Pandemie

Gerät Corona in Deutschland erneut außer Kontrolle?

Berlin.  2194 Corona-Neuinfektionen in Deutschland an einem Tag. Mit Sorge blicken Experten auf die kommenden Wochen. Wie ernst ist die Lage?

Aktuelle Reisewarnungen - Wien, Amsterdam, Budapest

Das Auswärtige Amt hat Reisewarnungen für Wien, Amsterdam, Budapest, weitere Regionen um Prag und in Kroatien ausgesprochen. Urlauber sollen von nicht notwendigen Reisen absehen.

Beschreibung anzeigen

Die Corona-Pandemie ist in Deutschland wieder auf dem Vormarsch. Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen hat am Donnerstag mit knapp 2200 den höchsten Tageswert seit April erreicht. Zugleich breitet sich das Virus nicht mehr nur punktuell, sondern in der Fläche aus. Auch die Ansteckungen bei der Risikogruppe der Älteren nehmen erneut zu.

Die Sorge wächst, dass sich die Situation in den kommenden Wochen ähnlich drastisch entwickeln könnte wie in zahlreichen anderen Ländern Europas. Dort sind die Infektionszahlen vielerorts emporgeschnellt, etliche Staaten haben wieder strenge Auflagen verhängt. Viele fragen sich hierzulande, was Deutschland in den nächsten Wochen bevorsteht und wie ein erneutes Herunterfahren des öffentlichen Lebens und der Schulen verhindert werden kann.

Warum sind die neuen Corona-Zahlen so besorgniserregend?

Das Virus hat sich in nahezu ganz Deutschland ausgebreitet. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) gibt es nur noch neun Landkreise, in denen in den letzten sieben Tagen keine neuen Fälle gemeldet wurden. In Bayern, Hamburg und Berlin wurden besonders viele Neuinfektionen festgestellt. Professor Bernd Salzberger, Leiter der Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg, zeigt sich besorgt: „Mich beunruhigen die steigenden Fallzahlen bei jungen Leuten“, sagt Salzberger unserer Redaktion.

Denn kaum ein junger Mensch hat keinen Kontakt zu älteren Menschen, „und das ist die Gruppe, die wir dann später im Krankenhaus sehen“. Auch das RKI warnt: „Sollten sich wieder vermehrt ältere Menschen infizieren, muss auch mit einem Wiederanstieg der Hospitalisierungen und Todesfälle gerechnet werden.“

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach rechnet fest mit solchen Szenarien. Es sei davon auszugehen, dass es in den nächsten Wochen deutlich mehr Ansteckungsfälle geben werde, „es wird nicht bei 2100 Neuinfektionen am Tag bleiben“, sagt Lauterbach unserer Redaktion. „In vier Wochen werden wir wieder mehr ältere Infizierte haben. In acht Wochen müssen wir leider mit mehr Todesfällen rechnen“, sagt Lauterbach. Die Kurve werde nach oben gehen.

Die aktuell geringe Auslastung der Intensivstationen – bundesweit wurden zuletzt 238 Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt – kann indes trügerisch sein. Denn schwere Verläufe sind oft erst mit einer Verzögerung von ein bis zwei Wochen nach dem positiven Testergebnis erkennbar. Auch hier könnten es also bald mehr Fälle werden.

• Mehr zum Thema: Können Luftreiniger den Lockdown verhindern?

Welche Gründe gibt es für den Anstieg der Corona-Zahlen?

Häufige Ansteckungsorte sind noch immer Reisen – und Feiern: Familienfeste wie Konfirmationen, Hochzeiten und Geburtstagspartys führen immer wieder zu lokalen Ausbrüchen. „Wenn wir eine Impfung gegen das Coronavirus haben, können wir uns wieder zum Feiern treffen. Derzeit nicht“, ist Salzberger überzeugt. Zwar gebe es im Moment noch keinen Grund zur Panik, doch die Situation könne schnell kippen. Deutschland befinde sich „nicht in einer zweiten Infektionswelle“, aber doch „in kniehohem Wasser“.

Hinzu kommen neuerdings vermehrt Corona-Ausbrüche in Schulen – mit zum Teil Dutzenden positiven Tests. Der Berliner Virologe Christian Drosten hatte schon früh davor gewarnt, Schulen als Übertragungsorte zu unterschätzen. Die Nachricht von einem Virus-Ausbruch an einer Hamburger Schule kommentierte Drosten mit vier Silben auf Twitter: „As expected“ („Wie erwartet“).

Was heißt das für die Schulen?

„Wir müssen in jedem Fall sicherstellen, dass der Unterricht auch bei steigenden Ansteckungszahlen weitergehen kann“, fordert Lauterbach. Die Schüler hätten in den vergangenen Monaten der Pandemie einen sehr hohen Preis gezahlt, „das darf sich nicht wiederholen“. Allerdings sehe er bislang zu wenig Konzepte, wie der Schulbetrieb aufrechterhalten werden könne, „wenn es demnächst mehr Infektionen gibt und zugleich die Lüftungskonzepte wegen der sinkenden Außentemperaturen nicht mehr funktionieren. Die Fenster in den Klassenzimmern können ja bald nicht mehr ständig offen stehen“.

Notwendig seien entweder Lüftungsanlagen oder Unterrichtskonzepte, um den räumlichen Abstand zwischen den Kindern und Jugendlichen zu gewährleisten. „Hier passiert einfach zu wenig. Dabei drängt die Zeit“, kritisiert der SPD-Politiker.

• Mehr zum Thema: Warum Brillen das Infektionsrisiko sinken könnten

Kommen jetzt neue Corona-Einschränkungen?

In der Logik der ersten Pandemie-Welle müsste es jetzt deutliche Einschränkungen geben: Am 16. März meldete das RKI erstmals mehr als 2000 Neuinfektionen. Es war ein Montag. Die Schulen blieben in den meisten Bundesländern geschlossen, in den Tagen darauf gingen die Zahlen weiter steil bergauf, Deutschland ging schrittweise in den Lockdown.

Der Hauptgrund für die strikte Reaktion: Das exponentielle Wachstum, die rasante Verdopplungsrate bei den Neuinfektionen. Das ist aktuell noch anders. Der Trend zeigt ebenfalls nach oben, doch die Verdopplungsrate ist im Vergleich zum Frühjahr bisher niedrig. Wie schnell sich das ändern kann, zeigen allerdings die Entwicklungen in Frankreich oder Spanien. Als Reaktion auf die steigenden Zahlen ringsum in Europa wird die Liste der Regionen, für die Reisewarnungen gelten, beinahe täglich länger. Mit Wien, Paris, Prag, Amsterdam, Brüssel und Budapest sind bereits etliche europäische Hauptstädte auf der Risikoliste der Bundesregierung.

Brille senkt das Infektionsrisiko mit Covid-19
Brille senkt das Infektionsrisiko mit Covid-19

Jenseits der zunehmenden Reisewarnungen sind in Deutschland allerdings aktuell keine bundesweiten Verschärfungen im Gespräch – neue Einschränkungen gibt es allenfalls in regionalen Hotspots. Die Fußballbundesliga wollte dieser Tage sogar einen weiteren Schritt in Richtung Öffnung gehen und wieder Publikum im Stadion zulassen. Doch wegen der gestiegenen Infektionszahlen in München machte die Stadt einen Rückzieher: Beim Eröffnungsspiel FC Bayern gegen den FC Schalke 04 dürfen nun doch keine Zuschauer dabei sein. Am Vorabend waren noch 7500 Zuschauer genehmigt worden.

Lauterbach sagt, es ergebe wenig Sinn, Vereinssport mit großen Zuschauerzahlen zuzulassen, „das Risiko ist zu groß“. Er fordert auch anderweitige Einschränkungen: Nur noch 25 Personen bei privaten Festen, 50 bei Feiern in öffentlichen Räumen.

Mehr Infos zur Coronavirus-Pandemie