Liebe Leserin, lieber Leser,

stellen Sie sich vor, Sie haben im Alter immer einen Gefährten, der gute Laune hat, der Sie motiviert, positiv zu denken, der immer Lust hat, mit Ihnen zu sprechen, und der nie müde wird, den immer gleichen Geschichten aus der Vergangenheit zuzuhören. Nimmt dieser Gedanke nicht alle Angst vor Einsamkeit, wenn der Körper nicht mehr mitmacht, der Partner nicht mehr lebt, die Kinder und Enkel weit weg wohnen? Wenn überhaupt Kinder und Enkel da sind.

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Tatsächlich gibt es jemanden, der immer und überall als Waffe gegen Einsamkeit eingesetzt werden kann. Nur ist es keine Person, auch wenn sie Kulleraugen hat. Es ist ein Roboter. Im Pflegeheim, das meine Kollegin Nina Noire Kugler besucht hat, nennen sie ihn Willi. Und dieser fröhliche Kerl, in dessen Körper Kameras, Mikrofone, Prozessoren und Sensoren verbaut sind, dessen Gehirn und Herz von Künstlicher Intelligenz gesteuert wird, unterstützt die Pflegekräfte, wenn sie einfach keine Zeit mehr dafür haben, Gespräche zu führen, Ratschläge zu erteilen und immer wieder Lebensmut zuzusprechen. Die 93-jährige Valentina Hagemann hat ihn längst in ihr Herz geschlossen. „Ich finde Willi toll“, wird sie in der Reportage zitiert. Sie häkelt ihm sogar Mützchen.

Soll so wirklich die Zukunft aussehen, wenn es zu wenig Pflegekräfte gibt für immer mehr Alte? Wenn Schichtdienste und schwere Arbeit bei mäßiger Bezahlung obendrein den Job unattraktiv machen? Mein Kollege Jörg Quoos setzt eher auf Netzwerke. In den Familien, in den Nachbarschaften. Auf Ansprache von Mensch zu Mensch, schreibt er in seinem Kommentar.

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Birgitta Stauber, Textchefin© Montage | FMG/Reto Klar/FFS

Ich denke an die alten Menschen in meiner Familie. Auch wenn sich Kinder und Enkel kümmern, auch wenn sie Ausflüge machen mit Nachbarn und Busreisen mit der Kirchengemeinde, auch wenn sie für den Englisch-Kurs Vokabeln lernen: Sie haben mitunter Langeweile. Dazu der Körper, der abhängig macht von Organisation, von Unterstützung. Und das sorgt für Frust. Aber ob da der Willi helfen könnte?

Ein Roboter zur Unterhaltung? Der alte Herr hätte ihn aus dem Fenster geworfen

Da ist der alte Herr, der vor seinem Tod viel allein in seiner Wohnung war. Hilfe der Nachbarn wies er recht brüsk zurück. Den Willi hätte er wohl eher über die Balkonbrüstung geworfen, als sich mit ihm die Zeit zu vertreiben. Andere hätten womöglich Spaß an ihm. Weil er wirklich zuhört, nicht kritisiert, keinen Familienkrach heraufbeschwört. Aber gerade diese heile, widerspruchslose Welt ist es, die mich besonders abschreckt. Also: Lieber den Familienkrach an Weihnachten riskieren als die Senioren einem Roboter überlassen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Ob Heim oder eigene Wohnung: Für ältere Menschen ist neben guter Pflege nicht nur die persönliche Zuwendung wichtig, um Demenz und vielen körperlichen Erkrankungen vorzubeugen, sondern auch gesunde Ernährung. Also sollte es selbstverständlich sein, dass in den Menüs der Alten- und Pflegeheime genügend Gemüse und pflanzliche wie tierische Proteine enthalten sind.

Das kennt ja jeder, der mal im Krankenhaus war: Selbst bei lebensbedrohlichen Krankheiten, selbst wenn Ärztinnen und Ärzte und das Pflegepersonal maximalen Aufwand betreiben, teure Technik und Medikamente einsetzen – zum Abendbrot gibt es Graubrot mit Schmelzkäse, mittags Bratwurst mit Soße. Für den kranken und alten Körper zu fett, zu salzig, zu süß, zu nährstoffarm. Mein Kollege Dominik Bath ist dabei, sich den Wirtschaftsfaktor Ernährung im Seniorenheim genauer anzusehen. Schließlich werden die Betreiber regelrecht umgarnt von Caterern, die versprechen, leckeres und gesundes Essen zu liefern, ohne das Budget von etwas mehr als sieben Euro pro Person und Tag zu sprengen. Den Heimbewohnern laufen aber mitunter Tränen der Verzweiflung beim Essen über die Wangen. Zu weich, zu wässrig oder wie Kleister, so lauten die Klagen. Ich werde in der kommenden Woche berichten, was mein Kollege herausgefunden hat.

Diese fünf Schwestern kämpfen für die Rechte der Frauen

Schließlich ist gutes Essen wohl der wichtigste Kitt für soziales Leben. Gemeinsam kochen, gemeinsam am Tisch sitzen und reden: Das hält Familien und Freundschaften zusammen. So ist es auch bei der jesidischen Familie Tekkal. Die Eltern stammen aus dem kurdischen Teil der Türkei, sie zogen als Gastarbeiter in den 1970er-Jahren nach Hannover und zogen dort elf Kinder (!) groß. Die fünf Töchter Düzen, Tezcan, Tuğba, Tuna und Tülin starteten in eine vielversprechende Zukunft als Journalistin, Profifußballerin oder Immobilienkauffrau. Doch dann machte ihnen der sogenannte Islamische Staat einen Strich durch die Rechnung: Als die Terrororganisation 2014 Jesiden aus den Kurdengebieten verschleppte, ermordete, die Frauen versklavte und vergewaltigte, reiste Düzen Tekkal, die Journalistin, in den Irak, wo sie den Horror hautnah miterlebte und einen Film drehte.

Sie machen sichtbar, was Menschen mit Menschen anrichten: Düzen Tekkal, Tuna Tekkal, auf dem Bildschirm Tugba Tuğba, Tezcan Tekkal und Tülin Tekkal (v.l.).
Düzen, Tezcan, Tuğba, Tuna und Tülin (v. l.) kämpfen für die Rechte der Frauen.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Wieder zu Hause gründete sie mit ihren Schwestern die Hilfsorganisation Háwar.help. Zunächst ging es vor allem um die Jesiden, inzwischen ist Háwar.help eine international tätige NGO, die gegen Menschenrechtsverletzungen kämpft. Ich habe die fünf Schwestern in ihrem Büro in Berlin besucht und einen quirligen Nachmittag voll guter Laune und Lebensfreude erlebt. Lesen Sie hier, was die Schwestern, die längst über die sozialen Medien eine Millionenreichweite haben, antreibt, wie sie ihre Kindheit in ihrer Großfamilie in Hannover erlebt haben und was der Engel Pfau, der im Zentrum der jesidischen Religion steht, damit zu tun hat. Hinter jeder der fünf Schwestern steckt jedenfalls eine ganz besondere Aufsteigergeschichte.

Der Bahnsteig ist kein Partykeller

Was in dieser Woche abseits der politischen Querelen (dazu gleich mehr) bei unseren Leserinnen und Lesern auf großes Interesse stieß, war das Alkoholverbot, das demnächst auf den deutschen Bahnhöfen gelten soll. Die Bahn fürchtet zunehmend um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter und der Fahrgäste. Tatsächlich kommt es immer wieder zu gefährlichen Rangeleien auf Bahnhöfen und in Zügen. Aber bringt ein Verbot wirklich etwas? Sind Bahnhöfe überhaupt Kriminalitätshotspots? Wie lässt sich ein Verbot durchsetzen? Und was ist bei Großveranstaltungen wie Oktoberfest oder Karneval? Lesen Sie die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Klar ist: In den gastronomischen Betrieben und auch im Zug darf weiterhin getrunken werden. Ich verstehe die Kritik an der Aktion; wer will schon kontrollieren, ob Menschen auf Bahnhöfen Kaffee im Thermosbecher haben oder einen Gin Tonic? Ich habe auch gar nichts gegen ein Feierabendbier auf der Heimreise. Allerdings nerven mich besoffene Fahrgäste und Urlauber, die den Bahnsteig oder das Abteil zum Partykeller machen, schreibe ich in meinem Kommentar.

Die Merz-Regierung versucht den neuen Aufschlag

Nun zum Thema der Woche: Friedrich Merz hat den Rückzug von Jens Spahn als Fraktionschef zum Anlass genommen, seine Regierung und das Kanzleramt ordentlich umzubauen. Wir haben dazu eine Menge Texte geschrieben, in denen unser Regierungsteam erläutert, was etwa hinter der Personalie Nina Warken steckt. Die bisherige Gesundheitsministerin wird als Kanzleramtschefin die Regierungsmanagerin an der Seite von Friedrich Merz. Ihren Posten übernimmt der bisherige CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann. Patrick Schnieder, Verkehrsminister, muss wohl auch seinen Posten abgeben. Dazu gibt es noch etliche Fragen.

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Friedrich Merz (2. v. r.) mit Nina Warken, Philipp Amthor und Carsten Linnemann (r.) auf dem Weg zur Pressekonferenz. © AFP | Tobias Schwarz

Besonders gut kennen sich unsere Hauptstadt-Korrespondenten Julia Emmrich und Jan Dörner im Berliner Politik-Betrieb aus. Im FUNKE-Podcast „Rambo Zambo“ analysieren sie die große Rochade des Bundeskanzlers.

Ich hoffe, dass Friedrich Merz Erfolg mit seiner Neuaufstellung hat. Denn ein wenig Ruhe in der Regierung ist bitter nötig – vor allem vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, wo die AfD Chancen hat, den Ministerpräsidenten zu stellen.

Wie immer wünsche ich Ihnen einen erholsamen Sonntag. Genießen Sie ihn, bevor es wieder richtig heiß wird.

Ihre Birgitta Stauber