Mutterschaft

Heidi und Co.: Das ist die neue Freizügigkeit der Mütter

Berlin/Köln.  Die Geburt einfach wegstecken, heimlich Stillen – viele Mutter-Themen sind schambesetzt. Zum Glück haben viele keine Lust mehr darauf.

Stillen ganz öffentlich: Chrissy Teigen postete dieses Bild mit ihren Kindern – und der Lieblingspuppe.

Stillen ganz öffentlich: Chrissy Teigen postete dieses Bild mit ihren Kindern – und der Lieblingspuppe.

Foto: chrissyteigen/Instagram

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Sie stillen öffentlich, weil es selbstverständlich ist und halten es in Erinnerungsfotos fest – für Instagram und das Familienalbum. Prominente Mütter setzen auf Offenheit und ehrliche Bilder – ob sie wollen oder nicht, es kommt einem wichtigen Tabubruch gleich.

Model Heidi Klum (46) zeigte jetzt ein Foto ihrer Nippel auf Instagram, ihre Kolleginnen Giselle Bündchen, Chrissy Teigen, Schauspielerin Liv Tyler und Maggie Gyllenhaal verhüllen sich nicht unter einem Tuch, wenn sie ihr Baby öffentlich an der Brust füttern. Es ist der Beginn eines Paradigmenwechsel, der keineswegs unpolitisch ist.

Heidi Klum filmt sich beim Stillen - na und?

Auch in Deutschland. Ihre Tochter im Geburtshaus in Anwesenheit von Hebammen zu entbinden, schien Lisa Harmann (37, damals 24), die damals noch in Berlin wohnte, ein guter Gedanke. Doch als die ersten Presswehen einsetzten – die werdende Mutter saß in einer warmen Geburtsbadewanne –, kam es plötzlich zu Komplikationen.

Die Hebammen sprachen von Geburtsstillstand, ein Krankenwagen wurde gerufen, die Autorin brachte in der Klinik per Kaiserschnitt ihr erstes Kind zur Welt. Nach der Geburt „vergaß“ das Klinikpersonal die junge Familie noch im Kreißsaal. Als Lisa Harmanns Mann nach vier Stunden einmal nachfragte, wann es denn aufs Zimmer ginge, hieß es: „Ach, Sie sind noch hier.“

Mütter machen Perfektionszwang zum Auslaufmodell

„Nichts in diesem Krankenhaus hatte am Ende meiner Wunschvorstellung entsprochen, nur dass ich glücklich über mein Baby war“, sagt Lisa Harmann heute. Und das schrie laut und viel. Lag es an der schwierigen Geburt? Hätte sie etwas anders machen können? „Ich musste für mich erst mal mit dem Versagensgefühl klarkommen, dass ich es nicht geschafft hatte, dieses Kind auf ,natürliche‘ Weise zur Welt zu bringen.“

Heute hat Harmann allerdings – wie viele prominente Mütter – Distanz zu diesen Gedanken. Sie hat ihren Frieden mit der Geburt geschlossen. Vielen Prominenten geht es wie ihr. US-Comedian Amy Schumer (38) zeigte sich nach der Geburt ihres ersten Kindes, Sohn Geene, im Mai vor ihren neun Millionen Followern auf Instagram im Krankenhaus auf Toilette mit zerzausten Haaren oder beim Milchabpumpen zu Hause. Dazu den Satz: „Leute, was macht ihr heute Abend so?“

Menstruation, Spuren der Geburt – kein Grund, sich zu schämen

Prominente Mütter wie die Models Giselle Bündchen, Chrissy Teigen und Heidi Klum posten Fotos und Videos, die sie beim Stillen zeigen. Die weltweit bekannte Comedian und Schauspielerin Ali Wong (37) treibt es noch weiter. In ihrem Netflix-Special „Hard Knock Wife“ erklärt sie ihren Fans auf der Bühne sehr explizit, dass der postnatale Zustand einer Frau zwischen ihren Beinen der Grund dafür sei, dass es Müttern nicht möglich sei, nach der Geburt sofort wieder einem geregelten Beruf nachzugehen.

Hierzulande besucht die hallenfüllende Carolin Kebekus Babykurse für die ARD oder besingt wie erst im Juni im Stil von Rammstein ihre Menstruation. Mutterschaft, Frausein, so lautet die Botschaft, werden gesellschaftlich relevant, sobald sie sichtbar werden. Auch um ihrer intimen Details und unbequemen Seiten willen.

Lisa Harmann schreibt über die ehrliche Mutterschaft

Die Wichtigkeit einer ehrlichen Mutterschaft betont Lisa Harmann, die mittlerweile mit ihren drei Kindern im Schulalter auf einem Hof im Bergischen Land wohnt, auch in ihrem Bestseller „Wow Mom“ (Krüger). Erst Ende Juli erschien der Ratgeber, seitdem gingen schon Tausende Exemplare über den Ladentisch. Das Thema: Überforderung, Glück, Schonungslosigkeit.

Auf einem Bild ist Lisa Harmann mit ihrem ersten Kind auf dem Arm zu sehen, in Unterhemd und Still-BH, ihr Baby weint, Lisa wiegt es im Arm, blickt entnervt in die Kamera. Das Foto für den Druck freizugeben, war eine bewusste Entscheidung, über die Schamgrenze hinauszugehen.

Es sei wichtig, weil es zeige, was sie längst verdrängt habe: ihre Erschöpfung. „Man sieht auf dem Foto nicht, wie glücklich ich auch war. So sehr, dass ich Monate später mit den Zwillingen schwanger wurde.“

Diskussionen, ob Herzogin Kate eine Windel trug

Mit ihrer Offenheit möchten Lisa Harmann und ihre Co-Autorin Katharina Nachtsheim Müttern Elan geben – und sie ermahnen, an sich selbst zu denken. „Was habe ich davon, eine gute Mutter zu sein und meine Partnerschaft zu vernachlässigen? Oder perfekt sein zu wollen und mich komplett in meinem Kind und dem Haushalt zu verlieren?“

Falsche Vorbilder liefern laut US-Comedian Ali Wong Frauen wie die britische Herzogin Kate, die nur zwölf Stunden nach der Geburt ihres Sohnes Georges im Jahr 2013 (und bei den folgenden zwei Kinder tat sie es dem gleich) mit geföhnten Haaren in einem Mini-Kleid vor den Kameras das Krankenhaus verließ – anders als Herzogin Meghan, die für ihren Post-Geburt-Auftritt als Vorbild gefeiert wurde.

Kates Auftritt trat eine weltweite Diskussion los, was von Müttern nach der Geburt und im Allgemeinen zu erwarten sei. „Und du weißt, sie hat diese royalen Windeln um, du weißt es einfach“, schimpft Wong in einer ihrer Liveshows. Und dann sagt sie: „Meine Mutter macht sich Sorgen, dass mein Mann mich verlässt, weil ich jetzt der Brötchenverdiener und Mutter bin.“ Aber eine Paartherapie würde das schon richten. Auch eine Wahrheit.

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