Balkanroute

Warum jetzt immer mehr Flüchtlinge über den Balkan kommen

Michael Backfisch
| Lesedauer: 6 Minuten
Viele Tote bei Untergang von Flüchtlingsbooten vor Griechenland

Viele Tote bei Untergang von Flüchtlingsbooten vor Griechenland

Beim Untergang eines Flüchtlingsbootes in der Nähe der griechischen Insel Lesbos sind mindestens 15 Menschen ums Leben gekommen. Auch vor der Südküste Griechenlands ist ein Boot untergegangen, mehrere Flüchtlinge konnten sich ans Ufer der Insel Kythira retten.

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Berlin.  Fast die Hälfte aller illegalen Übertritte findet derzeit entlang der Balkanroute statt. Serbien spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Der Eurocity 178 von Prag nach Berlin ist für viele Menschen ein Zug der Hoffnung. Wenn er planmäßig um 8.26 Uhr am sächsischen Grenzbahnhof Bad Schandau hält, steigen am Anfang und am Ende des Zuges Bundespolizisten zu. Auf der 20-minütigen Fahrt bis Dresden führen sie stichprobenartig Kontrollen durch. „Oft melden sich Flüchtlinge von selbst. Die meisten sind froh, wenn sie deutsche Bundespolizisten sehen. Denn dann wissen sie, dass sie am Ziel sind“, sagt Holger Uhlitzsch von der Bundespolizeiinspektion Dresden.

Seit Sommer ist die Zahl der Migranten auch im Bereich der Dresdner Inspektion sprungartig gestiegen. Waren es im Juli noch gut 500, kamen im August schon 1200 und im September etwa 2400 - das waren etwa so viele wie im gesamten Jahr 2021. Vor allem Menschen aus Syrien werden bei der unerlaubten Einreise aufgegriffen, aber auch Iraker und Afghanen.

„Etwa 95 Prozent von ihnen treffen ohne Papiere ein, die meisten sind zwischen 15 und 25 Jahre alt“, berichtet Inspektionsleiter Rico Reuschel. Die Strecke zwischen Prag und Dresden ist in den vergangenen Jahren immer mehr zum internationalen Transitweg geworden.

Von Januar bis September: 228.240 illegale Übertritte an den EU-Außengrenzen

Dabei gerät eine Flüchtlingsroute erneut in den Blickpunkt, die zuletzt in Vergessenheit geraten ist: die Migranten versuchen zunehmend, von Griechenland oder Bulgarien aus in die EU-Länder Slowenien, Österreich, Tschechien oder Polen zu gelangen. Viele nehmen dann weiter Kurs auf Deutschland.

Die EU-Grenzschutzagentur Frontex verzeichnete zwischen Januar und September 228.240 illegale Übertritte an den EU-Außengrenzen – das ist ein Anstieg von 70 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und der höchste Wert seit 2016.

Die Balkanroute steht in dem am Donnerstag vorgestellten Bericht an erster Stelle. 106.396 Migranten reisten über diese Strecke illegal in die EU, ein Plus von 170 Prozent im Vergleich zur Vorjahresperiode. 65.572 Flüchtlinge (plus 42 Prozent) kamen über das zentrale Mittelmeer, 28.873 (plus 118 Prozent) über das östliche Mittelmeer.

Österreich: 5000 Prozent mehr Asylbewerber aus Indien

Bei der Balkanroute nimmt Serbien eine zentrale Position ein. Das Land, ein Kandidat für den EU-Beitritt, gilt als Einfallstor für Flüchtlinge auf dem Weg in die Gemeinschaft. Grund dafür ist die laxe Visapolitik: In westlichen Hauptstädten heißt es, dass Migranten zum Beispiel aus Drittstaaten wie Pakistan, Indien, die Türkei, Burundi, Ägypten, Tunesien oder Kuba visafrei nach Serbien ein- und dann weiterreisen können.

Die Migration über die Balkanroute hat dramatisch zugenommen. Das merken wir auch in Österreich“, sagte der österreichische Außenminister Alexander Schallenberg am Donnerstag vor Journalisten in Berlin. „In unserem Land gab es im August 3500 Asylbewerber allein aus Indien, das sind fast 5000 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Viele von diesen sind visafrei nach Belgrad geflogen und dann nach Österreich weitergereist.“ Schallenbergs Forderung: „Serbien und andere Balkanländer müssen ihre laxe Visapolitik an EU-Standards anpassen.“

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Visa: Serbien spielt unter Westbalkan-Länder eine Schlüsselrolle

Die Bundesregierung will die Visapraxis mit sanftem Druck abstellen. „Zunächst ist es wichtig, dass die EU-Länder und auch Deutschland mit den Transitländern des Westbalkans reden und zusammenarbeiten – und das tun wir. Serbien spielt da eine Schlüsselrolle, aber es geht auch um Länder wie Nordmazedonien, Montenegro oder Bosnien-Herzegowina“, sagte Manuel Sarrazin (Grüne), Sonderbeauftragter der Bundesregierung für den Westbalkan, unserer Redaktion.

„Wir sind schon länger mit der Regierung in Belgrad im Gespräch, dass visafreie Einreisemöglichkeiten aus Drittstaaten aus Asien, Afrika oder Lateinamerika, die zur Weiterreise in die EU genutzt werden, eingeschränkt werden sollten“, so Sarrazin. Der serbische Präsident Aleksandar Vučić habe Anfang Oktober angekündigt, bis zum Ende des Jahres das serbische Visa-Regime den europäischen Standards anzupassen. „Das ist ein wichtiger Schritt, denn das würde dazu beitragen, die Durchreisen durch Serbien zu verringern.“

Flüchtlingsroute: Kontrollen an der Grenze zu Österreich sollen verlängert werden

Auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) zeigte sich besorgt über die wachsende Zahl von Flüchtlingen über die Balkanroute. An den deutschen Grenzen und den EU-Außengrenzen „steigt der Druck derzeit an“, betonte sie. „Deshalb müssen wir auch klar für eine Begrenzung sorgen.“

Die Kontrollen an der Grenze zu Österreich sollen demnach über den November hinaus um ein halbes Jahr verlängert werden. An der Grenze zu Tschechien kontrolliere die Bundespolizei verstärkt im Rahmen der Schleierfahndung. Zudem habe man in Gesprächen erreicht, dass Tschechien und Österreich Grenzkontrollen zur Slowakei eingerichtet hätten.

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Innenministerin Faeser: Die Unterbringung der Migranten ist ein „humanitärer Kraftakt“

Die verstärkte Zuwanderung über die Balkanroute schlägt sich auch in steigenden Asylzahlen nieder. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge stellten zwischen Januar und Ende September 134.908 Menschen erstmals einen Asylantrag in Deutschland. Das ist rund ein Drittel mehr als im Vorjahreszeitraum.

Die Zahlen liegen zwar weit unter den Größenordnungen zu Zeiten der Flüchtlingskrise 2015/16. Zudem sind sie relativ gering im Vergleich zu den rund 1,003 Millionen Menschen, die wegen des Ukraine-Kriegs nach Deutschland flohen. Dennoch kommt Innenministerin Faeser zu dem Fazit: Die Unterbringung der Migranten sei ein „humanitärer Kraftakt“ – er sei immer schwerer zu bewältigen, je länger der Krieg dauere.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.