Letzter DDR-Innenminister: "Ich bin ein freundlicher Anarchist"

Braungebrannt, sportlich, elegant, erfolgreich - Peter-Michael Diestel hat sich nicht verändert. Der promovierte Rechtsanwalt gehörte im Wende-Jahr 1989/90 zu den schillerndsten Figuren der letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière und zu den Architekten der deutschen Einheit.

Trafen sich am Dienstag zum ersten Mal im Leben: Dr. Peter-Michael Diestel (CDU) in Jena-Lobeda mit Ortsteilbürgermeister Volker Blumentritt (SPD). Foto: Lutz Prager

Trafen sich am Dienstag zum ersten Mal im Leben: Dr. Peter-Michael Diestel (CDU) in Jena-Lobeda mit Ortsteilbürgermeister Volker Blumentritt (SPD). Foto: Lutz Prager

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Jena. Auf dem Weg nach Suhl, wo der passionierte Jäger seinen Büchsenmacher aufsuchen will, machte Diestel am Dienstag Station in Jena-Lobeda. Ein Bekannter, der im Vorstand der Jenaer Tafel mitarbeitet, hatte ihn auf die Baustelle des fast fertigen neuen Tafelhauses eingeladen. Der Verein erhofft sich über Diestels Kontakte Unterstützung. Unsere Zeitung hatte danach Gelegenheit einige Fragen an ihn zu stellen.

Herr Diestel, Sie sind 1994 aus der Politik ausgestiegen, arbeiten als Rechtsanwalt und tauchen hier und da immer mal wieder in den Medien auf. Was machen Sie heute?

Ich bin ein freundlicher Anarchist, der keine Bomben schmeißt. Was ich für zweckmäßig halte und was mein geistiger Horizont hergibt, das mache ich. Was ich nicht verstehe, das mache ich nicht. Das hat zu einer sehr auskömmlichen Vermögenslage geführt und beschert mir ein hohes Ansehen an der Basis meiner Partei sowie in anderen Parteien. Ich werde höflich gegrüßt. Auf meine Lebensleistung, die mit der deutschen Einheit zusammenhängt - Kohl und Schäuble auf der einen Seite; de Maiziere und Diestel auf der anderen - darauf bin ich stolz. Das hat mich geprägt und begleitet, und darüber habe ich ein lustiges Buch geschrieben.

Das klingt nach einem Mann, der mit sich im Reinen ist und nach sehr viel Lust. Warum sind Sie nicht dauerhaft in der Politik geblieben?

Die Zeit bis zur deutschen Wiedervereinigung war ein Abschnitt, für den die Spannung und die Kraft bei mir gereicht haben. Alles in der Politik, was danach kam, der Aufbau der Verwaltungsstrukturen in Brandenburg etc. war für mich profan und nicht so attraktiv. Seitdem bin ich wieder mit Leib und Seele Anwalt, streite mich mit Kraft und großem Vergnügen und habe mich jahrelang um den Fußball bei Hansa Rostock gekümmert.

Sie sind aber immer noch aktives CDU-Mitglied.

Das bleibe ich auch. Ich gehöre verschiedenen Wirtschaftsverbänden an und unterstützte gern Freunde in ganz Deutschland bei Wahlkämpfen. In solchen Zeiten erinnert sich die CDU-Spitze gern daran, wer genug Kraft hat, um das Volk aufzuwiegeln und dann wiegele ich eben das Volk für die guten Gedanken meiner Partei auf.

Nach den Ergebnissen der letzten Wahlen scheint das beim Volk aber nicht anzukommen.

Die guten Gedanken stehen im Programm, doch das liest keiner, also kennt sie niemand. Zum Glück hat die blasse Sozialdemokratie meine Partei immer wieder gerettet.

Probleme mit dem Volk haben aber beide große Volksparteien. Woran liegt das?

Zum großen Teil am Personal. Die Politik lebt von Personen, die begeistern können. Leute, die schon etwas vorweisen können, die Schlachten geschlagen haben, sind in den Parteien aber nicht gut gelitten. Stromlinienförmige, blutarme Typen, ich nenne sie Löschblattverkäufer, tummeln sich heute in den Führungsriegen. Wenn es die Parteien nicht lernen, wieder kernige, Widerspruch erregende Typen zu dulden, das gilt für CDU, SPD und Linke gleichermaßen, dann werden diese Volksparteien eines Tages gegen den Baum fahren. Das liegt einfach daran, weil ihnen dann solche Typen linksaußen und rechtsaußen das Leben schwer machen. Vor dieser Tendenz habe ich Angst. Die Leute auf der Straße merken genau, wer ist mittelmäßig, wer ist unterdurchschnittlich und hinter wem kann ich hinterherlaufen. Wenn wir denen die Politik überlassen, die es nicht können, müssen wir uns nicht über sinkende Wahlbeteiligungen wundern.

Aus einer satten, zufriedenen Position heraus lässt sich gut lästern. Warum machen Sie es nicht besser?

Ich sage es ganz ehrlich: Ich will nicht wieder mit einem Drittel oder Viertel meines heutigen Einkommens als Rechtsanwalt leben. Ich bin völlig unabhängig. Aber wenn das Vaterland ruft und wieder mal so ein Abenteuer kommt und meine ehemalige stellvertretende Regierungssprecherin sagt, alles was der Diestel in den letzten 20 Jahren gesagt hat, ist verfassungsrechtlich und politisch richtig gewesen, dann bin ich bereit.

Sie spielen damit auf den Vorwurf an, Sie hätten einen verharmlosenden Umgang mit ehemaligen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit gepflegt oder IM als Mitarbeiter im Innenministerium weiter beschäftigt.

De Maizière und ich hatten nur eine einzige Aufgabe: dieses kommunistisch geprägte Vaterland in die deutsche Einheit zu überführen, einschließlich dieses riesigen militärischen Komplexes, den ich befehligte. Diestel hat in einer sehr, sehr frühen Zeit mit einer Million Personen unter Waffen und in Uniform Frieden geschlossen. Den Leuten den dicken Oberarm zu zeigen, hätte bedeutet, das Ergebnis dieser friedlichen Revolution zu verspielen. Kohl, Schäuble, Biedenkopf haben das im Nachhinein als völlig richtig bewertet.

Roland Jahn als neuer Chef der Stasi-Unterlagenbehörde sieht das anders. Er will 21 Jahre danach 47 ehemalige MfS-Mitarbeiter in seiner Behörde entlassen.

Roland Jahn, den ich persönlich kenne und schätze, macht einen großen politischen Fehler. Er hätte die Chance gehabt, dieses ewig Spaltende zu überwinden, statt sie nach 20 Jahren treuer Arbeit rauszuwerfen. Wenn ein Mörder 1990 verurteilt wurde, dann wäre er nach 15 Jahren entlassen worden und nach 20 Jahren dürfte man ihn nicht mal mehr einen Mörder nennen. Der kleine IM wird dagegen erbarmungslos geschlachtet bis heute. Ich bin voller Glück, dass damals kein Schuss gefallen ist. Daran haben auch die eine Million Genossen in den bewaffneten Organen, die ich damals führte, ihren Anteil.

Sie sprachen beiläufig von Ihrer stellvertretenden Regierungssprecherin und meinen Angela Merkel. Als Bundeskanzlerin gilt Sie heute als eine der einflussreichsten Frauen der Welt. Hatten Sie ihr das nicht zugetraut?

Ich habe höchsten Respekt vor ihr. Sie nahm persönlich eine irrsinnige Entwicklung. Aber sie hat natürlich das Klavierspielen auch bei Helmut Kohl gelernt. Merkel ist sehr intelligent und sie ist eine starke Kanzlerin. Für mich ist sie etwas zu aktionslos, aber wir haben unterschiedliche Sichten. Heute steht Angela oben auf dem Berg und muss von den Aussichten dort oben ihre Entscheidungen treffen. Ich bin einer von 80 Millionen und bewerte das, was sie tut, von unten. Sie hat Deutschland auf jeden Fall stabil geführt und aus den wesentlichen Konflikten herausgehalten. Ob die unkritische Nähe zu den USA oder der Afghanistan-Einsatz zweckmäßig sind, da habe ich meine Zweifel. Aber das mag da oben vom Berg eben anders aussehen. Das muss ich akzeptieren.

Politiker und Jurist

Peter-Michael Diestel ist am 14. Februar 1952 in Prora auf Rügen geboren.

Er ist ein Rechtsanwalt und ehemaliger stellvertretender Ministerpräsident und Minister des Inneren der DDR im Kabinett von Lothar de Maizière. Kurzzeitig im Herbst 1990 auch Vizekanzler.

Berufsausbildung mit Abitur als Rinderzüchter, 1972 als Schwimmlehrer und Bademeister, 1974–1978 Jurastudium an der Universität Leipzig.

1978–1989 Leiter der Rechtsabteilung der Agrar-Industrie-Vereinigung Delitzsch.

1986 Dissertation über LPG-Recht zum Dr. jur.

Im Dezember 1989 Mitbegründer der Christlich-Sozialen Partei Deutsch

lands (CSPD) und im Januar 1990 der Deutschen Sozialen Union (DSU), Generalsekretär bis Juni 1990.

März bis Oktober 1990 Abgeordneter der Volkskammer und von April bis Oktober stellv. Ministerpräsident und Minister des Inneren der DDR.

Im Juni 1990 DSU- Austritt, bis heute CDU-Mitglied.

Mitglied des Brandenburgischen Landtages bis 1994. Von 1990 bis 1992 erster Fraktionschef der CDU und erster Oppositionsführer im Landtag.

Seit 1993 Anwaltskanzlei in Potsdam, weitere Büros in Berlin, Leipzig und in den mecklenburgischen Orten Güstrow und Zislow, wo Diestel privat auf einem Bauernhof lebt.

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