Wahlen

Justin Trudeau: Entzauberung eines Hoffnungsträgers

Ottawa/Washington.  Kanadas Premier Trudeau galt als freundlicher Gegenentwurf zu Donald Trump. Nun kämpft er bei den Wahlen ums politische Überleben.

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau kämpft –  wie hier in Milton, Ontario – gegen die schlechten Umfragewerte an.

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau kämpft – wie hier in Milton, Ontario – gegen die schlechten Umfragewerte an.

Foto: STEPHANE MAHE / Reuters

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Es wäre seit 1935 das erste Mal, dass ein kanadischer Regierungschef, der eine satte Parlamentsmehrheit errungen hat, bei der folgenden Wahl ausgemustert oder in eine Minderheitsregierung gezwungen wird. Aber genau das könnte Justin Trudeau am heutigen Montag widerfahren.

Wenn das zweitgrößte Land der Erde an die Wahlurnen geht, ist von der Euphorie nicht mehr viel zu spüren, die dem Mann mit dem jugendlichen Elan und dem großen Namen (Vater Pierre war Premierminister in den 70er Jahren) 2015 entgegenschlug und Kanada nach einem konservativen Jahrzehnt durch einen Erdrutschsieg eine liberale Regierung verschaffte.

Justin Trudeau liefert sich Kopf-an-Kopf-Rennen

Trotz der geringsten Arbeitslosenquote seit fast 40 Jahren (unter sechs Prozent) ist Trudeau nach einer langen Reihe von selbstgemachten Skandalen in der Wählergunst abgestürzt, der einstige Hoffnungsträger ist entzaubert. Derzeit konstatieren die Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Trudeau und seiner Liberalen-Partei und Herausforderer Andrew Scheer, dem Kopf der Konservativen.

Die ganze Welt himmelt Justin Trudeau an

Bei jeweils rund 32 Prozent hätte keines der Schwergewichte genug auf den Rippen, um eine Mehrheit der 338 Sitze im Parlament zu bekommen – und damit die alleinige Macht. Eine Konstellation, die auf eine Minderheits-Regierung hinausliefe. Als Mehrheitsbeschaffer dürften die links von Trudeau angesiedelten „Neuen Demokraten” um ihren Turban tragenden Anführer Jagmeet Singh erste Wahl sein.

Viele Kanadier empfinden ihren Premier als scheinheilig

Sie, die programmatisch zwischen SPD und Linkspartei pendeln, rangieren mit rund 20 Prozent auf Rang drei. Gefolgt von den Grünen, die Trudeau wegen unerfüllter Umweltversprechen triezen und zuletzt neun Prozent erreichten. Während Singh eine Tolerierung der Konservativen ausgeschlossen hat, die bei Einwanderung und gleichgeschlechtlichen Beziehungen Nein-Sager sind, können sich die Grünen dies vorstellen.

Dass nicht wenige Kanadier ihren Premier als scheinheilig empfinden, hat Gründe. Trudeau wettert gegen den notorischen Menschenrechtsverletzer Saudi-Arabien, liefert aber Panzer nach Riad. Trudeau charmiert Greta Thunberg, will dem Klimawandel mit einer CO2-Steuer beikommen, zwei Millionen Bäume neu Pflanzen und das Land bis 2050 emissionsneutral gestalten, nimmt aber gleichzeitig fünf Milliarden Dollar Steuergeld in die Hand, um für Ölsand aus Alberta die 1150 Kilometer lange „Trans Mountain Pipeline” zu kaufen.

Rassismus-Skandal überschattet Wahlkampf

Wie ein Mühlstein hängt dem Regierungschef dazu ein Skandal am Hals, der sein Saubermann-Image jäh zerbröseln ließ. In der Affäre um den für Schwindeleien bekannten Baukonzern SNC-Lavalin hatte Trudeau seine frühere Justizministerin massiv bedrängt, dem besagten Unternehmen aus seinem Wahlkreis in Québec in einem Korruptionsprozess, nun ja, unter die Arme zu greifen. Angeblich, um Arbeitsplätze zu retten.

Als zwei seiner wichtigsten Ministerinnen nicht mitspielten, Alarm riefen und das Kabinett verließen, ließ Trudeau sie aus der Partei werfen. Was bei Ureinwohner-Vereinigungen (Ex-Justizministerin Jody Wilson-Raybould ist indigener Abstammung) und Feministinnen gar nicht gut ankam. Eine offizielle Watchdog-Organisation hat Trudeau nicht nur dafür „unethisches” Verhalten attestiert.

Rivale nennt Trudeau „notorischen Lügner“

Erst vor wenigen Wochen tauchten zudem alte Fotos auf, die Trudeau auf einem Kostümball mit dunkel geschminktem Gesicht zeigen. Das unter dem Stichwort „blackface” bekannte Gebaren gilt in den USA wie in Kanada als bornierter Ausdruck von Rassismus.

•Hintergrund: Brownfacing: Trudeau entschuldigt sich für Foto aus 2001

Trudeau unterbrach seinen Wahlkampf, schlüpfte in die Büßer-Pose und sorgte für ein medial flächendeckend übertragenes Mea Culpa mit begrenzter Durchschlagskraft. Er habe Anfang der 2000er Jahre einfach nicht um die Verfänglichkeit seiner Aktionen gewusst…

Was seinen Rivalen Andrew Scheer dazu verleitet, den Amtsinhaber als „notorischen Lügner” abzustempeln. Bei der einzigen englisch-sprachigen TV-Debatte im Geschichts-Museum von Gatineau vor wenigen Tagen warf der fünffache Familienvater Trudeau vor, die Staatsfinanzen zu ruinieren, weil er zur Bekämpfung von Armut, für die Förderung von Familien und die Verbesserung des Gesundheitswesen sechs Milliarden Dollar zusätzliche Schulden aufnehmen will.

Trudeaus Strahlkraft bei jungen Wählern lässt nach

Scheer ist auf dem Feld der Finanzpolitik aber selbst verwundbar, weil er Steuer-Erleichterungen für höhere Einkommen plant, im Sozialbereich die Schere ansetzt und die CO2-Steuer begraben will. Zudem kämpft der in politischen Spitzenfunktionen unerprobte Politiker (40) mit der erst jüngst bekannt gewordenen Tatsache, dass er Doppelstaatler ist. Er besitzt die kanadische und die amerikanische Staatsbürgerschaft. „Was kein Beinbruch ist“, sagen Politik-Analysten in Ottawa. „nur warum hat Scheer das nie von sich aus erwähnt?”

Beunruhigend ist für Trudeau die Tatsache, dass seine Strahlkraft bei jungen Wählern nachlässt. Lag die Wahlbeteiligung der 18- bis 24-Jährigen 2015 bei 57 Prozent (18 Prozent mehr als 2011), so rechnen Umfrage-Institute diesmal mit erheblicher Wahlenthaltung: „Viele Jüngere haben die Nase voll”, meint die Zeitung „Globe and Mail”.

Nach Drohungen: Auftritt mit kugelsicherer Weste

Daran dürfte auch der Faktor Empathie/Mitleid nicht viel ändern, der kürzlich eine Rolle spielte. Weil es laut Sicherheitsbehörden ernsthafte Drohungen gegen seine Person gab, trat Trudeau bei einer Wahlkampf-Kundgebung in Toronto mit kugelsicherer Weste unter dem Hemd auf. Alle Spitzenvertreter der übrigen Parteien sprangen für einen Moment dem Gegner zur Seite und betonten, dass in Kanadas Demokratie Gewaltandrohungen gegen Politiker nichts zu suchen hätten.

Trudeau, instinktsicher wie sein Vater, versuchte indirekt daraus Kapital zu schlagen. Vor Wählern in Windsor/Ontario empfahl sich der 47-Jährige als der einzige Kandidat, der in einer Welt „voller Chaos und Populismus” als starke Kraft auftreten könne. Unter anderem gegen eine Person, die in Kanada ausgesprochen wenig gelitten ist: US-Präsident Donald Trump.

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