Anke Kretzschmar, der rührigen Leiterin der Mühlberger Kulturscheune, ist wieder eine sehenswerte Ausstellung gelungen. Auf zwei Etagen treffen zwei Menschen aufeinander, die kaum unterschiedlicher sein könnten – und die doch beide aus Mühlberg stammen. Sie trennen 14 Lebensjahre, vor allem aber zwei völlig verschiedene Wege zur Kunst.
Von Gotha nach England
Elke Counsell, geboren 1939 in Berlin als Elke Bauer, hat das Malen gewissermaßen geerbt. Ihr Großvater Wilhelm Brendler, im Hauptberuf Postbeamter, brachte in seiner Freizeit beachtliche Thüringer Motive zu Papier. Die Enkelin besuchte in Gotha die Arnoldischule und legte dort 1957 das Abitur ab. Im selben Jahr siedelte die Familie nach Westdeutschland über – und weil sie aus der DDR kam, musste sie das Abitur wiederholen. In Göttingen studierte sie Englisch auf Lehramt. Dort lernte sie den englischen Chemiker Jack Counsell kennen: die Liebe ihres Lebens.
Lesen Sie auch
1964 heiratete das Paar und zog nach England. Der Beruf als Übersetzerin bei Shell füllte sie nicht aus. Also besuchte sie eine Abendschule und lernte, was sie beim Großvater bewundert hatte. Nach zehn Jahren als Dolmetscherin wagte sie den Sprung in die freie Malerei – und hat ihn nie bereut. Ihre Motive fand sie in der Natur, in den Landschaften ihrer Wahlheimat und auf Reisen, besonders in Norwegen. Sie arbeitete bevorzugt in Öl und Acryl, meist auf quadratischen Formaten. Zwischen 2012 und 2017 stellte sie Arbeiten aus vier Jahrzehnten in fünf Ausstellungen in London und Edinburgh vor, darunter das Gemälde des Gewölbekellers der Westminster Abbey.
Rückkehr nach Deutschland prägt künstlerisches Schaffen
Thüringen ließ sie nie los. Um 2010 lebte sie einige Jahre in Arnstadt in der Rosenstraße, um die heimischen Motive vor Ort auf die Leinwand zu bringen. Damals entstanden die Mühlburg und der alte Gitarrenspieler – beide sind in Mühlberg zu sehen. Die Erkrankung ihres Mannes zwang zur Rückkehr nach England, 2018 starb er dort. 2022 zog sie zur Familie ihres Bruders nach Frankfurt am Main. Einen Teil ihrer Bilder ließ sie bei englischen Freunden; die Schau zeigt, was in Deutschland geblieben ist. Auch ihre Nichte Jule Dobiasch ist mit drei Arbeiten vertreten.
Pinsel zum 70. Geburtstag

Ganz anders Georg Seifarth. Er blieb, wo er 1953 geboren wurde: in Mühlberg. Nach der Schule erlernte er einen Bauberuf, wurde Meister und kennt das Bauwesen von der Planung bis zur Ausführung – vor allem aber den Baustellenalltag mit all seinen Herausforderungen. Zum 70. Geburtstag schenkte ihm seine Frau Pinsel und Farbe. In der Hoffnung, dass er seinen kreativen Geist und sein handwerkliches Geschick auch im Ruhestand nicht aufgibt. Die Bilder zeigen: Der Wunsch ging in Erfüllung.
Seifarth malt mit Acrylfarben in der sogenannten Pouring-und-Rakel-Technik. Dabei trägt er mehrere Farbschichten mit dem Spachtel auf die Leinwand auf. Feine Gitter oder Raster aus Kunststoff werden eingearbeitet, um besondere Effekte zu erzeugen. So entstehen strenge ebenso wie fließende Muster, Ornamente und Flächen jeder Geometrie – Bilder, die den Betrachter zu eigenen Gedanken einladen. „Ein Bild für jede Wand“, sagt er selbst dazu. Figürliches schließt er dabei nicht aus: Seine Arbeiten über den Sinn des Lebens und über die letzte Katastrophe der Menschheit lösen starke Gefühle aus.
Die Ausstellung ist nur noch bis zum 11. Oktober 2026 zu sehen. Wer sie erleben möchte, sollte sich beeilen. Kulturscheune Mühlberg, Telefon 036256 / 22846





