
Ihre Mutter hatte sich gewünscht, dass ihre fünf Töchter jeweils einen jesidischen Mann geheiratet hätten, der ihnen Sicherheit bietet und für sie sorgt. Und wenn sie den nicht finden, dann sollen sie wenigstens für sich selbst sorgen. An die Rente denken.
Doch Düzen, Tezcan, Tugba, Tülin und Tuna haben weder einen jesidischen noch sonst irgendeinen Mann, der für sie sorgt. Und sie nutzen auch nicht ihre begonnene Karriere als Fußballerin, Immobilienkauffrau oder Journalistin, um sich abzusichern. Die fünf Schwestern der Großfamilie Tekkal setzen ihr Können, ihre Intelligenz und ihren Ehrgeiz ein, um den Hilferuf von Frauen aus ihrer Heimat Kurdistan, aus Afghanistan und auch dem Iran in die Welt zu tragen. „Dieser Ruf ist stärker als unsere Angst“, sagt Düzen Tekkal (47), die älteste der fünf Schwestern.
Es war im Jahr 2014, als die junge RTL-Journalistin während eines Drehs in einem Altenheim Hilferufe aus der Heimat ihrer Eltern bekam. „Hawar“, so riefen sie über Facebook in ihr Handy, das kurdische Wort für Hilfe. Zur Erinnerung: Im Jahr 2014 begann der systematische Völkermord der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS). Männer und ältere Frauen wurden getötet, Jungen als Kindersoldaten missbraucht. Die jüngeren Frauen und Mädchen wurden versklavt, systematisch vergewaltigt und misshandelt. Laut UN vertrieb die Terrororganisation 400.000 Menschen, bis zu 10.000 starben, 7000 gelten als entführt.
Lieben Sie gut recherchierte Geschichten, spannende Interviews und Reportagen?
Textchefin Birgitta Stauber sucht sie in ihrem Newsletter „Das Beste am Sonntag“ für Sie aus, eingebettet in ein persönliches Editorial. Kostenlos abonnieren können Sie den Newsletter hier.
Die Hilferufe ließen Düzen Tekkal keine Ruhe. Schließlich reiste sie gegen den großen Widerstand ihrer Mutter in den Irak. „Du hast doch Glück, du bist hier in Deutschland, du bist in Sicherheit“, habe ihr die Mutter gesagt. Doch Düzen geriet in einen Schockzustand. „Da passiert etwas, was man nicht für möglich gehalten hat: Jesiden werden gerade umgebracht, geschlachtet, hingerichtet, weil sie Jesiden sind. Und das war ja immer unsere Urangst.“
Der Engel Pfau steht im Zentrum der jesidischen Religion
Tatsächlich steht das kleine Volk der Jesiden – Schätzungen gehen von einer Million Menschen aus – auf der untersten Stufe in der islamischen Welt. Hauptsiedlungsgebiete sind die Kurdenregion im Nordirak, im Nordosten Syriens, im Südosten der Türkei und im Westiran. Sie glauben an einen einzigen Gott und sieben Erzengel. Im Zentrum steht Melek Taus, der Engel in Pfauengestalt. Er gilt als Gottes Stellvertreter auf Erden. Die Religion kennt weder eine Hölle noch den Teufel. Der Tod ist nicht das endgültige Ende, vielmehr verlässt die unsterbliche Seele den Körper und zieht in eine neue menschliche Hülle weiter. Vor allem Extremisten des Islam verachten die Gemeinschaft. Für sie gelten Jesiden als „Ungläubige“ ohne Rechte, den Engel Pfau betrachten sie als Teufel.
Als Düzen Tekkal die Hilferufe hörte, kam ihre Urangst hoch, die von den Erzählungen der Eltern, der Onkel, Tanten und der Großmutter tief in ihr sitzt. Doch vom sicheren Deutschland aus die Lage zu beobachten, war ihr nicht genug. Also schlug sie die Warnungen ihrer Mutter in den Wind und reiste mit ihrem Vater in den Irak, nach Erbil. Was sie dort erlebte, davon erzählt das wandfüllende Foto in den Räumen der Hilfsorganisation Hawar.help, die sie daraufhin gründete. Im Zentrum steht das sechsjährige Mädchen Rafah. Der IS hat den Vater umgebracht und die 15-jährige Schwester verschleppt. In Rafahs Blick spiegelt sich das Grauen wider, das die IS-Terroristen über ihre Familie gebracht haben. Um das Kind herum sitzen Frauen und auch einige Männer erschöpft auf dem Boden. Ein starkes, aber auch anstrengendes Foto, das immer wieder daran erinnern soll, worum es den Tekkal-Schwestern geht: Sie wollen sichtbar machen, was Menschen mit Menschen anrichten.
„Ich konnte mich mit der Merkel-CDU identifizieren.“
Düzen Tekkal, Menschenrechtsaktivistin
Inzwischen gehört Hawar.help zu den großen deutschen Menschenrechtsorganisationen, die 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind international aktiv. Zu der NGO gehört auch „German Dream“, eine Bildungsinitiative, für die Botschafter an Schulen gehen, um über Demokratie, Chancen und Vielfalt zu sprechen. Sowie die „Scoring Girls“, ein Fußballprojekt, das Mädchen mit Migrations- und Fluchterfahrung Selbstvertrauen geben soll. Düzens vier Schwestern Tezcan, Tuna, Tugba und Tülin stehen im Zentrum der Programme.
Was ist das für eine Geschwisternummer? Was treibt euch an?
So schwer die Geschichte hinter Hawar.help auf den Schwestern lastet: Die Stimmung beim Besuch in den Berliner Büroräumen erinnert eher an ein fröhliches Get-together. Die Schwestern reden durcheinander. Legt der Blazer nicht zu viel Dekolleté frei? Was ist die beste Pose? Hat jemand Rouge? Beim Blitzlichtgewitter des Fotografen fallen sie sich ins Wort, tauschen Plätze, während Tezcans zehn Monate alte Tochter in der Wippe einem kurdischen Kinderlied lauscht. Mittendrin der Laptop, der die Verbindung zu Tugba sichert, die in Köln lebt.
So ähnlich wie ihre Namen klingen, so sehr ähneln sich die Gesichter. Und doch hat jede ihre eigene Geschichte und vor allem ihren eigenen Charakter. Düzen, die Älteste, wirkt wie ein ruhender Pol. Immer wieder blickt sie ins Leere, scheint tief in Gedanken versunken. Aufrecht posiert sie mit Blazer, High Heels und schwarzer Jeans. Tülin (34), die Jüngste, trägt Basecap zur Bomberjacke, Tuna (46) schwere Ohrringe, Tezcan (38) hängt lässig im Sessel.

Was ist das für eine Geschwisternummer, die ihr hier macht? Was treibt euch an? Warum werft ihr eure guten Jobs weg? Um das zu verstehen, ist ein Blick in die Familiengeschichte nötig: Düzen, Tezcan, Tugba, Tuna und Tülin sind Teil einer elfköpfigen Geschwisterschar. Vater, Mutter und die beiden ältesten Geschwister kamen in den 1970er-Jahren aus dem türkischen Diyarbakir nach Deutschland. Die Eltern waren die Diskriminierungen in ihrer Heimat leid. „Da liegen Feindbilder zugrunde, und es ist heute noch so, dass man bei Jesiden nicht essen geht, sie gelten als ungläubig, als Teufelsanbeter, als dreckig.“ Der Vater und die Mutter seien damals „vogelfrei“ gewesen. „Sie waren als Jesiden zum Abschuss freigegeben.“
Auch interessant
Düzen hatte die guten Noten, Tuğba das Fußballtalent, Tülin wollte Spaß
Der Vater, ein Handwerker, nutzte schließlich die Anwerbung türkischer Gastarbeiter. Zunächst lebte die jesidische Familie in Hannover in einer Vier-Zimmer-Wohnung mit Matratzenlager im Wohnzimmer, später in einem Haus. Die Geschwister kletterten über den Zaun ins Freibad, für den Eintritt war kein Geld da. Sie spielten auf Baustellen, ignorierten Verbotsschilder.
Während Düzen lernte und gute Noten nach Hause brachte, wehrte sich Tugba (41) gegen Mobbing und Diskriminierung. „Ich war auf der Hauptschule, habe ziemlich viel Mist gebaut“, sagt sie. Bis sie sich auf dem Bolzplatz mit ihrem Fußballtalent durchsetzte, das sie für den 1. FC Köln in die Bundesliga führte.

Wenn die Geschwister von ihren wilden Nachmittagen zurückkamen, starteten Grillabende bis in die Nacht, bei denen Eltern, Onkel und Tanten heiß diskutierten über Unterdrückung, Verfolgung, Identität. „Grillen ist für mich Familie, Zuwendung, Zusammenhalt“, sagt Tülin. Und die Familie blieb dabei nicht unter sich: Da war die Oma, die 107 Jahre alt wurde und meist vor der Tür saß. Eine Tür, die ohnehin immer offenstand für die vielen Verwandten, die in der Umgebung wohnten.

Tülin erinnert sich an die Schattenseiten der Großfamilie: „Es gab keine Privatsphäre.“ Als sie nach ein paar Semestern Politikwissenschaft auszog, hatte sie noch den Traum von einem Job, der „irgendwas mit internationalen Beziehungen“ zu tun hat. Und sie wollte Spaß haben und Musik machen. „Da ist diese Freude, die mich ausmacht.“ Doch sie sei auch geprägt gewesen von diesen Debatten, „von dem Jesidischsein“, sagt sie. Das Basecap hat sie tief in die Stirn gezogen, und doch blitzen ihre Augen hervor, als sie hinzufügt: „Von diesem Komischsein.“
Auch interessant
„Meine Mutter ist der lustigste Mensch, den ich kenne“
Trotz all der ernsthaften Debatten im Elternhaus: „Meine Mutter ist der lustigste Mensch, den ich kenne“, sagt Tülin. Diese Leichtigkeit hätten sie alle. Irgendwann sei ihr klar geworden: Moment mal, das darf ich ja auch als Aktivistin: Lustig sein, obwohl die Themen ernst sind. Als DJane in Clubs arbeiten. Lustige Reels drehen. „Und auch noch dabei schön aussehen.“ Also macht sie Comedy auf Social Media. Und sie geht für das Projekt „German Dream“ in Schulen, um Jungen und Mädchen mit Migrationsgeschichte zu bestärken. „Ich zeige jetzt allen den Schmerz, der uns ausmacht und der immer da sein wird“, sagt sie. „Aber eben nicht mit einer gewissen Opfermentalität, sondern mit Freude.“
Zurück ins Jahr 2014. Düzen Tekkal und ihr Vater kehren von ihrer Irak-Reise zurück. Im Gepäck haben sie den Film „Hawar – meine Reise in den Genozid“. Protagonisten erzählen darin von ihrer panischen Flucht, der ständigen Angst vor den IS-Schergen und den Verschleppungen. Tagelang saßen Menschen in den Bergen fest, ohne Nahrung, ohne Wasser. Oft sahen sie zu, wie ihre Kinder oder Eltern entkräftet starben.
Als Düzen Tekkals Schwester Tezcan den Film sah, kündigte sie ihren Job als gut verdienende Immobilienkauffrau. Das Geschwisterpaar gründete Hawar.help. Der Fokus lag zunächst auf der akuten Nothilfe für Überlebende und der Aufklärung über den Völkermord. Die Ersparnisse waren schnell aufgebraucht, zeitweise nutzten sie das kostenlose Internet einer Kaffeehauskette in Berlin-Mitte, um Hilfe zu organisieren, E-Mails zu schreiben und Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Tugba, die Fußballerin, stieg ein und nutzte ihren freien Trainingstag, um Mädchen mit Fluchtgeschichte zu ermutigen. Und Tuna, die nach ihrer Scheidung gerade als Bürokauffrau in Hannover einen neuen Job angenommen hatte, zog mit ihren beiden Töchtern nach Berlin, um die Schwestern zu unterstützen.

So groß der Enthusiasmus war, so sehr fehlte Geld. Für den Kaffee bei Gesprächen mit Journalisten und oft genug auch für das tägliche Leben.
Düzen Tekkal: „Ich konnte mich mit der Merkel-CDU identifizieren“
Doch mit ihrer Expertise setzten sie sich durch. Düzen Tekkal wurde zum Gesicht von Hawar.help. Nach Angaben der Organisation haben die Schwestern in den sozialen Medien innerhalb von 90 Tagen über 65 Millionen Aufrufe. Und weil sie sich unterschiedlich engagieren – in der Politik, im Sport, in der Kultur, Unterhaltung und Bildung –, erreichen sie weite Teile der Gesellschaft. Tugba ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, Düzen ist in der Politik gefragt. Der Bundestag hörte sie als Sachverständige an, die CDU handelte sie 2018 als Integrationsbeauftragte. In zwei Landtagswahlkämpfen war sie für die CDU im Schattenkabinett. „Ich konnte mich mit der Merkel-CDU identifizieren“, sagt sie heute.
Auch interessant
Damals habe sie geglaubt, eine Verbindung von konservativen Werten und Zuwanderungsgeschichte sei möglich. Heute denke sie das nicht mehr. „Da gibt es keine Nähe mehr.“ Inzwischen sei sie eine der größten Kritikerinnen der aktuellen Bundesregierung unter Friedrich Merz. „Dazu stehe ich auch.“ So wirft sie ihm vor, in den Migranten Sündenböcke für männliche Gewalt zu suchen, sie zu „migrantisieren“, statt eine Debatte über strukturelle männliche Gewalt zu führen.
Was Menschen Menschen antun: In diesem Sinne geht es ihr auch um die Frauen in Deutschland, die Männergewalt ausgesetzt sind. Auch darüber wacht das Auge des Engel Pfau, der Tausi Melek. Dieses Auge gehört zum Logo von Hawar.help.
Auch interessant
Neulich hat die Mutter ein Machtwort gesprochen. Es war nach der Griechenland-Reise, die ihre fünf Töchter mit ihr unternommen hatten. Eine Reise, bei der die Tekkal-Schwestern auch ihre Follower mitnahmen und die Mutter in ihre Reels integrierten. Sie strahlen Unbeschwertheit aus, Dankbarkeit der Töchter, Stolz der Mutter. Aber ach. Bevor die Mutter nach Hannover zurückreiste, gab es ein Donnerwetter. „Es war eine Vernichtung“, sagt Düzen. „Wir sollten endlich an uns denken. An unsere Zukunft.“ Die Mutter pfeift auf die Prominenz. Auf die Reichweite, die das Quintett auf Instagram, Linkedin, Tiktok, Facebook oder X erreicht. Das ist nicht die Sicherheit, die sie sich für ihre Töchter wünscht.
Die Töchter verstehen ihre Sorge. „Doch alles, was wir heute aufgebaut haben, basiert auf dieser Asche des Völkermords“, erklärt Düzen. Die Menschen, die um Hilfe gerufen haben, „die sprachen ja unsere Sprache. Ihre Schwester Tuna nickt. „Auf einmal war so eine Identität da. Wir wussten dann: Das sind ja unsere Wurzeln.“
„Wut und Wärme“
In ihrem Buch erzählen die Tekkal-Schwestern von ihrer Herkunft, ihrer Verantwortung und dem weiblichen Zusammenhalt in Politik und Gesellschaft. Brandstätter, 200 S., 25 €.







