Peter I. Tschaikowskys letzte Oper „Jolanthe“ sei „ein kleiner musikalischer Schatz“, meint Renate Liedtke, Sprecherin des Theaters in Nordhausen. Deshalb freuen sich die Südharzer Kulturschaffenden, dass die Opernrarität des berühmten russischen Komponisten, die immer im Schatten seines „Eugen Onegin“ stand, am Freitag, 2. Mai, um 19.30 Uhr ihre Premiere im Nordhäuser Theater im Anbau feiert.

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Die Weltpremiere der Oper war am 6. Dezember 1892 in St. Petersburg zusammen mit „Der Nussknacker“ von Tschaikowsky. Zar Alexander III. war schon zur Generalprobe entzückt von dem Werk, die Presse leider weniger. So brachte es „Jolanthe“ nur auf elf Vorstellungen und wurde in Deutschland erst 1893 in Hamburg unter dem Dirigat von Gustav Mahler gespielt. Nun gibt es eine Renaissance des zauberhaften Meisterwerkes.

Liebe macht blind: Doch hier ist es ganz anders

Tschaikowsky lernte die Vorlage für das Libretto 1883 kennen. Es war das Drama „König Renés Tochter“ des dänischen Dichters Heinrich Hertz, das in der Zeitung in einer russischen Übersetzung zu lesen war. Es ist eine fiktive Darstellung des frühen Lebens von Yolande von Lothringen, der Tochter von René von Anjou, die 1445 ihren Cousin Friedrich II., Graf von Vaudémont, heiratete. Die Ehe war ein Bündnis, das den Streit zwischen René von Anjou und Friedrich beenden sollte. Die Umarbeitung der Geschichte und das Verfassen des Librettos lag in den Händen von Tschaikowskys Bruder Modest.

Liebe macht blind, heißt es so schön. Doch in „Jolanthe“ kehren sich die Verhältnisse um: Prinzessin Jolanthe ist bereits blind und wird durch die Liebe geheilt. Sie lebt in einem geschützten Garten, den niemand betreten darf. Die Tatsache, dass sie blind ist, wird geheim gehalten. Selbst Jolanthe versteht nicht, dass sie nicht sehend ist, weil niemand mit ihr über Licht oder Farben sprechen darf. Sie weiß auch nicht, dass sie eine Prinzessin ist. Sie ist in der medizinischen Obhut des von ihrem Vater – König René – beauftragten maurischen Arztes Ibn-Hakia.

Vom Wunsch nach Zuwendung und menschlicher Wärme

Doch, um geheilt zu werden, muss Jolanthe den Wunsch erst einmal haben, sehen zu können. Erst ein fremder Ritter schafft es, die nötigen Gefühle in ihr zu erwecken. So steht Jolanthe symbolisch für die Hoffnung und den Glauben an die Liebe, die in der Lage ist, selbst die tiefste Dunkelheit zu erhellen.

Für Marian Kalus, der diese Opernrarität in Szene setzt, ist Jolanthes Blindheit nicht vordergründig das Thema. Ihn interessiert zudem die Frage nach dem Grund der steten Traurigkeit des Mädchens, das diese ja nicht unbedingt mit Blindheit in Verbindung bringt. Marian Kalus sieht Jolanthes Verzweiflung in der fehlenden familiären Wärme, Distanziertheit und Isolation. Ihr Wunsch nach Zuwendung und menschlicher Wärme ist größer als der, sehen zu können.

Jolanthes Blindheit und der Prozess ihrer Persönlichkeitsentwicklung inspirierten das Regie-Team auch zur Entwicklung des Bühnenraumes. Carolin Flucke entwarf Bühne und Kostüme. Hannah Robinson zauberte eine malerisch gestaltete Videoproduktion auf die Szene, die das Sehendwerden der Prinzessin begleitet.

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Für Generalmusikdirektor Pavel Baleff ist es die letzte Opernproduktion am Theater in Nordhausen, die er in dieser Funktion musikalisch leitet. Es spielt das Loh-Orchester aus Sondershausen. Die Vorstellung dauert anderthalb Stunden. Es gibt keine Pause.

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Die Hauptrollen übernehmen Julia Ermakova (Jolanthe), Kyounghan Seo (Graf Vaudémont) und Philipp Kranjc (René, König der Provence). In weiteren Rollen agieren Florian Tavic, Jung-Uk Oh, Anja Daniela Wagner, Thomas Kohl, Yuval Oren, Rina Hirayama und Wonjun Joo. Außerdem wirkt der Opernchor des Theaters mit.

Weitere Vorstellungen sind am 4., 24. und 30. Mai. red