Was wird aus dem Waisenhaus und Walkenrieder Hof in Nordhausen? Diese Frage führt derzeit im Stadtrat und darüber hinaus zu Diskussionen. Eine Lösung ist noch nicht in Sicht. Aber die Gegenwart sucht ihre Argumente auch in der Historie. Und eine Bibel spielt dabei eine besondere Rolle.

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Das Waisenhaus ist ein dreigeschossiges Fachwerkhaus aus dem Jahre 1717. Zuvor stand an dieser Stelle das Altendorfer Pfarrhaus. Dieses fiel damals einer verheerenden Feuersbrunst zum Opfer. Nur eine einzige Bibel überstand die Katastrophe. Das Buch ging daraufhin als „Brandbibel“ in die Geschichte ein. Dass die Flammen vor 300 Jahren ausgerechnet eine Heilige Schrift verschonten, deuteten die damaligen Stadtväter als ein Zeichen. Deshalb ließen sie mit dem Waisenhaus ein Gebäude für soziale Zwecke errichten.

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Wir schreiben das Jahr 1710. Seit vier Jahren ist Johann Heinrich Kindervater Pfarrer an der Nordhäuser Sankt-Blasii-Kirche. Gerade ist er aus Halle zurückgekehrt. Er war für einige Tage bei seinem Freund August Hermann Francke zu Besuch.

Dieser Francke hatte mit nur drei Goldtalern, die er in seiner Spendenbüchse gefunden hatte, den Bau eines Waisenhauses für die vielen verarmten und elternlosen Kinder begonnen, die es in seiner Stadt gab. In nur wenigen Jahren waren aus diesem kleinen Anfang die weltberühmten Franckischen Stiftungen entstanden, in denen mehr als 500 elternlose Kinder eine Heimat gefunden hatten.

Viele Waisenkinder lebten unter freiem Himmel

Kindervater blickte mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung auf Franckes Werk. Auch in Nordhausen gab es so viele Kinder, die ohne ihre Eltern aufwachsen mussten. Viele hatten nicht einmal eine Wohnung. Sie lebten unter freiem Himmel. Und wenn sie vor lauter Hunger auf dem Markt ein paar Kohlblätter oder Kartoffeln stahlen, dann wurden sie – wenn man sie zu fassen bekam – halbtot geprügelt. Das Leben dieser Kinder war schon kaputt, bevor es überhaupt begonnen hatte.

Mit der Reisekutsche kehrte Kindervater aus Halle zurück. Schon von Weitem sah er eine Rauchwolke über Nordhausen stehen. Sie war viel zu groß, als dass sie von den Herdfeuern in den Häusern oder den Öfen der Schnaps-Brennereien stammen konnte.

Große Feuersbrunst tobt in der Nordhäuser Innenstadt

Dieser Brand erfasste große Teile der Nordhäuser Innenstadt. Das Rathaus war verbrannt. Die Türme der Nikolaikirche, auf denen sich die Feuerwache befand, waren von den Flammen angegriffen und zum Einsturz gebracht wurden. Alle Häuser um den Lutherplatz und auch die Wohnhäuser an der Stelle, wo heute die Post steht, waren durch die Flammen vernichtet worden. 

Ausgerechnet an diesem Tag sorgte ein starker Wind dafür, dass sich das Feuer immer weiter ausbreitete und sich der Blasii-Kirche näherte. In seiner Verzweiflung begann Kindervater zu beten. Ob es wirklich an seinem Gebet gelegen hat? Jedenfalls drehte sich der Wind. Er trieb die Flammen zurück, die dann in den bereits verbrannten Häusern keine neue Nahrung mehr fanden und so langsam erloschen.

Ein großer Teil der Innenstadt war gerettet und die Blasii-Kirche unversehrt geblieben. Nicht so die Nikolaikirche hinter dem Rathaus. Das Rathaus selbst war bis auf die Grundmauern abgebrannt, und von der Nikolaikirche hatten die beiden Türme (die damals höchsten Türme von Nordhausen) Feuer gefangen, und nachdem der Dachstuhl verbrannt war, waren die Türme in sich zusammengefallen. Mitsamt den Glocken und der Türmerwohnung.

Pfarrer muss sich plötzlich um 200 Obdachlose kümmern

Als Erstes machten sich die Nordhäuser daran, auf einem der Türme der Blasii-Kirche eine neue Türmerwohnung einzurichten. Auch eine Holztreppe wurde von außen an die Türme gebaut, damit die Familie nicht ständig durch die Kirche laufen musste. Bis heute sind die Reste dieser Wohnung in Blasiis Türmen zu finden.

Erst als das erledigt war, bauten die Nordhäuser ihre Stadt wieder auf. Das war nicht so einfach. Es sollte einige Jahre dauern, bis die vielen Häuser und Wohnungen neu errichtet waren. 

Statt um die 20 Waisenkinder seiner Gemeinde, die kein Dach über dem Kopf hatten, musste sich Kindervater plötzlich um 200 Gemeindeglieder kümmern, die allesamt ihr Hab und Gut verloren hatten. Er tat, was in seinen Kräften stand. Er besuchte und tröstete die Menschen, die ihre Häuser und Familienangehörige in den Flammen verloren hatten. Er vermittelte Quartiere und sammelte Spenden. Und die Menschen, die nicht bei Verwandten oder Freunden unterkamen, durften – bis eine andere Lösung gefunden war – bei ihm im Pfarrhaus wohnen. Zeitweise wohnten dort bis zu sieben Familien.

Warum die Brandbibel ein Nordhäuser Wunder ist

Unter diesen Gästen war Johann Otto, der Pfarrer von der Altendorfer Kirche. Sein Wohnhaus war ebenfalls beim Brand zerstört worden. Kindervater begleitete seinen Amtsbruder eines Tages zu der Stelle, wo noch vor Kurzem das Wohnhaus stand. Die beiden zogen einen Handwagen, weil sie hofften, noch das ein oder andere brauchbare Stück aus der Asche des Hauses hervorziehen zu können. Umso größer war die Enttäuschung, als sie nach langem Stochern in der Asche einsehen mussten, dass nicht einmal mehr das Geschirr noch zu gebrauchen war. Das Feuer hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. 

Otto wollte schon gehen. Kindervater sah einen verkohlten Balken. Den wollte er noch umdrehen. Irgendetwas musste doch noch zu finden sein. Kindervater trat mit dem Fuß gegen den Balken und schob ihn zur Seite. Da kam ein Buch in einem schwarzen, ledernen Einband zum Vorschein.

Otto staunte: „Das gibt es doch nicht. Das ist meine Handbibel, mit der ich jeden Tag meine Andacht halte.“ Er blies die Asche vom Buch und kam aus dem Staunen nicht heraus. Das Buch war völlig unversehrt. Nicht einmal einen Brandfleck hatte es abbekommen.

Waisenhaus-Bibel
Die Waisenhaus-Bibel ist ein kleiner Schatz mit großer Wirkung.© Alisa Behrens

Das konnte kein Zufall sein. Es musste ein Zeichen des Himmels sein. Aber wofür? Tief in Gedanken versunken gingen die beiden zurück ins Blasii-Pfarrhaus.

Am nächsten Morgen sagte Otto: „Eigentlich hatte ich geplant, das Grundstück, auf dem mein Haus stand, zu verkaufen. Es ist eine große Fläche mitten in der Stadt, und es gibt sicher viele Interessenten dafür. Nun aber ist mir durch meine Bibel von Gott ein Zeichen gegeben worden, dass mein Grundstück einem besonderen heiligen Zweck dienen soll. Ich werde mein Grundstück kostenlos dazu hergeben, damit wir auf ihm das so dringend nötige Waisenhaus für Nordhausen errichten können.“ Kindervater starrte seinen Freund an: „Das willst du tun?“ 

„Ja“, antwortete Otto, „ich bin fest entschlossen. Und meine Bibel – ich nenne sie von jetzt an die Brandbibel – soll am Eingang des Waisenhauses für immer in einem Glaskasten liegen und alle Bewohner und Besucher daran erinnern, dass Gott auch im größten Unglück bei uns ist.“

Die ersten Kinder ziehen sieben Jahre später ein

Sieben Jahre nach dem Brand konnten die ersten Waisenkinder in das große Haus einziehen. Die Eröffnung wurde mit einer festlichen Prozession, die in der Blasii-Kirche ihren Anfang nahm, begangen. Ganz vorn ging eines der Waisenkinder und trug auf einem Zinnteller die Brandbibel. Dahinter liefen die beiden Pfarrer im Talar mit den ersten neun Waisenkindern, die in dem Hause wohnen sollten. Ihnen folgten die Herren vom Bauamt und vom Nordhäuser Stadtrat.

Und dahinter lief fast die ganze Bevölkerung Nordhausens. Kaum einer der vielen Menschen war ohne eine Gabe für das Waisenhaus gekommen. Die Bürger trugen Bettgestelle, Bettwäsche, Töpfe und Geschirr, Säcke mit Kartoffeln und Getreide. Es war ein langer Zug – von der Blasii-Kirche durch die Gumpertstraße bis zum Waisenhaus.

Bibel übersteht auch Luftangriff und Sperrmüllaktion

Die Brandbibel wurde noch zweimal gerettet. Zunächst nach dem Luftangriff im April 1945. Damals lag die Bibel in der Sakristei der Nikolaikirche in einer Vitrine aus Glas. Niemand hielt es für möglich, dass die Bibel die Bombardierung der Stadt überstanden hatte. Aber als die Nordhäuser einige Monate später die Trümmer der Nikolaikirche abtrugen, fanden sie zu ihrer Überraschung die Bibel unversehrt unter den Steinen. 

Die Bibel wurde fortan im Altendorfer Pfarrhaus aufbewahrt. Jahre vergingen, und die Pfarrer wechselten. Die Brandbibel geriet in Vergessenheit. Bei einer großen Sperrmüllaktion wurde auch die kostbare Bibel in den Container geworfen. Zum Glück hat sie damals noch jemand gefunden und heimlich gerettet. Viele Jahre galt die Bibel als verschollen. Bis zu dem Tag, an dem sie der Blasii-Gemeinde übergeben wurde. Der damalige Besitzer aber wollte geheim bleiben. 

Und das Waisenhaus? Über Jahrhunderte war es ein Zufluchtsort für Kinder, die in Not geraten waren. Noch heute hängt am Blasii-Pfarrhaus eine Tafel, die an Kindervater und seine Verdienste in Nordhausen erinnert. Und bis heute ist die Blasii-Gemeinde im Besitz der berühmten Brandbibel, die damals den Anlass für den Bau des Waisenhauses gab.

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Damit die Bibel keinen Schaden nimmt und nicht gestohlen wird, hat die Gemeinde sie dem städtischen Museum in der Flohburg als Dauerleihgabe überlassen. Dort liegt sie in einer Vitrine, und jeder Besucher darf sie sehen.