Kommentar

Doppelspitze ist kein Patentrezept für die Rettung der SPD

Berlin  Der SPD-Vorstand hat den Weg frei gemacht für eine Doppelspitze. Diese Idee allein wird die Partei allerdings nicht retten können.

Rednerpulte im Willy-Brandt-Haus, dem Sitz der SPD in Berlin.

Rednerpulte im Willy-Brandt-Haus, dem Sitz der SPD in Berlin.

Foto: Carsten Koall / dpa

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Jetzt soll es bei der SPD also eine Doppelspitze richten. Wahrscheinlich. Denn die Lösung, die der Vorstand nach stundenlangen Beratungen ausbaldowert hat, hält auch die Möglichkeit offen, dass alles beim Alten bleibt. Also eine Frau alleine (was Andrea Nahles nicht lange vergönnt war) oder ein Mann alleine.

Eine Doppelspitze festzuschreiben, davor schreckte die Führung zurück. Das hätte neuen Streit provoziert. Nicht allen in der SPD schmeckt das Modell Doppelwhopper. Und außerdem ist alles, was nach Vorgabe von oben nach unten aussieht, in der SPD gerade so beliebt wie ein fetter SUV mit 300 PS vor einer Kita. Kein Basta mehr, keine Hinterzimmer. So soll neues Vertrauen im zerrütteten Verhältnis zwischen den Taktgebern im Willy-Brandt-Haus und der SPD-Basis wachsen. Die Sozialdemokraten müssen nur höllisch aufpassen, dass sie sich in einem gut gemeinten basisdemokratischen Labyrinth verirren.

Die ums Überleben kämpfende Partei projiziert wieder einmal alle Hoffnungen auf die Personen an ihrer Spitze. Werden diese enttäuscht, sind die Genossen brutal. Auch deshalb stehen mögliche Bewerber für Zweierteams oder Solo-Kandidaturen, die sich bis zum 1. September melden können und dann in einen Mitgliederentscheid gehen, nicht Schlange. Wer will sich eine hoffnungsvolle Karriere in der Provinz auf dem Schleudersitz in Berlin versauen?

SPD: Nahles und Scholz waren einer Doppelspitze ähnlich

Martin Schulz wurde mit 100 Prozent zum Messias ausgerufen, kein Jahr später trat er als gedemütigter Wahlverlierer zurück. Bei Nahles feierte die Partei sich selbst, dass sie es nach 155 Jahren schaffte, erstmals eine Frau an die Spitze zu lassen.

Nahles war zeitgleich Fraktionschefin, damit alle Macht in einer Hand lag. Wenn man so will, bildete sie zusammen mit Vizekanzler Olaf Scholz bereits eine informelle Doppelspitze. Beide arbeiteten professionell und vertrauensvoll zusammen. Den weiteren Niedergang der stolzen Volkspartei konnten sie nicht stoppen.

Das ist ein Indiz dafür, dass die Doppelspitze nicht das Patentrezept für die Rettung der SPD sein kann. Natürlich schielen die Genossen neidisch zu den Grünen. Die schicken sich an, mit dem Duo Annalena Baerbock und Robert Habeck die Ökopartei in die nächste Regierung und womöglich ins Kanzleramt zu führen.

„Doppelspitze heißt für mich doppelt stark“, sagte Baerbock zuletzt. Im Umfragehoch fällt das leicht. Frühere Tandems bei den Grünen, etwa Cem Özdemir und Simone Peter, gönnten sich nichts. Auch bei den Linken und bei der AfD gibt es in den Doppelführungen Friktionen.

Die kommende SPD-Spitze ist nicht zu beneiden

Dennoch ist es richtig, dass die SPD etwas riskiert. Im besten Fall werden aus einer Castingshow, auf der die Bewerber bei 20 bis 30 Regionalkonferenzen nach dem 1. September durch das Land ziehen, „Festspiele der Demokratie“. Die CDU hat bei der Merkel-Nachfolge um den CDU-Vorsitz vorgemacht, wie das geht.

Ein Problem bleibt. Sich durchsetzen dürften vermutlich Personen, die der gedemütigten SPD-Basis einen raschen Austritt aus der verhassten großen Koalition in Aussicht stellen. Der Druck auf die kommende Führung könnte nach dem 1. September unerträglich werden. Verliert die SPD nach 30 Jahren in Brandenburg die Macht und stürzt in Sachsen unter 10 Prozent, dürfte das No-Groko-Lager kaum mehr zu bändigen sein.

Aber eine Flucht aus der Verantwortung, weil alles so schlimm ist? Das würden die Bürger bei einer Neuwahl bestrafen. Die kommenden Führungspersönlichkeiten an der SPD-Spitze sind nicht zu beneiden.

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