Brasilien

Der große Umarmer: Lulas holpriger Weg ins Präsidentenamt

Von Martina Farmbauer und Denis Düttmann, dpa
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Luiz Inácio Lula da Silva umarmt seine Frau Rosangela.

Luiz Inácio Lula da Silva umarmt seine Frau Rosangela.

Foto: Andre Penner/AP/dpa

São Bernardo do Campo  Der linke Ex-Präsident hat die erste Runde der Präsidentenwahl in Brasilien zwar gewonnen, aber Amtsinhaber Bolsonaro kann sich als der wahre Gewinner fühlen. Jetzt erscheint das Rennen in der Stichwahl offen.

Lula nimmt es sportlich. «Das ist für uns nur eine Verlängerung», sagt der linke Ex-Präsident nach der ersten Runde der Präsidentenwahl in Brasilien. Der Kandidat der Arbeiterpartei hatte auf einen klaren Sieg im ersten Durchgang spekuliert, doch aus dem schnellen Triumph wird nichts. In vier Wochen muss Luiz Inácio Lula da Silva in der Stichwahl noch einmal gegen den rechten Amtsinhaber Jair Bolsonaro in den Ring steigen. «Zum Missfallen einiger habe ich jetzt weitere 30 Tage, um Wahlkampf zu machen», sagt Lula. «Ich liebe Wahlkampf. Und ich beginne morgen damit.»

Zwar hat sich Lula mit 48,43 Prozent der Stimmen gegen Amtsinhaber Bolsonaro durchgesetzt. Doch auch der Rechtspopulist kann sich als Gewinner fühlen. Mit 43,20 Prozent geht er deutlich stärker aus der ersten Runde hervor als erwartet. «Unsere Gegner haben sich nur auf einen 100-Meter-Lauf vorbereitet. Wir sind bereit für einen Marathon», schreibt Bolsonaro auf Twitter. «Wir werden mit Zuversicht und wachsender Kraft kämpfen, in der Gewissheit, dass wir für das Vaterland, für die Familie, für das Leben, für die Freiheit und für den Willen Gottes siegen werden.»

Haftstrafe verhinderte Wahlteilnahme

Trotz des Rückschlags im ersten Wahlgang ist Lulas Comeback eine erstaunliche Wendung. Vor vier Jahren saß er noch wegen Korruption und Geldwäsche verurteilt hinter Gittern. Auch damals führte er in den Umfragen, konnte wegen seiner Haftstrafe aber nicht an der Präsidentenwahl teilnehmen. Später wurde das Urteil aus formalen Gründen kassiert. Lula kam frei und startete im Rentenalter noch einmal durch.

«Lula ist ein Phänomen», sagt Luiz Antonio Carvalho, Weggefährte der ersten Stunde bei der Arbeiterpartei PT, der Deutschen Presse-Agentur. «Kaum jemand kennt das Leben in Brasilien so wie er.» Der heute 76-Jährige war erst Schuhputzer, dann Gewerkschaftsführer, und schaffte es schließlich in den Präsidentenpalast. Während seiner Amtszeit von 2003 bis 2010 modernisierte der «Präsident der Armen» die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas und verbesserte die Lebensbedingungen Millionen armer Brasilianer mit dem Programm «Fome Zero» (Null Hunger) und der Familiensozialhilfe.

Viele seiner Anhänger verbinden Lula noch immer mit diesen goldenen Zeiten Brasiliens. «Im Wahlkampf hat er vor allem auf Nostalgie gesetzt», sagt der Politikwissenschaftler Mauricio Santoro von der Universität des Bundesstaates Rio de Janeiro der dpa. Der charismatische Politiker galt lange Zeit als Lichtgestalt der lateinamerikanischen Linken. Der damalige US-Präsident Barack Obama würdigte ihn einmal als «beliebtesten Politiker der Welt». Allerdings blühte während seiner Regierungszeit auch die Korruption. In der Mittel- und Oberschicht herrscht tiefes Misstrauen gegen die Linken, die sich in den Boomjahren die Taschen füllten. In Brasilien selbst ist Lula unter anderem deshalb umstritten.

Lula nannte Bolsonaro Völkermörder

Die Wahl hat das Land extrem polarisiert, aus politischen Gegnern wurde erbitterte Feinde. Lula nannte Bolsonaro wegen dessen zögerlicher Corona-Politik einen Völkermörder, Bolsonaro schimpfte seinen Kontrahenten nach dessen Verurteilung wegen Korruption einen Dieb. In den vergangenen Monaten wurden mindestens drei Lula-Anhänger von mutmaßlichen Bolsonaro-Fans getötet. Die Unterstützer des Amtsinhabers forderten bereits vor der Wahl immer wieder unverhohlen einen Militärputsch gegen das Parlament und die Justiz, die Bolsonaro öfter in die Schranken wiesen.

Bolsonaro hatte zuletzt Zweifel am Wahlsystem gestreut und angedeutet, das Ergebnis möglicherweise nicht anzuerkennen. Nach der Wahl gab er sich nun erstaunlich zahm. «Ich verstehe, dass die Bevölkerung den Willen zur Veränderung hat, aber es gibt bestimmte Veränderungen, die sich zum Schlechten wenden könnten», sagte er nach Lulas Sieg in der ersten Runde.

Schmutziger Wahlkampf erwartet

Vor der zweiten Runde müssen beiden Kandidaten nun um jede Stimme kämpfen, das Rennen in völlig offen. Das könnte schmutzig werden. «In einer zweiten Runde, die derart polarisiert ist, wird es kaum um politische Vorschläge für das Land geben», sagte die Politikwissenschaftlerin Graziella Testa von der Universität von São Paulo. «Die Tendenz ist, dass es hauptsächlich ein Wahlkampf sein wird, der aus Anschuldigungen besteht.»

Um in der Stichwahl gegen Bolsonaro zu bestehen, muss Lula nun vor allem das Vertrauen der Unentschiedenen in der Mitte zurückerlangen. Als großer Umarmer setzt er auf ein breites Bündnis gegen den rechten Scharfmacher Bolsonaro, der auch wegen seiner rücksichtslosen Corona-Politik und seines häufig vulgären Benehmens an Unterstützung verloren hat. Mit seinem früheren Kontrahenten Gerardo Alckmin als Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten hat Lula einen Vertreter des bürgerlichen Lagers ins Boot geholt.

Dem moderaten Alckmin wird auch zugetraut, im Falle eines Wahlsiegs von Lula in der Stichwahl im politischen Brasília Mehrheiten zu organisieren. Viele Gefolgsleute von Bolsonaro zogen bei der Wahl am Sonntag in den Kongress ein. Und ohne den «Centrão» - eine Ansammlung kleiner und kleinster Parteien, die sich häufig im Gegenzug für politische Unterstützung Ämter und Posten sichern, kann in Brasília ohnehin kaum jemand regieren. Auch Lula nicht.

© dpa-infocom, dpa:221003-99-985474/4 (Von Martina Farmbauer und Denis Düttmann, dpa)