- In Weimar wird das Buch „Die neue Mauer“ vorgestellt.
- Bodo Ramelow (Linke) und Ilko Sascha-Kowalczuk trennt politisch viel, aber es gibt auch Verbindendes.
- Das Festival Lesarten endet in Weimar Ende März 2026.
Ein Projekt mit Bodo Ramelow (Linke)? „Da habe ich erst einmal geschluckt.“ Ilko-Sascha Kowalczuk macht aus seinem Herzen keine Mördergrube, als er am Freitagabend gemeinsam mit dem früheren Thüringer Ministerpräsidenten und heutigen Bundestags-Vize auf der Bühne in der Weimarer Redoute sitzt. Die beiden Männer haben mit dem Buch „Die neue Mauer“ Maßstäbe gesetzt in der Frage: Wie streiten wir heute miteinander, auch wenn uns politisch nicht viel eint?
Ramelow beklagt Vernachlässigung ostdeutscher Errungenschaften bei der Einheit
Im Rahmen der „Weimarer Lesarten“ dürfen 180 Zuhörer einen Eindruck davon gewinnen, wie respektvoll beide – moderiert von TLZ-Chefredakteurin Gerlinde Sommer – miteinander umgehen, auch dann, wenn sie eben nicht übereinstimmen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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So gehört Ramelow, einst als Gewerkschafter aus dem Westen nach Thüringen gekommen, zu denen, die scharf kritisieren, dass das DDR-System bei der Einheit komplett hinten heruntergefallen ist. Längeres gemeinsames Lernen? Abgeschafft. Unterrichtstag in der Praxis? Abgeschafft. Die Liste ließe sich beliebig erweitern. So beklagt Ramelow das auch an diesem Abend, sagt aber auch, dass er heute, im Rückspiegel der Geschichte, einsieht, dass die Einheit politisch so schnell habe kommen müssen. „Im Juli 1990 habe ich das noch gegeißelt.“
Diese DDR hatten alle satt. Selbst die Leute im Politbüro.
Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker und Buchautor
Und doch bleibt die Frage offen: Warum hat es das Gute aus der DDR, das heute teilweise neu belebt wird, nicht herübergeschafft in die Welt des wiedervereinigten Deutschland? Und wie ist das Wehklagen genau darüber zu deuten? Den Versuch unternimmt Ilko-Sascha Kowalczuk und widerspricht dabei auch Ramelow. Nicht, weil der aus seiner Sicht Falsches ausspricht, aber Entscheidendes weggelassen hat. Wer wollte sich eigentlich im Juli 1990, wenige Monate vor dem Tag der Deutschen Einheit, darüber unterhalten, was aus der DDR in den Westen zu überführen möglich wäre? „Diese Debatte wollte niemand führen. Nicht im Westen, aber auch nicht im Osten“, sagt Kowalczuk und macht damit deutlich, was aus seiner Sicht nicht auszublenden ist: Was heute beklagt wird, konnte weiland wohl nicht geändert werden, weil die Gesellschaft es auf dem Weg zum wiedervereinigten Deutschland eben nicht gewollt habe. Ihm geht es spürbar darum, wie er sagt, „die ewig gleiche ostdeutsche Opferrolle“ zurückzuweisen.
Es soll übrigens der einzige Teil bleiben, bei dem die beiden Männer, die politisch nicht viel verbindet, ihre zum Teil unterschiedlichen Sichtweisen deutlich machen. Ramelow beschreibt übrigens eine gewisse Neugierde auf den Historiker Kowalczuk und damit auch seine Zuneigung zu dem gemeinsamen Projekt. „Ich wollte ihn ja immer schon mal kennenlernen“, sagt der 70-Jährige. Über seine Beiträge sei er stets in der digitalen Welt gestolpert. Es seien Beiträge gewesen, die wehgetan haben. Auch deshalb, weil sie auch mit seiner, der SED-Nachfolgepartei, hart ins Gericht gehen.
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Die Gespräche zum Buch führten die beiden Männer dann mitten im Bundestagswahlkampf, als Ramelow mit Gregor Gysi und Dietmar Bartsch sich plötzlich aufmachte, um die Linke zu retten – und dort viel erklären musste. Oder wie er sagt: „Meine Mitstreiter in der Brigade Silberlocke reagieren allergisch auf den Namen Kowalczuk.“
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Und dann gibt es neben den Unterschieden und dem, was man getrost als Unterhaltung bezeichnen darf, noch das, was die beiden Männer eint – ihren Einsatz dafür, dass die demokratische Grundordnung bleibt, auch wenn sie von außen angegriffen wird. Auch das wird an diesem Abend mehr als einmal deutlich.
Die „Leserarten“ bieten noch bis 1. April zahlreiche unterschiedliche Veranstaltungen – das Programm gibt es hier.







