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Deutsche Ermittler legen Kinderporno-Plattform lahm

Christian Kerl
| Lesedauer: 5 Minuten
Kinderpornografie-Plattform: Mitglieder wurden festgenommen.

Kinderpornografie-Plattform: Mitglieder wurden festgenommen.

Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa

Wiesbaden.  Es ist ein großer Schlag gegen den Handel mit Kinderpornografie: Eine Tauschbörse wurde gesprengt, mehrere Männer wurden festgenommen.

Hunderttausende Täter, die im anonymen Internet Bilder von sexuellem Kindesmissbrauch getauscht haben, müssen jetzt zittern: Bei einem internationalen Polizeieinsatz unter Federführung des Bundeskriminalamtes (BKA) ist eine der weltweit größten Plattformen für die Verbreitung von kinderpornografischem Material gesprengt worden. Vier Männer, alle mit deutscher Staatsbürgerschaft, sind verhaftet worden, sieben Wohnungen in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hamburg wurden durchsucht. Aber die Ermittlungen gehen weiter.

Nach Auswertung der Daten erwartet die EU-Polizeibehörde Europol weitere Festnahmen – und die Befreiung von gequälten Kindern: Das beschlagnahmte Material sollen jetzt Europol-Experten in Einsatzgruppen auswerten, um Opfer zu identifizieren. Später wird auch die Öffentlichkeit um Mithilfe gebeten. Der Erfolg, dem mehrmonatige Ermittlungen vorausgingen, sei nicht hoch genug einzuschätzen, hieß es am Montag in Fahnderkreisen. Die Plattform Boystown soll weltweit zuletzt rund 400.000 Mitglieder gehabt haben, sie war ausschließlich über das Darknet zugänglich.

Hauptbeschuldigter soll nach Deutschland ausgeliefert werden

Bei den drei bereits Mitte April festgenommenen Hauptbeschuldigten handelt es sich nach Angaben des BKA um einen 40-Jährigen aus dem Kreis Paderborn, einen 49-Jährigen aus dem bayerischen Landkreis Mühldorf und einen 58-Jährigen aus Norddeutschland, der seit Jahren in Paraguay lebt und in Kürze an Deutschland ausgeliefert werden soll. Die Männer betrieben die Plattform nach bisherigen Erkenntnissen mindestens seit zwei Jahren, kümmerten sich um Technik und Wartung, aber auch um die Betreuung der Mitglieder. Der Server befand sich demnach in Moldawien.

Getauscht wurden Bild- und Videoaufnahmen, darunter auch solche von schwerstem sexuellen Missbrauch von Kleinkindern. Für die Mitglieder standen Chatrooms zur Verfügung, in denen sie sich unterhalten und Material austauschen konnten - einer trug den Namen LoliPub. Eines der aktivsten Mitglieder, ein 64-jähriger Mann aus Hamburg, soll seit Juli 2019 mehr als 3500 Beiträge mit Darstellungen von Kindesmissbrauch gepostet haben; auch er wurde jetzt festgenommen. Die Täter fühlten sich beim Bildertausch sicher: Die Betreiber lieferten eigens Sicherheitshinweise mit.

Europol warnt vor besorgniserregender Tendenz

Europol erklärte deshalb, der Fall zeige auch die zunehmend hohe Widerstandsfähigkeit solcher Gruppen gegen Strafverfolgungsbehörden: Sie bauten bei Fahndungsdruck bestehende Organisationen um und gründeten neue Plattformen, die in der Bandenstruktur der organisierten Kriminalität mit strengen Regeln aufgebaut seien.

Die Tendenz ist so eindeutig wie besorgniserregend: Die Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch im Internet nehmen seit Jahren zu, warnt Europol. Mit Corona habe sich der Trend beschleunigt, die Verbreitung von Verschlüsselungstools habe das Entdeckungsrisiko reduziert. Seit Beginn der Pandemie suchten Täter noch intensiver nach entsprechendem Material im Netz.

Sie versuchten auch zunehmend, direkt Kinder zu kontaktieren, die zu Hause während des Lockdowns länger im Internet seien als sonst und dabei oft nicht beaufsichtigt würden. „Die Verbreitung ist jetzt viel größer als vor der Pandemie“, sagte Europol-Chefin Catherine De Bolle kürzlich im Interview mit unserer Redaktion. „Das ist eine anhaltende Gefahr.“

Zu den Widerwärtigkeiten zählt die Praxis von Kriminellen, den Missbrauch von Kindern – meist unter 14 Jahren – aus der Internetdistanz live zu verfolgen und die Täter dafür zu bezahlen, wie Europol-Experten berichten. Die Aufnahmen werden dann später in den Foren weiter verbreitet. Generell gilt nach Ermittlererfahrungen, dass das Material bevorzugt im häuslichen Umfeld der Opfer hergestellt wird, oft von Personen, zu denen die Kinder Vertrauen haben.

Das wird jetzt eine Hilfe für die Fahnder sein, wenn sie die Bilder auswerten und womöglich auch anhand von Zeugenhinweisen Tatorte und Täter ausfindig machen können. Europol veröffentlicht auf einer Internetseite unter dem Stichwort Stop Child Abuse (Stoppt Kindesmissbrauch) regelmäßig Bildausschnitte des beschlagnahmten Materials, von Innenräumen, Gegenständen oder Kleidungsstücken, mit der Bitte um Hinweise.

Mehr zum Thema: Studie: Wie Pädosexuelle Kindesmissbrauch etablieren wollten

Strafen für kinderpornografische Taten sollen verschärft werden

Der neue Ermittlungserfolg befeuert nun die Debatte um bessere Ermittlungsmöglichkeiten der Polizei im Kampf gegen Kindesmissbrauch im Internet. Die EU-Kommission bereitet gerade einen Gesetzentwurf vor, der Anbieter dauerhaft verpflichten soll, Onlinedienste generell auf kinderpornografisches Material hin zu durchleuchten und Entdeckungen den Strafverfolgungsbehörden zu melden.

Die Unionsfraktion im Bundestag wertete die Zerschlagung der Plattform als Erfolg von bereits beschlossenen Gesetzesverschärfungen und verstärktem Personaleinsatz. So sei Ermittlern vor einem Jahr erlaubt worden, computergenerierte Bilder von Kindesmissbrauch als Eintrittskarte in einschlägige Foren zu verwenden.

Der Bundesrat wird an diesem Freitag ein Gesetz absegnen, das Verschärfungen des Strafrechts bei kinderpornografischen Taten vorsieht – Verbreitung und Besitz gelten nicht mehr als Vergehen, sondern als Verbrechen. Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) meinte nach dem neuen Schlag gegen das Missbrauchsnetz: „Die Luft für alle Personen, die sich an der Verbreitung schlimmster Fotos und Videos beteiligen, wird immer dünner.“