Ukraine-Krieg

Angriff auf Kiew: Das passiert, wenn Russland Stadt einnimmt

Michael Backfisch
| Lesedauer: 5 Minuten
In Kiew wächst die Angst vor russischem Großangriff

In Kiew wächst die Angst vor russischem Großangriff

In der Ukraine wächst die Angst vor einem großen russischen Angriff auf Kiew und weitere Städte. Am Montag aufgenommene Satellitenbilder zeigten einen 60 Kilometer langen russischen Militärkonvoi nordwestlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew.

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Berlin   Wohl aus Enttäuschung über den stockenden Vormarsch will Wladimir Putin den Widerstand der Ukrainer mit massiven Angriffen brechen.

  • Ein riesiger russischer Konvoi bewegt sich auf die ukrainische Hauptstadt Kiew zu
  • Laut US-Geheimdiensten ist Putin „frus­triert“
  • In Kiew rechnet man mit dem Schlimmsten

In Kiew stellen sich die Menschen auf das Schlimmste ein. „Überall in der Stadt knallt es. Die Leute schauen nervös zum Himmel, ob die Bomber kommen“, sagt der Journalist Linus Hennemann am Dienstag unserer Redaktion am Telefon. Er befindet sich in einem Hochhaus im Stadtteil Obolon, rund zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. „Freiwillige, die man an ihren gelben Armbinden erkennt, patrouillieren durch Kiew. Einige tragen Schrotflinten oder leichtere Gewehre, aber keine Maschinenpistolen“, so Hennemann.

Am späten Nachmittag verhängt die Regierung für Kiew eine Ausgangssperre von 20 bis 7 Uhr. Der Aufenthalt auf der Straße ist in dieser Zeit verboten. Einzige Ausnahme: der Weg zum Schutzbunker. Darüber hinaus werden die Menschen angewiesen, die Vorhänge vor den Fenstern zuzuziehen und das Licht auszuschalten.

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Kiew: Fast alle Brücken sollen gesprengt sein

Die ukrainischen Kräfte hätten fast alle Brücken gesprengt, um den Vormarsch der Russen zu stoppen, berichtet Hennemann. Auf den Straßen seien gepanzerte Fahrzeuge der ukrainischen Armee und Ambulanzfahrzeuge zu sehen. „An einigen Stellen wurden Barrikaden durch Betonklötze errichtet, um die russischen Panzer aufzuhalten“, so Hennemann.

„Vor den Supermärkten bilden sich seit Montag rund 300 Meter lange Schlangen.“ Die Leute versuchten, Nudeln, Reis, Wasser und Brot zu kaufen. „Aber viele Läden haben zu oder die Regale sind leer.“ Die Menschen könnten – wenn überhaupt – nur wenige Dinge kaufen. „An den Bankautomaten gibt es kein Geld mehr.“

Vor den Toren Kiews rüsten sich die Truppen des russischen Präsidenten Wladimir Putin für eine massive Offensive. Satellitenbilder zeigen einen über 65 Kilometer langen Militärkonvoi mit Panzern und anderen Militärfahrzeugen, der sich auf die Hauptstadt zubewegt. In der zweitgrößten ukrainischen Stadt Charkiw im Osten des Landes verschärfen die russischen Truppen ihre Angriffe.

Ukraine-Konflikt: Schwere Gefechte auch in Charkiw und Ochyrka

Das ukrainische Außenministerium veröffentlichte auf Twitter ein Video, das einen Raketeneinschlag direkt auf dem zen­tralen Freiheitsplatz zeigt. Mindestens elf Menschen seien in der Nacht zu Dienstag getötet worden, berichtet Bürgermeister Ihor Terechow. Russische Panzer und gepanzerte Fahrzeuge seien „überall“ in der Stadt zu sehen. Darüber hinaus sprenge das russische Militär Umspannwerke. So komme es zu Pro­blemen bei der Strom- und Wasserversorgung, klagt der Bürgermeister.

Wie in Charkiw versuchen die Anwohner auch in Melitopol im Süden der Ukraine den Vormarsch zu stoppen. Gepanzerte russische Fahrzeuge und Militär-Jeeps wollen über die Hauptstraße weiter. Doch Menschen blockieren den Weg. Sie rufen: „Besatzer! Besatzer!“

Ein russischer Soldat feuert mit seiner Maschinenpistole in die Luft. Doch die Menschen schrecken nicht zurück. „Geht nach Hause!“, rufen sie. Der Konvoi kommt nicht voran. Dann bricht das Video ab, das ein Mann auf Twitter geteilt hat.

In der Stadt Ochyrka im Nordosten gibt es ebenfalls schwere Gefechte. Mindestens 70 ukrainische Soldaten seien bei Bombenangriffen getötet worden, berichtet der Leiter der Regionalverwaltung, Dmytro Schywytskyj. In der ostukrainischen Hafenstadt Mariupol ist nach einer russischen Offensive die Stromversorgung unterbrochen. „In Mariupol wurde die Stromleitung gekappt, die Stadt ist ohne Strom“, erklärt der Gouverneur der Region Donezk, Pawlo Kirilenko. Mariupol und Wolnowacha stünden „unter dem Druck des Feindes, aber sie halten stand“, meint der Gouverneur. Das rund 20.000 Einwohner zählende Wolnowacha sei jedoch weitgehend „zerstört“.

US-Geiheimdienste: Putin angeblich „frus­triert“

Die massive Ausweitung der russischen Angriffe ist wohl auch auf Putins Enttäuschung über den stockenden Vormarsch zurückzuführen. Die Militärplaner in Moskau waren davon ausgegangen, dass russische Truppen in wenigen Tagen Kiew einnehmen würden. Wie die Vergangenheit zeigt, dürfte Russland auch vor Attacken mit vielen zivilen Opfern nicht zurückschrecken. In den zwei Tschetschenienkriegen in den 1990er- und 2000er-Jahren legten russische Streitkräfte die Hauptstadt Grosny in Schutt und Asche. Im syrischen Bürgerkrieg kämpfte die russische Luftwaffe an der Seite von Machthaber Baschar al-Assad und machte auch vor der Bombardierung von Krankenhäusern und Schulen nicht halt.

Nach Angaben von US-Geheimdiensten ist Putin zunehmend „frus­triert“ über das ausgebliebene Blitzkrieg-Szenario, berichtet der amerikanische Fernsehsender NBC. Es gebe konkrete Hinweise, dass der Kremlchef mit „ungewöhnlichen Wutausbrüchen“ auf Menschen in seinem direkten Umfeld losgehe. Normalerweise agiere er kühl und strategisch.

Putins Isolation sei „eine Hauptsorge“, zitiert der Sender einen mit Russland vertrauten Diplomaten. „Wir glauben nicht, dass er realistische Einblicke hat in das, was gerade in der Ukraine passiert.“

Dieser Artikel ist zuerst auf waz.de erschienen.

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt