Krank durch alten Parkettkleber? In Jena stinkts den Mitarbeitern im Technischen Rathaus

Jena  Das im Jahr 2007 von den Kommunalen Immobilien (KIJ) für 3,5 Millionen Euro zum städtischen Bürogebäude umgebaute ehemalige Angergymnasium muss in den nächsten zwei Jahren erneut teilweise saniert werden. Die Ausdünstungen von alten Parkettklebern auf Basis von Steinkohlenteerpech in den Fußböden sind für Mitarbeiter unerträglich.

Das Technische Rathaus in Jena im ehemaligen Angergymnasium. Foto: Peter Cott

Das Technische Rathaus in Jena im ehemaligen Angergymnasium. Foto: Peter Cott

Foto: zgt

Es ist ein unterschwelliger muffiger Geruch nach alter Dachpappe. Nur regelmäßiges Lüften schafft Abhilfe. Trotzdem bleibt die Angst vor gesundheitlichen Langzeitschäden.

Seit Jahren müssen die 115 Mitarbeiter des Stadtentwicklungsdezernats Am Anger 26 mit dieser Situation leben. Dabei ist ihr Verwaltungsgebäude erst vor neun Jahren aufwendig saniert worden. Doch schon 2008, nur Monate nach dem Einzug, klagten erste Mitarbeiter über Reizungen der Atemwege. Die Kommunalen Immobilien Jena als Bauherr und Eigentümer räumten ein: Was da ausdünstet sind Reste von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen – kurz PAK – , die aus teerhaltigen schwarzen Klebstoffen stammen mit denen bis Ende der 1960er Jahre Parkettfußböden verklebt wurden. Messungen hätten aber keine gesundheitsgefährdende Konzentration an den Arbeitsplätzen ergeben, hieß es damals.

Der Versuch einer preisgünstigen Folienabdichtung der Böden einzelner Räume mit besonders starken Geruchsbelästigungen schaffte auch keine dauerhafte Abhilfe. „Als Personalrat wurden wir immer wieder auf das Thema angesprochen“, sagt Vorsitzende Inken Franke. Kolleginnen und Kollegen klagen bis heute über Husten, Heiserkeit und Probleme mit den Stimmbändern. „Der Unterschied sei deutlich zu spüren. wenn sie aus dem Urlaub kommen und wieder die belastete Büroluft einatmen müssen“, so Inken Franke.

Ursache für erhöhten Krankenstand?

Die Rede ist sogar von einem erhöhten Krankenstand im Dezernat aufgrund der Schadstoffe. Das wurde bei einer Anfrage unserer Zeitung an die Stadtverwaltung gestern von offizieller Stelle allerdings dementiert. Die Personalratsvorsitzende sieht hingegen durchaus einen Zusammenhang. „Gesund sind diese Ausdünstungen auf lange Sicht ganz gewiss nicht“, sagt sie. Ein Nachweis ist allerdings schwer zu führen. Luftmessungen und Bohrungen in den Fußböden, die habe es in den letzten Jahren zu Hauf gegeben. Die Ergebnisse hätten aber unter den gesetzlichen Grenzwerten gelegen. „Zahlen hin oder her. Die Leute fühlen sich nicht wohl, sind verunsichert und das beeinträchtigt letztlich auch den Betriebsfrieden“, so Inken Franke. Sie sei dankbar, dass sich nach Jahren des fruchtlosen hin und her und des Ignorieren des Problems beim Wechsel des Dezernenten vor drei Jahren endlich etwas getan habe.

Für Denis Peisker (Bündnis 90/Die Grünen) steht das Thema ganz oben auf der Tagesordnung. „Es wird Zeit, dass wir dieses Dauerärgernis endlich vom Tisch bekommen“, sagt der Stadtentwicklungsdezernent.

Nach der fehl geschlagenen Geruchsbekämpfung mit Folie vor Jahren will KIJ diesmal das Übel buchstäblich bei der Wurzel packen. In den beiden nach Messungen am höchsten mit PAK belasteten Räumen wurde bereits 2015 der Estrich ausgetauscht. „Das war das Pilotprojekt für die Sanierung aller Büros im Anger 26, die 2016 und 2017 erfolgen wird“, sagt Peisker. Die lange Dauer der Maßnahme ist vor allem der Logistik geschuldet, denn während des Baus müssen die entsprechenden Mitarbeiter natürlich umziehen. Lediglich der Keller und Teile des Nordflügels mit der ehemaligen Turnhalle sind nicht von Schadstoffen belastet.

Die Kosten für die Sanierung der Fußböden beziffert der Dezernent mit einer „hohen sechsstelligen Summe“. „Wir brauchen dazu auf jeden Fall einen Nachtrag im Wirtschaftsplan von KIJ und einen Stadtratsbeschluss“, so Peisker.

Ähnliche Probleme auch in Eisenach

Mit dem Problem schadstoffbelasteter Fußböden in bereits sanierten Gebäuden ist Jena nicht allein. In Eisenach mussten im vergangenen Jahr in der Wartburgschule für 1,9 Millionen Euro mit Naphthalin belastete Estrichböden entsorgt und erneuert werden.

Schlagzeilen machte auch die Übelkeit von Staatsanwälten im 2010 eröffneten Justizzentrum Gera. Dort waren es aber nicht die Fußböden, die zwei Jahre nach dem Einzug ausdünsteten, sondern andere Lösungsstoffe, die für gesundheitliche Probleme sorgten.

Weshalb nicht schon bei der Grundsanierung des Anger 26 im Jahr 2007 den Fußböden eine größere Aufmerksamkeit geschenkt wurde, war gestern nicht zu klären. Dabei spielten Kosten mit Sicherheit eine Rolle, aber auch der Umstand, dass erst mit der Entfernung alter Böden das Problem entstand.

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