Sorgenvoll, wütend oder bestürzt. So sind die Blicke auf die Preistafeln der Tankstellen in den letzten Wochen. Für die Architektur der meist überdachten Bauten bleibt da keine Aufmerksamkeit übrig. Zumal in den vergangenen Jahren auch die Uniformität um sich griff und Tankstellen nach neuer Funktionalität inklusive angedocktem Minimarkt gestaltet wurden.

Aber Tankstellen sind stets ein Thema für die meisten Stadtbewohner. Und waren es schon in der Zeit der ersten Zapfsäulen-Stationen. (wie hier in der Kartäuserstraße)
Wobei sich die Auto- und Motorradfahrer gewiss in zwei Lager aufteilen. Die mit Stammtanke und die Preisfüchse, die auf der Suche nach dem besten Preis durch die Stadt schnüren und im schlechten Fall den Preisvorteil durch den Auspuff verfeuert haben.
Das frühe Tankstellenwesen in Deutschland entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Verbreitung des Automobils. Zunächst wurde Benzin in Apotheken, Drogerien oder Eisenwarenläden verkauft.

Seit den 1920er-Jahren – als die Benzindroschken zum Massenphänomen wurden – spielen Tankstellen als Bauwerke in den Städten eine wichtige Rolle.
Bald entstanden einfache Zapfsäulen am Straßenrand, oft von Mineralölgesellschaften betrieben. In den 1920er-Jahren entwickelten sich daraus eigenständige Tankstellen mit Überdachungen, Servicepersonal und Werkstattangeboten. Der Ruf „Einmal volltanken, bitte!“ erscholl so auch in Wohngebieten, ganz im Gegensatz zu heute, wo jeder Autofahrer selbst den Tankwart spielen muss und sich die großen Anlagen mit bis zu einem Dutzend Zapfsäulen meist an Einfallstraßen zur Stadt befinden.
Historische Tankstellen sind in Erfurt schwer zu finden


In der Landeshauptstadt haben sich die oft eher als unscheinbar wahrgenommenen Bauten ebenfalls mit dem Aufkommen von Automobilen seinerzeit im gesamten Stadtgebiet verbreitet. Aus der Zwischenkriegszeit ist heute nur noch die Station an der Arnstädter Straße erhalten, die immerhin als zweitälteste ihrer Art in ganz Deutschland gilt.
Orte der Versorgung und zeugen von Dienstleistungskultur

Neben diesem unter Denkmalschutz stehenden Bau gab es in Erfurt jedoch auch noch weitere Tankstellen mit historischer Substanz.
Alte Tankstellen sind mehr als nur verlassene Orte – sie sind Zeitzeugen. Ihre Architektur, oft geprägt von klaren Linien, Neonreklame und kleinen Kiosken, erzählt vom Aufbruch des Automobilzeitalters. Sie erinnern an Reisen, Begegnungen und den Alltag vergangener Jahrzehnte. Viele werden heute kreativ neu genutzt – etwa als Cafés, Galerien oder Werkstätten – und verbinden so Vergangenheit mit Gegenwart.
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Der Bauhistoriker und Architekt Mark Escherich interessiert sich für diese nicht mehr existenten Tankstellen als eigenständigen Bautyp und weiß die Reihe der Erfurter Benzin-Zapf-Häuser zu vervollständigen.
So gab es bis in die 1990er-Jahre auch in der Kartäuserstraße an der Ecke zum Dalbergsweg eine Tankstelle, die ein wichtiger Versorgungspunkt für die anwohnenden Autobesitzer war. Seit 2019 ist die Ecke im Süden der Stadt mit einem neuen Wohnungsbau versehen.
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„Verkehrsbauten sind zu jeder Zeit besonders modern gestaltet worden. Neben Brücken, Bahnhöfen oder Stellwerken gilt das auch für Tankstellen. Als eigenständiger Bautyp haben sie sich erst in den 1920er-Jahren herausgebildet“, so Escherich. Das betrifft wenige Jahre später auch die Tankstelle an der Bürgermeister-Wagner-Straße, die dort 1930 errichtet wurde und an deren Stelle heute der Busbahnhof zu finden ist.

Mit besonderem Interesse hat der Erfurter Bauhistoriker aber auch die Ecke Nordhäuser Straße/Veilchenstraße im Blick.
Nach Sanierung und Bebauung der Fläche gab es im Erdgeschoss des Neubaus den Coworking-Space „ Kreativtankstelle“, der mit seinem Namen Bezug darauf nahm, dass sich an diesem Standort zuvor eine „echte“ Tankstelle befand. Mittlerweile ist hier ein neues Café eingezogen.
Verkehrsbauten sind zu jeder Zeit besonders modern gestaltet worden. Neben Brücken, Bahnhöfen oder Stellwerken gilt das auch für Tankstellen.
Mark Escherich, Architekt, Bauhistoriker und Denkmalpfleger
„Es entstanden zuweilen kühne und große Fortschrittsbegeisterung ausdrückende Gestaltungen mit den typischerweise weit ausladenden, großflächigen und auf schlanken Stützen ruhenden Dachplatten in ganz Europa. Und genauso eben auch in Erfurt“, sagt Escherich.

Er verweist auf eine seltene Fotoaufnahme dieses Bauwerks, die er selbst im Zuge von architekturbezogenen Recherchen in den 1990er-Jahren gemacht hat. Dort ist nicht nur das rund geformte Dach gut zu erkennen, sondern sogar auch das Tor zur Einfahrt und ein Stück Kulisse der Nordhäuser Straße. Ebenfalls Teil von Escherichs eigener Sammlung ist ein Bild der Großtankstelle in der Borsigstraße, auf dem im Gegensatz zu dem Pendant an der Veilchenstraße ein deutlicher Verfall abgebildet ist.
Aus einer Tankstelle wird ein neuer Erfurter Kulturort

Noch erhalten, wenn auch noch auf teilweise abgeriegeltem Grundstück versteckt, vervollständigt nur noch die alte Tankstelle auf dem Bahngelände an der Thomasstraße die Liste des Leiters der Unteren Denkmalschutzbehörde.
Zu größerer Bekanntheit kam sie im Sommer 2025, als die LEG Thüringen erste Pläne aufstellte, das historische Areal zu bearbeiten. Für fünf Jahre sorgt hier erstmal der „Kommarum-Kulturbahnhof“ für Leben rund um das alte Tankstellenhaus. Die selbst gebaute Bühne greift sogar die Form des Bauwerks mit dem markanten Dach auf.
Schon zuvor war die Tanke in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt: In der Masterarbeit vom Bauhaus-Uni-Absolventen Jan-Christoph Langhorst fungierte sie als Mittelpunkt der gesamten Brachfläche des alten Eisenbahnwerks. Also fast so, wie es die aktuellen Pläne ebenfalls andeuten.
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„Eigentlich gehören Tankstellen zu den besonders flüchtigen Bauwerken, weil sich die technisch-wirtschaftlichen Anforderungen schnell ändern und entsprechend schnell umgebaut oder neugebaut wird“ , so Mark Escherich. Umso mehr sei es ein Glücksfall, dass sich die in der Arnstädter Straße erhalten hat .
Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 2. Juli 2022 und wird nun erstmals online veröffentlicht.







