Proteststurm

Holocaust-Gedenken: ARD-„Tagesschau“ löst Empörung aus

Berlin/Jerusalem.  Eine „Tagesschau“-Reporterin hat mit ihrem Kommentar zum Gedenken in Israel einen Proteststurm ausgelöst. Was ihr vorgeworfen wird.

Tel Avivs Oberrabbiner Lau, Israels Premier Netanyahu und Russlands Präsident Vladimir Putin (v.l.).

Tel Avivs Oberrabbiner Lau, Israels Premier Netanyahu und Russlands Präsident Vladimir Putin (v.l.).

Foto: RONEN ZVULUN / AFP

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Die ARD-„Tagesschau“ ist wegen eines Kommentars einer Korrespondentin zu den Gedenkveranstaltungen in Jerusalem zum 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung in die Kritik geraten.

Eine Korrespondentin des Hessischen Rundfunks, die seit Jahren im ARD-Hauptstadtbüro arbeitet, hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit anderen Reportern auf dessen Reise nach Israel begleitet. In einem Radio­kommentar mit dem Titel „Eine vertane Chance“, der von der „Tagesschau“-Redaktion online gestellt wurde, bewertete sie Steinmeiers Rede am Donnerstag in der Gedenkstätte Yad Vashem als würdigen Beitrag im Gedenken an die Gräueltaten der Nazis und im Kampf gegen Antisemitismus.

„Tagesschau“-Kommentar äußerte Kritik an Israel und Russland

Der Bundespräsident hatte sich klar zur deutschen Schuld bekannt und den Holocaust als größtes Verbrechen in der Menschheitsgeschichte bezeichnet. „Unwürdig war dagegen, wie Israel und Russland diesen Gedenktag teilweise kaperten. Wie sie vor der offiziellen Veranstaltung sozusagen ihre eigene politische und erinnerungspolitische Privatparty feierten – mit neuen Verbalattacken gegen Polen –, wie sie die Einweihung eines Denkmals zur Erinnerung an die Belagerung Leningrads gnadenlos überzogen, wie sie 90- oder 100-jährige Holocaust-Überlebende eine Dreiviertelstunde lang in Yad Vashem warten ließen wie bestellt und nicht abgeholt – und dazu noch mehr als 40 Staats- und Regierungschefs“, kommentierte sie.

Putin hatte im Beisein von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu in Jerusalem zunächst ein Denkmal in Erinnerung an die Belagerung der russischen Millionenstadt Leningrad durch die Nazis eröffnet. Unter den Hunderttausenden Russen, die damals verhungerten, war auch ein Bruder Putins.

„Bild“-Chefredakteur kritisiert Kommentar auf Twitter

Der Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, Julian Reichelt, kritisierte auf Twitter die Wortwahl der ARD-Frau. „Dass Israel das Holocaust-Gedenken ‚kapert‘ und in Yad Vashem eine ‚Party‘ zur Befreiung von Auschwitz feiert, ist das Unwürdigste und Abstoßendste, was man zu diesem Jahrestag schreiben kann, liebe Tagesschau.“ Die israelische Zeitung „Jerusalem Post“ griff den ARD-Kommentar ebenfalls auf: „Deutsche Reporterin wirft Israel Missbrauch von Holocaust-Gedenken vor“, hieß es.

Unter den Staats- und Regierungschefs, die in Yad Vashem der Auschwitz-Befreiung gedachten, hatte es Verstimmungen gegeben, weil Putin mit deutlicher Verspätung in Yad Vashem eintraf. Offene Kritik gab es aber nicht.

HR stellt sich hinter seine Korrespondentin

Der Hessische Rundfunk wies die „teilweise überzogene und polemische Kritik“ am Kommentar seiner Korrespondentin zurück. Dieser gebe die persönliche Einschätzung der Autorin wieder. „Sie hat nicht das Yad-Vashem-Gedenken an die Befreiung von Auschwitz als ‚Privatparty‘ bezeichnet, sondern die vorangegangenen Veranstaltungen von Ministerpräsident Netanjahu und Russlands Präsidenten Putin, die den Beginn der Gedenkfeier erheblich verzögerten“, twitterte der HR.

Die Autorin habe keinen Zweifel daran gelassen, wie wichtig ihr der Kampf gegen den weltweiten Antisemitismus sei. „Wenn der Kommentar an diesem besonderen Gedenktag Gefühle verletzt hat, bedauern wir dies ausdrücklich.“ Die „Tagesschau“ wollte der Sendererklärung auf Anfrage nichts hinzufügen.

Unser Kommentator meint, der kritisierte „Tagesschau“-Beitrag sei zum Fremdschämen.

(tb)

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