Viele kleine Adern ziehen sich durch ganz Deutschland. Sie sind grün, orange oder lila, das Land erinnert in der Darstellung an ein gut versorgtes Herz, durch das beständig Blut pumpt. Die sorgfältig verzeichneten Adern stehen für Stromtrassen, sie erstrecken sich fein verästelt von Jardelund im Norden bis Krün im Süden und von Bauler im Westen bis Hagenwerder im Osten.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Ein Elektro- und Informationstechnikverband hat den Röntgenblick auf Deutschlands Energieversorgung ins Netz gestellt. „Die interaktive Karte lässt sich zoomen und zeigt die Leitungen, Umspannwerke, Kraftwerke und Peripherie im Detail an“, erläutert der Verband. „Für jede Leitung wird per Klick dargestellt, welcher Spannungsebene sie angehört, ob sie in Betrieb oder in Planung/im Bau ist und über wie viele Stromkreise sie verfügt.“
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Bei der Karte handelt es sich um einen Überblick über das deutsche Höchstspannungsnetz. Wer danach sucht, findet im Internet frei zugänglich weitere Informationen zur Energieinfrastruktur. Nach dem Anschlag in Berlin wachsen bei Behörden und Sicherheitspolitikern die Bedenken gegenüber dieser Offenheit. In der Hauptstadt haben Zehntausende Haushalte tagelang bei Minustemperaturen erlebt, was es heißt, wenn eine der feinen Adern gekappt wird.
Taten wie der Anschlag in Berlin zeigten, wie verwundbar Deutschlands kritische Infrastruktur sei, warnt der Vorsitzende des Geheimdienste-Kontrollgremiums im Bundestag, Marc Henrichmann. „Sie verdeutlichen aber auch mit voller Wucht, dass wir derartige Taten endlich als Weckruf verstehen müssen“, sagt der CDU-Politiker dieser Redaktion. „Unsere Infrastruktur darf nicht länger bis ins letzte Detail offenliegen.“
Experte warnt: „Anschlagsziele werden mit Google Maps quasi frei Haus geliefert“
Die technischen Möglichkeiten machen es leicht, Daten zu erheben, zu verknüpfen, digital verfügbar zu machen. Gerade fliegen, kaum beachtet, kleine einmotorige Propellerflugzeuge über Deutschland. Sie scannen mit einem Laser aus der Luft jede Klinik, Postfiliale und Polizeistation, jeden Baum, jede Anhöhe und jeden Strommast. Aus dem Bildmaterial entsteht Deutschlands Zwilling – ein digitales Abbild.
Nirgendwo ist Deutschland bald so gläsern wie in diesem Großprojekt, das in diesem Jahr vollendet werden soll. Der digitale Zwilling hilft dann bei Bauvorhaben in Städten und Aufforstungen von Wäldern, beliefert aber auch Feuerwehr und Rettungskräfte in Katastrophenfällen mit den wichtigen Geodaten in einer Krisenregion. Die Daten fließen vor allem intern an Verwaltungen und Behörden, sollen besonders gesichert auf Servern gespeichert werden.
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Und dennoch: Ein digitaler Deutschland-Zwilling ist ein attraktives Ziel für Cyberkriminelle und Spione im Netz. Deshalb scheint es im Verteidigungsministerium nicht nur Begeisterung über das Projekt zu geben, wie die „Tagesschau“ unlängst berichtete. Die präzisen Karten zu sicherheitsrelevanten Einrichtungen wie etwa Kasernen, Kraftwerken oder Rechenzentren können Saboteuren helfen – und im Kriegsfall dem Gegner wichtige Informationen für Luftangriffe liefern.
Auch in anderen Ministerien und Behörden sowie in der Energiebranche wird darüber nachgedacht, ob sensible Daten ausreichend geschützt sind. Aber auch darüber, ob in Zeiten zunehmender Sabotage und Spionage eine schädliche Offenheit gepflegt wird. Die im Netz verfügbaren Informationen machen die Vorbereitung eines Anschlags viel einfacher als früher, als ein Ziel vor allem vor Ort ausgespäht werden musste.
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„Allumfassende Transparenz ist unter den heutigen Bedingungen zu einem echten Sicherheitsrisiko geworden“, warnt CDU-Sicherheitspolitiker Henrichmann. „Anschlagsziele werden mit Google Maps quasi frei Haus geliefert.“ Mit dem Online-Kartendienst lässt sich per Satellitenbild gut die Kabelbrücke erkennen, die vom Heizkraftwerk in Berlin-Lichterfelde über den Teltow-Kanal führt – und die das Ziel des Brandanschlags in der Hauptstadt war. „Es ist zentral, dass Sicherheit unserer Lebensadern zukünftig von Anfang an und nicht erst im Angriffsfall mitgedacht wird.“
Entsprechende Bedenken gab es schon vor dem Anschlag in Berlin. Im Bundestag liegt der Entwurf eines Gesetzes für den besseren Schutz kritischer Anlagen zur Beratung, das Kritis-Dachgesetz. Anlässlich einer Expertenanhörung am 1. Dezember warnte der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), dass gesetzlich vorgegebene Transparenzpflichten für Betreiber ein Risiko seien angesichts „der Möglichkeiten KI-basierter Suchmaschinen und Algorithmen, Informationen aus frei zugänglichen Quellen systematisch zu sammeln, aufzubereiten und für Angriffe zu nutzen“.

Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) kritisiert ebenfalls, dass beispielsweise Netzbetreiber Strukturdaten ihres Netzes im Internet veröffentlichen müssten. „Die aktuellen Transparenzregeln machen es Angreifern zu leicht, etwaige Schwachstellen in unseren Energienetzen aufzuspüren“, warnt ein VKU-Sprecher. „Kritische Infrastrukturen dürfen nicht im Schaufenster stehen.“ Schlimmstenfalls würden sicherheitsrelevante Standortdaten preisgegeben, die zur Gebrauchsanweisung für Sabotage oder hybride Angriffe – etwa mit Drohnen – werden könnten.
„Informationen über den Standort und die Leistung sensibler Anlagen sollten so stark vereinfacht werden, dass sie aus Sicherheitsgründen unbedenklich sind“, sagt der VKU-Sprecher dieser Redaktion. Der BDEW fordert ebenfalls mehr Verschwiegenheit und schlägt vor, dass nachvollziehbar sein muss, wer auf Behördenportalen Infrastrukturdaten abruft. Sensible Daten in Ausschreibungen sollten außerdem nur noch „einem klar abgegrenzten Kreis“ mit „nachgewiesenem Interesse“ zugänglich sein.
Schutz kritischer Infrastruktur: Innenministerium drängt zur Eile
Bundesregierung und Sicherheitsbehörden beschäftigen sich auch vor dem Hintergrund des Konflikts mit Russland intensiv damit, wie Seekabel, Energieleitungen, Bahntrassen, Industrieanlagen und Kasernen gegen Drohnenschwärme, Spionage und Sabotage geschützt werden können. „Der Staat muss schnell und entschlossen handeln, wir dürfen beim Schutz der kritischen Infrastruktur keine weitere Zeit verlieren“, drängt der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Christoph de Vries (CDU), zur Eile.
In einem ersten Schritt solle jetzt das Kritis-Dachgesetz zügig beschlossen werden. „Das Gesetz verpflichtet Betreiber kritischer Infrastrukturen im Energiesektor oder bei der Gesundheitsversorgung, regelmäßige Risikoanalysen vorzunehmen und notwendige Schutzmaßnahmen zu ergreifen“, sagt de Vries dieser Redaktion. Weitere Schritte müssten folgen. Die gesetzlichen Transparenzverpflichtungen seien eine Einladung, „kritische Infrastruktur gezielt und wirksam anzugreifen“.
Es dürfte lange dauern, die intimen Daten aus dem Netz zu tilgen. Aber das Ziel muss nach Ansicht von Sicherheitsexperte Henrichmann klar sein: „Mit wenigen Klicks kritische Infrastruktur detailliert auszuspionieren und dadurch Taten vorzuplanen muss künftig unmöglich gemacht werden.“










