagen Kritiker?

Ärztevertreter zweifeln am Nutzen der App. „Die Corona-Warn-App spielt in der alltäglichen Arbeit der deutschen Gesundheitsämter so gut wie keine Rolle“, sagt Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst. Es komme äußerst selten vor, dass sich ein App-Nutzer wegen eines Warnhinweises bei den Gesundheitsbehörden melde, „die Zahlen fallen nicht ins Gewicht“, sagt Teichert unserer Redaktion.

Da die Daten der App nicht automatisch an die zuständigen Ämter weitergeleitet würden, sei „dieses In­strument in seiner derzeitigen Form für uns keine große Unterstützung bei der schnellen Bekämpfung und Eindämmung von Corona-Ausbrüchen“. Die Politik habe entschieden, „den Datenschutz über den Pandemieschutz zu stellen“, das müsse man so akzeptieren.

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Aus Teicherts Sicht wäre es hilfreich, wenn die App eine Funktion hätte, mit der die Nutzer eine direkte Weitergabe von Warnhinweisen an das Gesundheitsamt zumindest freiwillig zulassen könnten. „Damit würden wir wesentlich schneller über Infektionsfälle informiert und könnten zügig Maßnahmen ergreifen, um einen Corona-Ausbruch einzudämmen“, so Teichert.

Derzeit bleibe es allein den App-Nutzern überlassen, ob sie sich nach einem registrierten Kontakt mit einem Infizierten bei den Gesundheitsämtern melden. „Ob sie es tatsächlich tun, lässt sich nicht überprüfen“, sagt Teichert.

Kritik kommt auch aus der Opposition im Bundestag. Die Entwicklung der App durch die Regierung stehe „sinnbildlich für ihre mangelnde Digitalkompetenz“, sagt FDP-Fraktionsvize Frank Sitta unserer Redaktion. Die 100-Tage-Bilanz könne „das anfänglich chaotische Projektmanagement und Kompetenzwirrwarr“ nicht übertünchen.

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Der Gesundheitspolitiker der Linken, Achim Kessler, betont, die Download-Zahlen allein sagten über den tatsächlichen Erfolg der App nichts aus. Das eigentliche Ziel, die Entlastung der Gesundheitsämter, habe die App verfehlt.

Wird die Corona-App verbessert?

Nach Aussagen der Entwickler SAP und Deutsche Telekom soll die App um neue Funktionen ergänzt und in zehn weiteren europäischen Ländern eingesetzt werden. Laut SAP-Technikchef Jürgen Müller soll die App künftig auch Krankheitssymptome abfragen. Die Eingabe sei freiwillig, die Daten würden nicht geteilt, sondern auf dem Handy abgespeichert. Die Angabe der Symptome helfe bei der Einschätzung, wie kritisch eine Risikobegegnung gewesen sei.

Telekom-Chef Tim Höttges plant, dass die App bis Oktober „in Europa ausgerollt wird“. Neben Deutschland seien zehn weitere Länder dabei: Österreich, Tschechien, Dänemark, Estland, Irland, Italien, Lettland, Niederlande, Polen und Spanien. In diesen Ländern kommuniziere die App des Bundes auch mit den jeweiligen nationalen Corona-Warn-Apps.

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