Aus der Ukraine sind in den letzten Monaten Zigtausende junge Männer nach Deutschland geflüchtet, während die ukrainische Armee händeringend Soldaten sucht. Jetzt tritt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) scharf auf die Bremse: Die Zahl der jungen Ukrainer, die sich in Deutschland aufhalten, müsse reduziert werden, forderte Merz bei einer Pressekonferenz mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Berlin. Ein solcher Schritt sei unverzichtbar, um die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern. „Wir brauchen schnelle Fortschritte im Interesse beider Seiten“, drängte Merz, der Selenskyj zuvor im Rahmen von deutsch-ukrainischen Regierungskonsultationen zu einem Vier-Augen-Gespräch empfangen hatte.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Selenskyj stimmte zu: Die Rückkehr wehrfähiger junger Männer sei „eine Frage der Fairness“ und sei notwendig, um die an der Front eingesetzten Soldaten im Rahmen der Rotation ablösen zu können. Es gebe in der Ukraine verfassungsrechtliche Pflichten zur Verteidigung für alle Bürger, die dazu in der Lage seien.

Aktuelle News zum Ukraine-Krieg
Ukraine: Viele junge Männer verließen nach Gesetzeslockerung das Land
Hintergrund: Seit August 2025 dürfen in der Ukraine wehrfähige Männer im Alter zwischen 18 und 22 Jahren das Land verlassen. Vorher war das aufgrund der russischen Invasion nur in Ausnahmen möglich. Die Regierung in Kiew begründete die Gesetzeserleichterung unter anderem damit, dass die jungen Männer Erfahrungen im Ausland sammeln sollen – die später der Ukraine zugutekommen würden. Doch die absehbare Folge: Laut Schätzungen aus dem vergangenen Jahr sollen mindestens 100.000 Ukrainer ihre Heimat nach der Gesetzesänderung im August verlassen haben – in Deutschland meldeten sich zeitweise mehrere tausend Ukrainer in der Woche. Ende Oktober 2025 hielten sich nach Regierungsangaben 257.000 ukrainische Männer im Alter von 18 bis 45 Jahren in Deutschland auf.
Merz hatte sich ähnlich wie Unionspolitiker schon Ende des vergangenen Jahres für eine Wende ausgesprochen, nun hebt er das Thema auf eine neue, offizielle Ebene. „Wir müssen das Mobilisierungsthema in den Griff bekommen“, heißt es dazu in Regierungskreisen in Berlin. Die Bundesregierung sei immer großzügig gewesen, doch die Ukraine müsse ihre Leute auch nach Hause holen, die jungen Männer würden in ihrer Heimat gebraucht.
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Deutschland und die Ukraine: Mehr Zusammenarbeit bei Verteidigung und Wiederaufbau vereinbart
Die Rückkehrbemühungen sollen jetzt durch ein neues Beratungszentrum für rückkehrwillige Ukrainerinnen und Ukrainer in Berlin verstärkt werden. Das Zentrum („Unity Hub“) eröffneten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und der ukrainische Sozialminister Denis Uljutin am Rande der Regierungskonsultationen. Die Einrichtung solle vor allem zu einer möglichen Rückkehr in ihre Heimat und zu ihren Perspektiven beraten, sagte Dobrindt. Nach dem Berliner Zentrum sollen weitere ähnliche Einrichtungen in Deutschland und Europa entstehen.
Merz und Selenskyj machten aber deutlich, dass die Rückkehr-Frage ihre Zusammenarbeit nicht belasten soll: Bei den Regierungskonsultationen vereinbarten beide den Ausbau der politischen und militärischen Zusammenarbeit. Die Beziehungen würden auf die Ebene einer strategischen Partnerschaft gehoben, sagte Merz. Unterzeichnet wurden eine Kooperationsvereinbarung zur Verteidigungszusammenarbeit und eine Absichtserklärung zur Förderung des Wiederaufbaus.
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Der Schulterschluss hilft der Ukraine in schwieriger Lage. Russland beginnt jetzt im Donbass eine Frühjahrsoffensive, zum Teil gelingen den russischen Truppen unter hohen Verlusten kleine Durchbrüche. Währenddessen verstärkt US-Präsident Donald Trump den Druck auf Selenskyj, einem weitreichenden Gebietsverzicht in der Ostukraine zuzustimmen, um die seit Längerem stockenden Friedensgespräche doch noch voranzubringen.
Der Iran-Krieg verschärft die Nachschubprobleme
Zwar kann die Ukraine auf neue Erfolge bei der Drohnentechnologie verweisen, zuletzt gelang den Streitkräften so ein halbes Dutzend Angriffe auf russische Ölterminals an der Ostsee, die Russlands Exportkapazitäten ausgerechnet in Zeiten gestiegener Ölpreise deutlich reduzieren. Im Kanzleramt besichtigten Merz und Selenskyj passenderweise eine improvisierte Ausstellung von Drohnen, die in deutsch-ukrainischer Gemeinschaftsproduktion entstanden sind. Den Großteil der im Krieg eingesetzten Waffen produziere die Ukraine heute selber, sagte Selenskyj, doch fehle das Geld, um die Produktion zu steigern. Merz drängte auch deshalb darauf, dass nun der Kredit der EU über 90 Milliarden Euro für Kiew schnell freigegeben wird, nachdem die Blockade durch die Ungarn mit der Wahlniederlage von Premier Viktor Orban absehbar zu Ende geht.

Selenskyj machte deutlich, dass die militärische Kooperation für ihn akut weiter im Vordergrund der Beziehungen steht: Die Ukraine brauche vor allem weitere Raketenabwehr-Waffen. Das zielt auf das deutsche System Iris-T, von dem jetzt in Berlin weitere Startgeräte zugesagt wurden, ebenso wie die in den USA hergestellten Patriot-Abwehrsysteme, die von den Europäern bestellt und bezahlt und dann an Kiew weitergereicht werden. Der Iran-Krieg hat die ohnehin bestehenden Nachschubprobleme noch verschärft. Die US-Streitkräfte haben bei den Angriffen auf den Iran ihre Arsenale zum Teil leer geschossen, was noch da ist, behalten sie erst mal lieber selbst. Erste Lieferungen an europäische Kunden haben die USA um Jahre verschoben, die Ukraine fürchtet, dass auch sie jetzt zurückstecken muss.
Patriot-Systeme: Deutschland sagt Ukraine 35 Abwehrraketen zu
Die Patriot-Systeme braucht die Ukraine aber dringend, um zuverlässig russische Angriffe mit ballistischen Raketen abzuwehren. Das sei seine größte Sorge, hat Selenskyj vor dem Besuch erklärt. In Berlin blieb er bei dem Thema wortkarg. Immerhin hatte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) zusammen mit anderen EU-Staaten ein Hilfspaket organisiert, das der Ukraine kurzfristig zumindest 35 Patriot-Abwehrraketen verspricht.
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Auf längere Frist ist die Zusage gedacht, der Ukraine die Lieferung von mehreren hundert Patriot-Raketen vom US-Rüstungskonzern Raytheon zu finanzieren und ebenso den Bau weitreichender Präzisionswaffen – beides dürfte lange dauern. Ein Abkommen, das Pistorius mit seinem ukrainischen Kollegen Mychailo Fedorow unterzeichnete, sieht zudem die Gemeinschaftsproduktion von Drohnen mittlerer und großer Reichweite in großem Maßstab vor.

Eine Absichtserklärung wurde am Rande der Konsultationen auch zur Förderung des Wiederaufbaus unterzeichnet. Doch noch ist ein großflächiger Wiederaufbau gar nicht möglich. Die Gespräche über einen Waffenstillstand stocken. Die Bundesregierung versucht im Hintergrund, bei künftigen Runden die Europäer wieder ins Spiel zu bringen: Europa müsse Teil des Prozesses und der Friedensvereinbarung sein, sagte Merz. Eine Teilnahme Deutschlands sei auch deshalb unverzichtbar, weil es mit Abstand größter Unterstützer der Ukraine sei. „Es wird keine Verabredungen mit Russland über die Köpfe der Europäer hinweg geben“, betonte der Kanzler.











