Die Suche nach der Wahrheit zum Abschuss von Flug MH17 über der Ukraine

Es ist eines der größten Kriegsverbrechen der neueren Zeit. Am 17. Juli 2014, gegen 16:20 Uhr Ortszeit, wurde der Malaysia Airlines Flug MH17 über der Ostukraine abgeschossen. Alle 298 Insassen starben, darunter viele Kinder. Wer holte das Flugzeug vom Himmel? Nach der Suche zu den Hintergründen erklären die Autoren, dass die Bundesregierung nicht vor Gefahren für zivile Flugzeuge gewarnt hatte.

Ein Arbeiter an Teilen des abgestürzten Wracks. Archivfoto: dpa

Foto: zgt

Lange war die Absturzstelle von Flug MH17 ein grausiges Leichenfeld. Die Körper der Passagiere verwesten im heißen ukrainischen Sommer, während in unmittelbarer Nähe gekämpft wurde – und Kämpfer und Anwohner das Gepäck der Toten plünderten. Schließlich, nach nervenzehrendem diplomatischen Tauziehen, konnten die meisten Leichenteile geborgen und in die Niederlande überführt werden.

Im September 2014 veröffentlicht die niederländische Flugsicherheitsbehörde OVV einen ersten Untersuchungsbericht. Alles an Bord von Flug MH17 verlief planmäßig. Keine aufgeregten Stimmen, keine Panik, keine Störung an der Maschine. Das belegt deren Blackbox. Abrupt endete deren Aufzeichnung um 16:20 Uhr Ortszeit, über der Ostukraine.

In diesem Augenblick, so der Untersuchungsbericht, wurde MH17 von einer großen Anzahl von "Objekten mit hoher Energie" getroffen. Objekte, die mit hoher Geschwindigkeit von oben und von vorn in das Flugzeug einschlagen, mit derartiger Gewalt, dass der Rumpf wohl schon in der Luft auseinander reißt.

NATO-Luftkampfexperten, darunter der ehemalige niederländische Kampfflieger Harry Horlings, sind sich einig: Flug MH17 wurde von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen. Sie sei programmiert, kurz vor und über dem attackierten Flugzeug zu explodieren. Das Flugzeug müsse dann in einen Hagel aus tödlichen Schrapnells fliegen - "Objekte mit hoher Energie, die das Flugzeug von vorne und von oben durchstoßen haben".

Und wenn es eine Boden-Luft-Rakete war, dann kann es nur eine BUK M1 gewesen sein, ein Flugzeugkiller sowjetischer Entwicklung. Sie ist in der Lage, auch Flugzeuge in 15 Kilometern Höhe präzise abzuschießen. Ihr Gefechtskopf enthält 70 Kilogramm Sprengstoff, der kurz vor dem Aufprall in Tausende scharfer Schrapnells explodiert – "Objekte mit hoher Energie".

Das BUK-Lenkwaffensystem hat eine klare taktische Aufgabe – es schützt Panzer und Bodentruppen. "Russische Panzereinheiten bewegen sich nur, wenn sie von BUKs begleitet werden", sagt ein NATO-Luftkampfspezialist. "Ohne den Schutz der Raketen sind die Kettenfahrzeuge leichte Beute für Kampfbomber." Es sei eine militärische Zwangsläufigkeit, die allen Militärs in den NATO-Staaten bekannt sei. Das veraltete BUK-Lenkwaffensystem ist zudem eine große Gefahr für die zivile Luftfahrt, auch darin sind sich die Experten einig, da die Radarerfassung des System nicht zwischen militärischen und Passagierflugzeugen unterscheiden kann. Weshalb Gegenden, in denen russische Panzer in Gefechtsbereitschaft gehen, unter keinen Umständen von zivile Flugzeugen überquert werden dürften.

Bereits am 14. Juni veröffentlichte die NATO Fotos von russischen Panzern in der Stadt Snizhne. In den Wochen darauf tobte über der Ostukraine ein Kampf zwischen ukrainischen Luftstreitkräften und russischen Panzern und Flugabwehrraketen. Mindestens neun Flugzeuge und Hubschrauber wurden abgeschossen.

Das Bundesministerium der Verteidigung hätte umgehend Alarm schlagen und die Fluggesellschaften warnen müssen, welche Gefahren ihnen beim Überfliegen der Ostukraine drohen. Doch die Behörde von Ursula von der Leyen blieb stumm. Sie hätte mit dem Flugverbot bekennen müssen, dass russische Panzer und Luftkampfeinheiten in der Ost-Ukraine agieren. Doch die deutsche Regierung scheute sich, den Krieg in der Ostukraine einen Krieg zu nennen.

Wo stieg die tödliche BUK-Rakete auf? Die entscheidende Spur stammt vom internationalen Investigativ-Team Bellingcat. Hinter Bellingcat steht der junge Journalist Eliot Higgins. Seine Methode: Akribisch wertet er die zahlreichen Spuren aus, die jedes Ereignis heute im Internet hinterlässt, Fotos, Videos, Einträge in den sozialen Netzwerken.

Eine BUK-Abschussrampe ist ein imposantes Fahrzeug. Sie bleibt nicht lange unsichtbar. Am 17. Juli, dem Tag des Abschusses, ist eine BUK-Raketenrampe auf der Landstraße N21 unterwegs. Am späten Vormittag verlässt sie Donetzk. Sie steht auf einem Tieflader mit weißer Führerkabine; ein Fotograf der französischen Zeitschrift "Paris Match" fotografiert sie aus einem fahrenden Auto heraus. Der Fotograf ist dicht dran: Man sieht die verschrammte Flanke der Abschussrampe, auch die Reste einer übermalten Kennzeichnung sind zu erkennen. Später wird der Tieflader in Zuhres gefilmt, danach in Torez fotografiert, schließlich in Snizhne. Hier fährt die BUK vom Tieflader herunter.

Woher stammt die Lenkwaffe? Auch das hat Bellingcat ermittelt. Minutiös haben die Rechercheure Bilder von russischen BUKs mit Aufnahmen jener Abschussrampe verglichen, die am 17. Juli in Richtung Snizhne fuhr. Vor allem ein Detail führte die Ermittler auf die richtige Spur: besagte Abschürfungen an der Abdeckung über der linken Panzerkette. Genau die gleichen Abschürfungen hatte eine BUK-Rampe, die im Juni in Russland fotografiert wurde. Sie gehört zur 53. russischen Luftabwehrbrigade, stationiert in Kursk, und sie trägt die Kennziffer 3*2 – die mittlere Zahl war stets unleserlich. Auch weitere Details passen. Und: Mitte Juni macht sich ein Konvoi der 53. Flugabwehrbrigade von Kurs auf in Richtung Ukraine.

Und die Fotos aus den sozialen Netzwerken beweisen: Dass eine der Abschussrampen, jene mit der Nummer 3*2, am 17. Juli 2014, jenem verhängnisvollen Nachmittag, in Stellung geht auf einem Feld im Norden von Snizhne.

Das Feld ist nicht ohne weiteres einsehbar. Im Osten versperrt ein Fabrikgelände den Blick zur nahen Landstraße, ein Eisenbahndamm und ein Wäldchen schützen den Norden des Feldes vor Blicken. Jenseits des Bahndamms liegt eine Siedlung. Sie besteht aus flachen Gehöften, eingefriedet von Zäunen und Mauern. Hunde bellen. Menschen sind anfangs nicht zu sehen. Taucht doch mal jemand auf, dann geht er gleich weiter. Die Menschen haben Angst. "Die bringen mich um, wenn ich etwas sage", sagt ein Mann.

Eine Frau wohnt mit ihrer Tochter gleich am Bahndamm. Sie war am 17. Juli 2014 im Haus. "Ich habe einen lauten Schlag gehört", sagt sie, dann habe ihre Nachbarin angerufen und gesagt, dass ein Flugzeug abgeschossen wurde. "Wir haben den Rauch gesehen." Weitere Nachfragen wehrt sie ab.

Zwei Tage später ein weiterer Besuch. Es ist noch früh. Die Straßen in der Siedlung sind leer. Wieder bellen Hunde, sie zerren hinter Metalltoren an Ketten. Nach langem Klopfen öffnet ein Bewohner seine Haustür. Anfangs hat auch dieser Mann Angst. Schließlich beginnt er zu erzählen: "Ich war im Hof und habe eine Explosion gehört, einen Schlag. Die Ziegel auf dem Dach wackelten. Es gab so einen langen Ton. Und dann gab es eine sehr starke Explosion. Und gerade als ich auf die Straße gelaufen bin, stürzte das Flugzeug ab, entlang der Straße einige Kilometer entfernt von hier."

Erstmals bestätigt damit ein glaubwürdiger Augenzeuge, dass es eine Boden-Luft-Rakete war, die das Passagierflugzeug vom Himmel holte. Sie wurde in Stellung gebracht von Soldaten der 53. russischen Luftverteidigungsbrigade aus Kursk, die sich ohne Hoheitszeichen in der Stadt Snizhne befanden, um russische Panzerverbände zu schützen.

Wer gab den Befehl zum Abschuss? Ein russischer Offizier? Ein prorussischer Separatist? Für die von uns kontaktierten NATO-Luftkampfexperten gibt es keinen Zweifel: "Russische Raketen werden nur auf Befehl russischer Offiziere abgeschossen", sagt einer von ihnen.

Eine BUK ist ein veraltetes und zugleich hochkomplexes und todbringendes System, es zu beherrschen erfordert ständiges Training. Fünf Jahre dauerte die Ausbildung zum BUK-Schützen am einstigen Institut für Raketentechnik in Kiew. "Das ist nicht wie Fahrradfahren", sagt einer der Absolventen. Eine BUK-Mannschaft müsse ein eingespieltes Team sein, die Abläufe ständig trainieren. "Selbst Veteranen verlernen das schnell."

Das bestätigen Rekruten der 53. Luftabwehrbrigade in Kursk. Einen von ihnen konnten wir kontaktieren. Nach einer viermonatigen Ausbildung durfte Viktor Kusowkin das Schleppfahrzeug der BUK lenken. Eine BUK abzufeuern? Wäre nie in Frage gekommen. "Da muss man zuvor ein Militärinstitut absolvieren", sagt Kusowkin. "Das ist eine ziemlich schwere Aufgabe. Nur Offiziere dürfen sie übernehmen."

Dazu passt auch die Aussage eines Kommandanten der prorussischen Separatisten. Nein, sagte er zu einem Correctiv-Reporter, die Separatisten seien nicht in der Lage, ein komplexes Waffensystem wie die BUK zu bedienen.

Es gibt kaum einen Zweifel: Russische Offiziere müssen den Befehl zum Abschuss von MH17 gegeben und umgesetzt haben. Die russischen Streitkräfte unter Wladimir Putin haben die Ostukraine destabilisiert, sie haben die Truppen und die Technik in das Separatistengebiet gebracht, um MH17 abzuschießen. Es spielt keinerlei Rolle, ob der Abschuss gezielt war oder aus Panik versehentlich erfolgte. Die Verantwortung für den Abschuss von Flug MH17 trägt der russische Präsident Wladimir Putin.

Bundesregierung hätte vor Gefahr für Passagiermaschinen warnen müssen

Das Bundesministerium für Verteidigung hat es nach Recherchen von CORRECT!V, Der Spiegel und Algemeen Dagblad versäumt, zivile Fluggesellschaften rechtzeitig vor Gefahren beim Überfliegen der Ostukraine zu warnen. Bereits im Juni 2014, rund einen Monat vor dem Abschuss des Passagierjets MH17, war Militärexperten der Nato bekannt, dass russische Flugabwehrraketen mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Seiten der Separatisten im Einsatz waren. Es war den Militärexperten klar, dass diese Flugabwehrraketen Zivilflugzeuge treffen konnten. Dieses Wissen hätte Grundlage für Warnungen der Bundesregierung sein müssen.

Das Bundesverteidigungsministerium weist diese Darstellung genauso wie das Bundeskanzleramt zurück und verweist auf eine Stellungnahme vom August 2014. Darin heißt es zum Abschuss von MH17: "Die Bundesregierung konnte nicht davon ausgehen, dass der zivile Flugverkehr in der betreffenden Flughöhe Ziel von Angriffen sein würde."

Unterdessen hat die Niederländische Regierung in einer Antwort an das dortige Parlament eingestanden, das den Behörden und dem Kabinett klar gewesen sei, dass der Luftraum über der Ostukraine gefährdet gewesen sei. Dies sei dem Kabinett "allgemein bekannt" gewesen, heißt es in dem Papier. Dennoch seien die Luftfahrtgesellschaften nicht gewarnt worden. Man habe sich auf Information der ukrainischen Autoritäten verlassen, nach denen der Flugraum oberhalb 9,75 km sicher gewesen sei.

Das malayische Passagierflugzeug MH17 wurde am 17. Juli 2014 nördlich der ostukrainischen Stadt Snizhne abgeschossen, alle 298 Insassen starben. Nach Erkenntnissen des gemeinnützigen Recherchebüros CORRECT!V hätte das Bundesverteidigungsministerium ab dem 14. Juni, gut einen Monat vor der Tragödie, von der tödlichen Gefahr wissen müssen, die der zivilen Luftfahrt über der Ostukraine drohte.

Am 14. Juni veröffentlichte die Nato Fotos von russischen Panzern in der Stadt Snizhne. Nach russischer – und westlicher – Militärdoktrin bewegen sich Panzereinheiten im Feindgebiet nie ohne mobile Flugabwehrsysteme. Russische Panzereinheiten werden von BUK-Lenkwaffen geschützt, die mühelos Flugzeuge in 15 Kilometern Höhe abschießen können. Dies bestätigten uns mehrere Nato-Luftkriegsexperten und BUK-Offiziere aus den ehemaligen Ostblockstaaten.

Zwischen Mitte Juni und Mitte Juli tobte über der Ostukraine ein Kampf zwischen ukrainischen Luftstreitkräften und russischen Panzern und Flugabwehrraketen. Die ukrainische Luftstreitkräfte verloren in dieser Zeit mehr als neun Flugzeuge und Hubschrauber. Dieser Kampf war der Nato bekannt. Es war damit klar, dass Waffen zum Einsatz kamen, die Passagierjets abschiessen konnten. Bislang hieß es in Berichten etwa der Süddeutschen Zeitung lediglich, dass die ukranische Regierung spätestens nach dem Abschuss einer Antonov in großer Höhe den Luftraum über der Ostukraine hätte schließen müssen. Doch auch die Bundesregierung hätte bereits Wochen vorher auf Basis der Nato-Kenntnisse Warnungen vor dem Überflug aussprechen müssen.

Dennoch unternahm Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen nichts, um die Lufthansa und andere Fluggesellschaften vor dieser Gefahr zu warnen. Die taktische Grundregel, das Panzer von einer mobilen Luftabwehr geschützt werden, wurde auch aus Bundeswehrkreisen mehrfach bestätigt. Dennoch beharrt die Bundesregierung darauf, sie habe nicht davon ausgehen können, dass der zivile Luftverkehr in der betreffenden Flughöhe Ziel von Angriffen sein würde, sagte ein Regierungssprecher.

Die Lufthansa gab an, nichts von den Gefahren durch weit reichende Flugabwehrraketen zu wissen. Sie führe zwar eigene Sicherheitsanalysen durch, verweist aber darauf, dass ihnen wesentliche "militärische und geheimdienstliche Informationen" nicht zur Verfügung stünden. "Die Verantwortung für die Freigabe und die Schließung von Luftstraßen liegt bei den Staaten", so ein Sprecher.

Ehemalige Kampfpiloten der Nato-Staaten erklärten gegenüber CORRECT!V, dass die Gefahren für die zivile Luftfahrt über der Ostukraine mehr als offensichtlich waren. In einer solchen Kriegslage dürften Passagierflugzeuge auf keinen Fall das Kampfgebiet überfliegen. "Piloten müssen im Panzerkrieg die feindliche Luftabwehr fürchten", sagte etwa der ehemalige niederländische Kampfflieger Harry Horlings. Die Luftabwehrraketen können jederzeit auch Ziviljets treffen.

zur Originalgeschichte über FLug MH17 von CORRECT!V

Wer ist Correct!v?

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.