Für viele Schausteller geht es in der Corona-Krise ums Überleben

Erfurt .  Spätestens ab dem Sommer gehören Volksfeste eigentlich zum festen Bild in den Kommunen. Doch die Corona-Krise hat auch hier das Leben zum Stillstand gebracht

Große Volksfeste werden wohl auf längere Zeit verboten bleiben.

Große Volksfeste werden wohl auf längere Zeit verboten bleiben.

Foto: arifoto UG / dpa

Zahlreiche Thüringer Schausteller bangen in der Coronavirus-Pandemie um ihre Existenz. Schon Anfang März waren der Eisenacher Sommergewinn und der Erfurter Altstadtfrühling abgesagt worden, dann traf es den kompletten Volksfestkalender. Mit dramatischen Folgen: «85 bis 90 Prozent der Betriebe steht das Wasser bis zum Hals», sagte René Otto, Vorsitzender des Thüringer Schaustellervereins, der Deutschen Presse-Agentur. Die Schausteller seien klassische Familienbetrieb, die - anders als große Unternehmen - keine Rücklagen bilden könnten. «Es geht für viele ums nackte Überleben», so Otto. In dem Verein sind 51 Schaustellerbetriebe organisiert. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog

Für die Schausteller stelle sich wie für viele andere die Frage, wenn und wie es irgendwann weitergehen könne. Dabei sei es auch sinnvoll, zwischen der Größe von Veranstaltungen zu differenzieren, sagte Otto. «Bei einer kleinen Kirmes sind ja in der Regel nicht Hunderttausende Besucher unterwegs.» Zuletzt hatte er noch darauf gebaut, dass die Branche ab Juli wieder durchstarten könne. Allerdings ist diese Hoffnung zerstört: Großveranstaltungen, zu denen auch Volksfeste gehören, bleiben bis zum 31. August verboten.

Wenn es nicht in absehbarer Zeit erste Lockerungen bei den Schutzmaßnahmen gebe, stünden viele Betriebe vor dem Aus. «Wobei ich ungern von Betrieben spreche, schließlich handelt es sich hier um Familien», unterstrich Otto. Mit Bedacht und Fingerspitzengefühl sollte es seiner Meinung nach möglich sein, auf den Festwiesen wieder Leben einkehren zu lassen. Schutzmaßnahmen wie Desinfektionsmittel, eine beschränkte Platzzahl bei Fahrbetrieben oder ähnliches sei denkbar.

Otto berichtete, dass seine Kollegen zum Teil sehr schlechte Erfahrungen mit den zugesagten Unterstützungsleistungen gemacht hätten. Die Auszahlung laufe nur sehr zögerlich, zudem mache es den Schaustellern zu schaffen, dass bei der Beantragung von Soforthilfen die Betriebsgröße und damit Staffelung nach Mitarbeiterzahl zum Zeitpunkt der Antragstellung maßgeblich sei. «Im Frühjahr sind meist nur bis zu fünf Beschäftigten in den Familien tätig, im Juli und August, wenn es bis zum Weihnachtsmarktgeschäft in die Vollen geht, werden mehr Leute beschäftigt.»

Die großen Betriebe wie Riesenrad, Autoscooter oder Break-Dance-Karussell seien nur vor der Saison ohne Mitarbeiter und würden nun gleichgestellt mit dem Soloselbstständigen am Crepesstand. «Es wäre uns schon noch wichtig deutlich zu machen, dass wir eine Lösung in Form eines Rettungsschirmes brauchen und nicht von verzinsten Krediten, wo Banken entscheiden, wer etwas bekommt und wer nicht», sagte Otto.

Dennoch wollen er und seine Kollegen nicht in Schwarzmalerei verfallen. «Der Schausteller ist grundsätzlich ein optimistischer Mensch», sagt der Verbandschef. Es ärgert sie aber, wenn Politiker öffentlich verkünden, Jahrmärkte und Volksfeste seien die letzten Branchen, in denen das Leben sich wieder normalisieren müsse. Ganz das Gegenteil sei der Fall: «Wir sind die Antidepressiva für die Menschen nach wochenlangen Kontaktverboten!»