- Ein Zufallsfund im Archiv führte auf die Spur
- Geschichte der Bratwurst bekommt neues Kapitel
- Ein Übersetzungsfehler muss korrigiert werden
Ob die ganze Geschichte der Bratwurst umgeschrieben werden muss? Jedenfalls bekommt sie ein neues Kapitel. Etwa einen Monat nachdem wir über den Zufallsfund im Archiv berichtet haben, findet die spannende Geschichte ihren Weg auch in andere Medien und wird deshalb jetzt erneut im Internet und heiß wie eine Rostbratwurst diskutiert.

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Fest steht, dass die laut Eigenwerbung „älteste Bratwurststube der Welt“, die „Wurstkuchl“ an der Steinernen Brücke im bayerischen Regensburg, einen neuen Slogan braucht. Denn: die älteste nachgewiesene Braterei stand in Erfurt am Fuße der Krämerbrücke auf dem Wenigemarkt. Den Nachweis dafür liefert eine Urkunde aus dem Jahr 1269.
Im Gegensatz zum Regensburger Grill, wo heute noch traditionell gespeist werden kann, ist vom Erfurter Rost allerdings nicht mehr als eine Urkunde über dessen Existenz übrig geblieben. Allenfalls Teile eines Rauchabzugs des mittelalterlichen Grills könnten sich, von späteren Bauherren quasi recycelt, in einer Außenmauer des Krämerbrückencafés Nüsslein wiederfinden. Doch zu dieser These steht die Forschung erst am Anfang.
Zufällige Entdeckung im Urkundenbuch

Aufgeschlagen wird das neue Bratwurst-Kapitel von Martin Sladeczek. Dass er auf den Urkundeneintrag stieß, „ist einem Riesenzufall zu verdanken“, wie er selbst sagt. Nicht mehr Direktor der Erfurter Geschichtsmuseen und noch nicht Teil des Unesco-Welterbe-Teams der Stadt forschte er in seiner Elternzeit eingehend zur Krämerbrücke. Anlass war ein Vortrag des Geschichtsvereins über die Jubilarin, die dieses Jahr in steinerner Form ihr 700-jähriges Bestehen feiert.

Sladeczek wurde beim Studium eines Urkundenbuchs der Stadt stutzig. Angelegt vom Stadtarchivar Carl Beyer (1848-1900), hatte der bei Urkunde Nummer 229 aus dem Jahr 1269 das Folgende zusammenfassend vermerkt: „Das Kloster Reinhardsbrunn verkauft dem Rath von Erfurt die Zinsen von einer Garküche am Wenigen Markt“.
Falsche Übersetzung bedarf einer Korrektur
Beyers Zusammenfassung aus dem Jahr 1888 zur in lateinischer Sprache vorliegenden Urkunde aber irrt, wie Sladeczek bei der Lektüre der Komplett-Abschrift der Urkunde feststellen konnte: „...qui de quodam thugurio assatoris sito in parvo foro Erfordensi...“ heißt es dort nämlich. Nichts vom gebräuchlichen Begriff einer Garküche steht dort zu lesen, sondern von einer Hütte, einem Stand unter einem Dach, und eben einem „Assator“, was übersetzt Röster oder Brater heißt.
„Der Mann, der brät“, liest denn auch Karl Heinemeyer aus der Urkunde, ab 1993 Professor mit dem Schwerpunkt Mittelalterliche Geschichte an der Pädagogischen Hochschule und später der Universität Erfurt. Ihn zog Sladeczek als ausgewiesenen Mittellatein-Experten für einen Blick ins Kopialbuch zu Rate, das die fragliche Urkunden-Abschrift erhält. Auch die Vorlage dafür wurde unter die Lupe genommen: Auch dort steht „Assatoris“ geschrieben, ein Abschreibefehler Beyers ist damit für die beiden Mitglieder des Erfurter Geschichtsvereins ausgeschlossen.
Das Jahr 1269 ist für den Grill belegt
Dass natürlich auch schon vor 1269 die Menschen Fleisch, Fisch und Würste gebraten haben, steht für die beiden Akteure des Erfurter Geschichtsvereins außer Frage. „Zu einem Bratrost aber gibt es keinerlei früheren schriftlichen Nachweise“, sagt Sladeczek. Auch eine erste urkundliche Erwähnung der Bratwurst findet sich erst in einer Rechnung des Nonnenklosters zu Arnstadt aus dem Jahr 1404, was auf Thüringen als einen möglichen Ursprungsort hinweist.
Dass sich Reisende und Händler nahe der Krämerbrücke im Mittelalter mit Ersatzteilen für ihre Fuhrwerke, mit Gürteln, Hüten oder anderen Utensilien ausstatten konnten, davon zeugen heute noch Straßennamen wie Kürschner- und Hütergasse sowie der Futterstraße im Umfeld der Krämerbrücke. Aber es gab eben nicht nur das: „Hier muss es einen immensen Verkehr gegeben haben“, sagt Karl Heinemeyer. Reiseproviant gab es deshalb sicher nicht nur am heutigen Wenigemarkt, doch dort ist die Braterei nun schriftlich belegt.
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Rat der Stadt sicherte sich Anteil am Umsatz
Erfurt lag an den wichtigen Verkehrswegen jener Zeit, sagt Heinemeyer. Und offenbar hatte der Rat der Stadt ein großes Interesse daran, von dem hier betriebenen Handel zu profitieren und Abgaben für die Stadtkasse zu beanspruchen. So ist die Vereinbarung in der Urkunde und deren Zustandekommen zu verstehen.
Bei der besagten Braterei muss es sich um einen lohnend großen Grill und eine Institution gehandelt haben. Anders sei nicht zu erklären, dass das Kloster Reinhardsbrunn hier damals aktiv war, um seine Einnahmen zu mehren. Ein Schreiber des Abts hatte das Dokument damals in lateinischer Sprache aufgesetzt, das der Stadt die Abgaben von der Gastronomie sicherte. „Er hat offenbar lange nach einer geeigneten Formulierung gesucht“, klingt die „Brathütte“, wie Heinemeyer sagt, auch für den geübten Mittellateiner eher ungewöhnlich.





