In der Debatte um den künftigen Wehrdienst haben die Bundesbürger mehrheitlich eine überraschend klare Meinung: Fast drei von vier Deutschen befürworten eine allgemeine Dienstpflicht für Männer und Frauen, die bei der Bundeswehr oder in sozialen Einrichtungen abgeleistet werden könnte. Und: Eine Mehrheit ist auch für die Wiedereinführung der Wehrpflicht – am besten für Männer und Frauen. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag unserer Redaktion.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Was das neue Wehrdienst-Modell der Koalition betrifft, gehen die Meinungen sehr auseinander, eindeutig ist nur die Bewertung des möglichen Losverfahrens: Es wird mit großer Mehrheit abgelehnt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Koalition beim Thema Verteidigung nicht ganz die Erwartungen der meisten Wähler trifft – Schwarz-Rot könnte den Bürgern mehr zutrauen als bislang diskutiert.

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Union und SPD hatten sich vorerst nicht für die Wiedereinführung der seit 2011 ausgesetzten Wehrpflicht entscheiden können. Ihr neuer, vergangene Woche ausgehandelter Kompromiss sieht vor, dass die Bundeswehr zusätzliches Personal zunächst allein über einen attraktiveren, freiwilligen Wehrdienst gewinnen soll. Erst wenn die Aufwuchsziele der Truppe verfehlt werden, soll der Bundestag später beraten, ob in einem weiteren Gesetz die Wehrpflicht wieder eingeführt werden muss.

Dieser Ansatz stößt bei den Bundesbürgern auf eine geteilte Meinung: 45 Prozent der Befragten finden den Koalitions-Weg richtig, zunächst auf Freiwilligkeit zu setzen. Fast genauso viele, 44 Prozent, sprechen sich dagegen aus, 11 Prozent sind unentschieden. Die Zustimmung zur Freiwilligkeit fällt unter den 18- bis 29-Jährigen, also unter den Hauptbetroffenen der Wehrdienst-Regelung, mit 50 Prozent etwas stärker aus – aber selbst hier sagen 40 Prozent, die Lösung sei falsch. Anhänger von CDU und CSU finden den Beschluss von Schwarz-Rot sogar zu 58 Prozent falsch, ähnlich das Bild bei Anhängern von AfD und FDP; mehrheitlich Zustimmung findet das Koalitionsmodell bei sechs von zehn Wählern von SPD, Grünen, Linken und BSW.

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Zwei von drei Bürgern wollen die Wehrpflicht zurück

Eindeutiger ist die Meinung zur Wehrpflicht: Zwei von drei Deutschen (68 Prozent) finden, dass die Wehrpflicht wieder eingeführt werden sollte. Allerdings: Die Gruppe der Hauptbetroffenen, die 18- bis 29-Jährigen, ist gespalten – 48 Prozent sind hier für die Wehrpflicht, 42 sagen Nein. Bemerkenswert: Die Anhänger von CDU und CSU sind mit 92 Prozent fast geschlossen für den Pflichtdienst bei der Bundeswehr, den beide Partei auch in ihren Programmen verankert haben. Bei Wählern von SPD, Grünen, FDP und AfD gibt es noch Zustimmungsraten zwischen 60 und 70 Prozent – nur Anhänger von Linken und BSW sind mit rund 55 Prozent dagegen.

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Sollte die seit 2011 ausgesetzte Wehrpflicht reaktiviert werden, befürworten die meisten Bundesbürger den Zwangsdienst für Männer und Frauen gleichermaßen: 70 Prozent der Befragten sind dafür. Auch 58 Prozent der Frauen sagen Ja. Interessant: Am meisten Befürworter findet die Wehrpflicht-Gleichstellung bei Anhängern der Grünen (83 Prozent) noch vor Unions-Wählern (78 Prozent), eine Mehrheit gibt es auch bei Unterstützern von SPD, AfD und Linken.

Überraschend stark ist das Plädoyer für eine allgemeine Dienstpflicht für Männer und Frauen, wie sie etwa Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erneut ins Gespräch gebracht hat und wie sie auch von Unionspolitikern gefordert wird: Der Dienst könnte nach unterschiedlichen Modellen wahlweise bei der Bundeswehr, beim Zivil- oder Katastrophenschutz oder in sozialen Einrichtungen abgeleistet wird. Die Zustimmung ist groß: 72 Prozent der Bundesbürger sind dafür – je älter die Befragten, desto stärker ist die Unterstützung. Von den 18-29-Jährigen sagen 53 Prozent Ja und 37 Prozent Nein (der Rest ist unschlüssig), bei den 30- bis 49-Jährigen zählen schon 66 Prozent zu den Befürwortern, in der Generation 65plus sogar 83 Prozent.

Viel Unterstützung für allgemeine Dienstpflicht

Mit Ausnahme der Anhängerschaften von Linke und BSW findet die Dienstpflicht parteiübergreifend mehrheitlich Zustimmung, Spitzenreiter sind die Wähler der Union mit 93 Prozent, gefolgt von Grünen, SPD, AfD und FDP mit jeweils etwa sieben von 10 Wählern. Um eine allgemeine Dienstpflicht für Männer und Frauen einzuführen oder die Wehrpflicht auf Frauen auszuweiten, müsste allerdings das Grundgesetz geändert werden. Dazu bräuchte es eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag und im Bundesrat: Im Bundestag müsste für eine solche Mehrheit neben Union, SPD und Grünen die AfD zustimmen – oder die Linkspartei, deren Wähler aber mit leichter Tendenz dagegen sind.

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Der Bundespräsident wirbt energisch für eine entsprechende Grundgesetzänderung: „.Nach meiner Überzeugung wäre langfristig eine Pflichtzeit für alle am gerechtesten, die die einen bei der Bundeswehr, die anderen in sozialen Bereichen verrichten“. Unterstützung gibt es im Bundestag. Der Vorsitzende des Bundestags-Verteidigungsausschusses, Thomas Röwekamp (CDU), fordert eine breite gesellschaftliche Debatte über eine allgemeine Dienstpflicht. Gebraucht werde eine Kultur der Verantwortung, die junge Menschen motiviere, sich einzubringen - für die Bundeswehr, im Zivilschutz oder im sozialen Bereich, sagte Röwekamp. „Im Parlament werden wir diese Debatte führen.“

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Allerdings gibt es auch warnende Stimmen: Das Wirtschaftsforschungsinstitut ifo rechnet in einer neuen Studie für das Bundesfinanzministerium mit enormen gesamtwirtschaftlichen Kosten. Eine einjährige Dienstpflicht, die alle etwa 780.000 jungen Leute eines Jahrgangs erfassen würde, würde nicht nur rund 12 Milliarden an Staatsausgaben jährlich erfordern, sondern rund 150 Milliarden Euro wirtschaftliche Kosten verursachen. „In etwa so viel, wie die Mittel aus dem Verteidigungshaushalt und dem Sondervermögen Bundeswehr im Jahr 2024 zusammen“, sagt ifo-Militärexperte Marcel Schlepper.

Freiwilliger Wehrdienst: Jeder Achte könnte sich melden

Die Debatte über die Dienstpflicht nimmt aber gerade erst wieder Fahrt auf. Für die Koalition ist die drängendere Frage: Kann das mit dem freiwilligen Wehrdienst klappen? Für die große Mehrheit der Deutschen (71 Prozent) ist es ausgeschlossen, dass sie sich für den freiwilligen Dienst melden würden. Rund 12 Prozent hingegen geben an, dass sie sehr oder eher wahrscheinlich dazu bereit wären. In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen sagen 13 Prozent, sie würden sich wahrscheinlich zum Wehrdienst melden, 81 Prozent schließen das aus.

Rekruten der Bundeswehr trainieren bei einer Übung in der Westfalen-Kaserne in Ahlen den Angriff mit dem Sturmgewehr G36.
Rekruten der Bundeswehr trainieren bei einer Übung in der Westfalen-Kaserne in Ahlen den Angriff mit dem Sturmgewehr G36. © AFP | Ina Fassbender

Dabei gibt es keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Die größte Bereitschaft äußern Wähler von CDU und CSU (20 Prozent) und der FDP (24 Prozent), bei jenen der SPD sind es 12 Prozent, bei Grünen 8, der AfD 10, der Linken 7 und dem BSW 6 Prozent. Brisant für die Koalition: Sie will notfalls ein Losverfahren zur Auswahl von Wehrpflichtigen einführen, wenn sich nicht genug Freiwillige finden. Das halten allerdings 75 Prozent der Bundesbürger für falsch, die Ablehnung ist parteiübergreifend.

Für die Umfrage hat Civey vom vergangenen Donnerstag bis Montag (13.11. bis 17.11.2025) online rund 5.000 Bundesbürgerinnen und Bundesbürger ab 18 Jahren befragt.